Die Reizfigur – Roland Berger

Geschmäht und verdächtigt – der Berater Roland Berger ist der bekannteste Vertreter einer Branche, die ins Gerede gekommen ist.

Von Rainer Frenkel aus „DIE ZEIT 05.02.2004 Nr.7“.

Vor knapp zwei Jahren. Ein Gespräch mit Roland Berger in Münchens Arabellastraße. Rasch war von den Vor- und Nachteilen die Rede, die es mit sich bringt, eine öffentliche Figur zu sein.

Der Mann, der als einziger europäischer Unternehmensberater in der amerikanisch dominierten Branche ganz vorn mitmischt, und zwar weltweit, sagte damals ahnungsvoll: „Es besteht die Gefahr, in den Augen mancher etwas zu bekannt zu werden.“ Weniger diplomatisch formuliert: zur Reizfigur zu werden.

Roland Berger ist zwei Jahre später zur Reizfigur geworden.

Äußerlich ist in seinem Büro alles beim Alten geblieben. An den Wänden Werke der vor zwölf Jahren verstorbenen Amerikanerin Joan Mitchell und des zeitgenössischen Italieners Enzo Cucchi. Im Raum eine Skulptur des Amerikaners John Angus Chamberlain, bunt emaillierter Technikschrott. Freundlich-skurrile Stücke sind das, Zeugen aus einer Welt, die heute ferner scheint denn je.

Ansonsten ist das mäßig große Büro beinahe lieblos eingerichtet, ohne jede Prätention, keine Rede von Protz. Der Schreibtisch – leer. Symbol der hauseigenen clean desk policy. Alle Akten sind verschwunden. Und, als wollte er die Symbolik ironisch auf die Spitze treiben, mit ihnen der Hausherr. Eine Grippe hat ihn erwischt. Zu reden ist mit ihm nur via Soundstation, eine Art Interferenztelefon. Seine sonore, ruhige Stimme ist grippal aufgeraut. Der Verdacht auf eine diplomatische Krankheit entfällt.

Zu dem, was da in den vergangenen Tagen an Verdächtigungen und Schmähungen, wie er’s offenbar empfindet, auf ihn eingeprasselt ist, mag Berger sich konkret nicht äußern. Selbst vorsichtige Kommentare zieht er später zurück. Es ist, als wolle er untertauchen, jedenfalls aber jeglicher Versuchung widerstehen, die Diskussion noch anzuheizen. Gar in Richtung Politik. Die Beratung, zumal die der öffentlichen Hand, ist ein verschwiegenes Geschäft. Und hat sich nicht da, wo die Dinge an den Tag gekommen sind – in Sachen Bundesagentur für Arbeit –, herausgestellt, dass alles seine Ordnung hatte?

„Die Frage ist“, so sagt Berger, „warum so relativ irrelevante Themen wie die Beratung im öffentlichen Bereich plötzlich eine solche Bedeutung bekommen?“ Irrelevant, das ist quantitativ zu verstehen; dieses Geschäft bringt nur sechs oder sieben Prozent seiner Honorarumsätze. Zu den qualitativen Vorwürfen, er arbeite mit Seilschaften, produziere Gefälligkeitsgutachten, betreibe Unsinniges mit Steuergeldern, äußert er sich im Gespräch nicht.

Er rätselt, warum die Wucht der publikumswirksamen Beschuldigungen gerade ihn trifft. Denn „tatsächlich erhält Roland Berger weniger öffentliche Aufträge als andere große Berater“. McKinsey zum Beispiel? Das Wort kommt nicht über seine Lippen. Er muss halt damit leben: „Politik und Wirtschaft werden in den Medien nun einmal zunehmend personalisiert.“ Die öffentliche Figur, Reizfigur.

Dafür aber, dass die Berater auch insgesamt ins Gerede gekommen sind, hat er eine gleichsam soziologisch-modische Interpretation: „Nach den Analysten und Investmentbankern sind jetzt offenbar die Berater an der Reihe.“

Nur schwer ist mit Roland Berger in diesen Tagen über Politik zu reden. Dass die Affäre zumindest auch auf politischer Bühne tobt, ist wahrlich nicht zu übersehen. Dennoch will er da keinesfalls mitspielen. Auffällig ist, dass viele Angriffe aus der CDU kommen, während die Berliner Regierung fein beiseite steht. Berger sagt dazu nur: „Man schlägt den Sack und meint den Esel.“ Welcher Sack, das ist klar, der Esel trabt im Reiche der Vermutung.

Jedermann weiß, dass Roland Berger auch Gerhard Schröder beraten hat oder berät. Und dass er ein besonderes Verhältnis hat zu Edmund Stoiber, kann und will Berger nicht bestreiten; politische Gespräche, private Einladungen. Nur, diese scheinbar widersprüchlichen Kenntnisse haben, anders als vor zwei Jahren, heute keine Konjunktur.

Die Politik wiederum spricht nicht froh davon, sagt Berger, „dass ein Deutscher in einem amerikanisch beherrschten Zukunftsmarkt, der immerhin allein in Deutschland 100000 Arbeitsplätze geschaffen hat, eine führende Rolle spielt“. Auch dieser Gedanke hat gerade so gar keine Konjunktur.

Als tröstlich empfindet er in dieser Situation allein, dass auch seine Kunden durchschauen, dass hier ein politisches Spiel gespielt werde; dass der Regierung eins ausgewischt werden solle. Was ihm natürlich grundsätzlich als legitim erscheint.

Dächten die Kunden anders, die aus dem nicht-öffentlichen Bereich, hätte Roland Berger viel zu verlieren. 1937 ist er in Berlin geboren, hat 1956 am humanistischen Gymnasium in Nürnberg Abitur gemacht, 1962 den Diplomkaufmann an der Ludwig-Maximilians-Universität in München; im selben Jahr ging er als Berater, später als Partner zur Boston Consulting Group in Boston und Mailand; fünf Jahre später, 1967, legte er den Nukleus der heutigen Roland Berger Strategy Consultants, deren Aufsichtsrat er seit 2002 führt. Die Gesellschaft gehört mit einem Honorarumsatz von mehr als einer halben Milliarde Euro zu den weltweit führenden Management-Beratungsgesellschaften; ein Drittel der Erlöse stammt aus dem Ausland. In Deutschland und Europa rangiert Berger hinter McKinsey auf Platz zwei, in der Welt auf Platz sechs.

Hierzulande berät Berger nahezu alles, was Rang und Namen hat, von Daimler/Chrysler bis zur Telekom. Man hat den Chef zum Lehrbeauftragten und Honorarprofessor gemacht. Er sitzt in ungezählten Beiräten, Aufsichtsräten und Gesellschaften wie Stiftungen ökonomischer, kultureller und akademischer Ausrichtung. Als Gesprächspartner und Publizist hat er den weitgehend gelungenen Versuch unternommen, omnipräsent zu sein.

Kein Zweifel: Roland Berger ist eine öffentliche Figur. Und das ist keineswegs eine historische Notiz. Er hat auf Bundes- und Landesebene in allen nur denkbaren Zukunftskommissionen gesessen. Niemand hat ihm das verübelt oder ihm finanzielle Interessen unterstellt für die ehrenamtliche Arbeit.

Auch das hat sich plötzlich verändert. Er habe, so wird ihm vorgeworfen, die jüngsten Reformkommissionen nur beehrt, um abzusahnen. Als Beispiel dient die Hartz-Kommission, mit den anfänglich inkriminierten, mittlerweile jedoch vom Hautgout weitgehend befreiten Aufträgen für die Bundesagentur für Arbeit und ihren dann doch wohl aus anderen Gründen entlassenen Chef Florian Gerster.

Wer ein wenig genauer hinschaut, sieht, wie gewöhnlich, besser. Nicht immer bringt Anwesenheit Aufträge, bleibt Abwesenheit folgenlos. So endete die Mitarbeit in der Rürup-Kommission ohne finanziellen Niederschlag. Und von der Bundeswehr gab es viel Geld, obwohl Berger der Weizsäcker-Kommission fern geblieben war.

All das hat für Roland Berger die Konsequenz: „Wir werden uns jedenfalls bis auf weiteres aus der Diskussion um die Politikberatung heraushalten.“

Die öffentliche Figur tritt ab. Bis auf weiteres jedenfalls.

Hier endet der Zeitartikel.

Als Hintergrund noch etwas Geschichte der Firma von Roland Berger, von deren Homepage.

1967: Ein-Mann-Betrieb wird gegründet
München, 1967: Roland Berger gründet – unterstützt von einer Sekretärin – das Unternehmen „Roland Berger International Marketing Consultants“. Sein erstes großes Projekt wird ein voller Erfolg: Roland Berger nutzt einen kleinen Marketing-Auftrag bei Touropa als Chance, die Fusion von Touropa, Scharnow, Hummel und Dr. Tigges zum Mega-Reiseveranstalter TUI mitzugestalten. Weitere spektakuläre Projekte folgen: die Erarbeitung einer innovativen vertikalen Marktstrategie für Trevira (ein Produkt des ehemaligen Farbenwerks Hoechst) sowie ein innovatives Marketingkonzept für den Finanzberatungsarm einer deutschen Großbank. Die Umsätze verdoppeln sich jedes Jahr. 1970 – nach nur drei Jahren – erwirtschaftet Roland Berger bereits 5,6 Mio. DEM Umsatz. 1973 ist Roland Berger die drittgrößte Beratung Deutschlands.
Der Ein-Mann-Betrieb mit Schwerpunkt Marketing entwickelt sich schnell zu einer partnerschaftlich organisierten Unternehmensberatung. Das Leistungsangebot ist jetzt weit gefächert, die Ausrichtung von Anfang an international. Mitte der 70er Jahre werden unter dem Dach der Holding die Personalberatung sowie die Gesellschaften für Markt- und Jugendforschung gegründet.
Zehn Jahre nach Gründung hat Roland Berger mehr als 100 Mitarbeiter, die knapp 20 Mio. DEM erwirtschaften. Das Unternehmen expandiert mit zahlreichen Niederlassungen in Deutschland und weiteren Schritten auf der internationalen Bühne: Das internationale Beraterkonsortium TIG (The International Group Consultancy and Research) wird mit Unternehmen in verschiedenen Ländern gegründet. 1980 wird Roland Berger als erstes europäisches Beratungsunternehmen in die ACME (Association of Consulting Management Engineers) aufgenommen – den ältesten und renommiertesten Verband von Unternehmensberatungen in den Vereinigten Staaten.

Von den 80er Jahren bis heute: Entwicklung zu einer führenden weltweit tätigen Strategieberatung
Mitte der 80er Jahre entfällt mehr als die Hälfte des Geschäfts von Roland Berger Strategy Consultants auf Strategieprojekte. Das Unternehmen ist jetzt eine Top-Management-Beratung mit zunehmend internationaler Ausrichtung. 1990 hat das Unternehmen 466 Mitarbeiter, die ein Honorarvolumen von 175 Mio. DEM erwirtschaften. Knapp 28 Prozent davon entfallen auf die ausländischen Niederlassungen.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Anfang der 90er Jahre expandiert das Unternehmen nach Mittel- und Osteuropa. In den USA hat das Unternehmen Kooperationen mit lokalen Partnern und einer Vertretung in New York. Die restriktiven US-amerikanischen Regelungen für Unternehmen mit Bankenbeteiligungen verhindern eigenständige Aktivitäten von Roland Berger Strategy Consultants in den USA (die Deutsche Bank hatte sich 1987 an dem Unternehmen beteiligt). Das ändert sich erst nach dem Management Buyout 1998, durch das Roland Berger und seine Partner wieder alleinige Eigentümer ihrer Partnerschaft werden.
Im Dezember 2002 wählen die Partner von Roland Berger Strategy Consultants eine neue Führungsmannschaft, die am 1. Juli 2003 das Amt übernimmt. Der Unternehmensgründer Prof. Dr. h.c. Roland Berger wechselt in den Aufsichtsrat. Um den konsequenten Kurs der Internationalisierung zu unterstreichen, gehört der Führungs mannschaft erstmals ein nichtdeutscher Partner an. Burkhard Schwenker wird zum Sprecher des neuen Executive Committee (EC) gewählt, António Bernardo zum stellvertretenden Sprecher. Nach langer und sorgfältiger Vorbereitung vollzieht das Unternehmen den Generationenwechsel an seiner Spitze.
Im Oktober 2004 erweitert Roland Berger Strategy Consultants seine Geschäftsführung: Mit Dirk Reiter und Vincent Mercier gehören künftig zwei weitere Partner dem EC an. Burkhard Schwenker wird von den Partnern einstimmig zum Vorsitzenden der Geschäftsführung ernannt. Sein Stellvertreter ist António Bernardo. Mit der Erweiterung des EC entspricht Roland Berger Strategy Consultants der fortschreitenden Internationalisierung des Beratungsgeschäfts. Im Dezember 2006 wurde das weltweite Geschäftsführungsgremium, das Executive Committee (EC), im Amt bestätigt

Eine europäische Erfolgsgeschichte

Roland Berger Strategy Consultants ist eine unabhängige Beratungsgesellschaft, die voll im Besitz ihrer über 130 Partner ist. Die führende Strategieberatung mit weltweiten Niederlassungen hat sich fest unter den Top 3 auf dem europäischen Markt und unter den Top 10 auf dem globalen Strategieberatungsmarkt etabliert. Die Ein-Mann-Beratung mit Schwerpunkt im Marketing ist zu einem Global Player geworden, dessen 15 weltweite Competence Center ihren Kunden umfassende und maßgeschneiderte Lösungen bieten.
Roland Berger Strategy Consultants hat sich außerhalb des Tagesgeschäfts auch im Bereich Forschung und Entwicklung einen Namen gemacht. Zahlreiche Studien über aktuelle Themen aus dem Bereich Wirtschaft und Management tragen das Firmenlogo. Dem 1998 ins Leben gerufenen Academic Network von Roland Berger Strategy Consultants gehören mittlerweile zahlreiche Universitäten an. Das Netzwerk steht im Mittelpunkt eines kontinuierlichen theoretischen und praktischen Know-how-Austauschs. Daneben stiftet Roland Berger Lehrstühle an mehreren Universitäten und veröffentlicht die Schriftenreihen „Roland Berger Strategy Consultants Academic Network“ (Springer-Verlag) und „Schriften zum europäischen Management“ (Gabler Verlag).

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