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Fliegen ohne Flügel

Habe im Urlaub u.a. gerade Tiziano Terzani’s „Fliegen ohne Flügel“ ausgelesen, welches mir ein lieber Freund zum Geburtstag geschenkt hat (Danke, Tony!).

Eine „Reise zu Asiens Mysterien“ heisst es im Untertitel. Ein schönes Buch, man begleitet den Spiegel Journalisten und Asienexperten auf seinen Reisen ohne Flugzeug durch Asien 1993. Trifft mit ihm Menschen, fühlt sich den Plätzen, die er besucht hat, nah… Terzani hat es wirklich geschafft, mich mitzunehmen auf seine Reise.

Der grandiose Schluss des Buches hat mich am meisten überrascht: auf den letzten paar Seiten berichtet er über einen 10 tätigen Meditationskurs, den er voller Skepsis besucht hat. Mit seinen 55 Jahren und über 20 davon in Asien, hat er sich nie dafür interessiert.

Hier ein kleiner Auszug mit seiner lesenswerten Meinung über den Buddhismus, die ich fast komplett teile:

Am Buddhismus hat mir immer die Toleranz gefallen, die Tatsache, daß es keine Sünde gibt, nicht diese dumpfe Last, die wir mit uns herumschleppen und die im Grunde unsere ganze Kultur zusammenhält: das Schuldgefühl. In buddhistischen Ländern gibt es etwas derartig grundsätzlich Verurteilenswertes nicht. Keiner macht einem irgendwelche Vorwürfe oder will einem eine Strafpredigt halten, eine Lektion erteilen. Darum fühlt man sich in diesen Ländern so wohl, und darum suchen dort so viele junge Reisende aus dem Westen die Freiheit. Der Buddhismus läßt einen in Frieden. Er verlangt nichts, schon gar nicht, daß man Buddhist wird. Eines der zahlreichen Verbote der Mönche – interessant, daß es auch untersagt ist, sich seiner Fortschritte in der Meditation zu rühmen – besteht darin, daß sie niemanden in ihrer Religion unterrichten dürfen, der nicht eigens darum ersucht hat. Der Buddhismus läßt einen sein, wie man will. Er schreibt zwar vor, nicht zu töten, aber alle tun es. Und die Mörder? Ausschließlich deren Sache. Ihre nächste Inkarnation ist dann eben weniger gut! Keiner ist bestrebt, hier und jetzt Recht und Gerechtigkeit zu üben. Das am allerwenigsten. Es geht uns nichts an. Deshalb ist auch Nächstenliebe keine moralische Pflicht. Im Gegenteil: wer den Armen hilft, hindert sie daran, sich von schlechtem Karma zu befreien; wer sich um einen Aussätzigen kümmert, verhindert dessen Erlösung durch das Ertragen von Leid und damit dessen günstigere Wiedergeburt. Wenn das Haus den Nachbarn in Brand gerät, so hat das bestimmt mit seinem früheren Leben zu tun!

Der Buddhismus ist weniger eine Religion als ein Lebensstil; er ist eine Deutung der Welt aus der Sicht einer bäuerlichen Gesellschaft, die stets eng mit der Natur verbunden war und nach den Erklärungen für deren unerbittliche Grausamkeit suchte. In der Natur herrscht keine Gerechtigkeit, wir keine Rechenschaft gefordert. Warum also sollte sie bei den Menschen herrschen, die doch ebenfalls ein Teil der Natur sind?

Weiterhin fehlt dem Buddhismus der Eroberungsdrang, er kennt keine missionarischen Eifer, er ist nicht auf Seelenfang. Du willst Buddhist werden? Bitte sehr. Deine Sache! Deshalb haben sie auch nie die Medtation gelehrt. Und es ist bestimmt kein Zufall, daß – vom tibetischen Buddhismus einmal abgesehen – sich der Buddhismus heute vor allem dank westlicher Bekehrter überall auf der Welt ausbreitet. Es sind diese Leute, die mit ihrem angeborenen Kreuzfahrerinstinkt allendthalben Zentren für die Verbreitung dieser Religion gründen.

Wenn man den Buddhismus ernst nimmt und ihn in seinen letzten Konsequenzen weiterdenkt, ist er im Grunde die Negierung der bürgerlichen Gesellschaft und damit natürlich auch des Fortschritts. Wenn alles vergänglich ist, wenn man dem Gesetz von Ursache und Wirkung nicht entrinnen kann und wenn der einzige Weg zur Erlösung darin besteht, Gleichmut gegenüber dem Leben zu erlangen, durch Meditation, durch die man dem verhängnisvollen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt entgeht – dann ist alles unbedeutend, alles sinnlos, und alles müßte zum Stillstand gebracht werden: eine äußerst pessimistische Sicht der Dinge mit nihilistischen Konsequenzen.

Wie sähe eine Gesellschaft aus, deren Mitglieder diese Gedanken konsequent weiterführen? Eine wahrhaft buddhistische Gesellschaft wäre unbeweglich und untätig. In der Praxis hat es eine solche Gesellschaft jedoch nie gegeben. Alle Gesellschaften haben weiter existiert dank einer höchst toleranten Formel: Das Meditieren wurde den Mönchen überlassen (besonders den weniger begabten, denn die intelligenteren widmeten sich der Lehre), und die Leute sammelten „Verdienste“ an und machten Schenkungen, mit denen sie die Klöster unterstützten. Die gewöhnlichen Sterblichen lebten weiter gemäß ihrer Natur, während die Bonzen ihnen alle jene Tugenden vor Augen führten, die sie noch nicht erworben hatten. Auf diese Weise herrschte ein Gleichgewicht, die Gesellschaft fuhr fort zu existieren und ließ den Pessimismus der reinen Lehre außer Acht.

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