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Warum ich Farmville gelöscht habe…

Eine ganze Zeit lang – so seit diesem Sommer – habe ich fast jeden Tag ein paar Minuten lang mit einem Facebook Spiel zugebracht: Farmville, dem Knallergame mit  Millionen Nutzern.

Zynga, die Firma dahinter ist 2,5 Jahre alt und  gilt als eines der erfolgreichsten StartUps der letzten Jahre mit aktuell über 100 Millionen „Unique Visitors“ pro Monat.

Die Idee ist einfach, die Umsetzung ebenso, das Spielkonzept ein etwas aufwendigeres Passivgame auf Flashbasis. Zum ersten Mal ist mir dies Konzept 1992 bei Civ I begegnet. Die Flashgames von Zygna (auch Mafia Wars) und Playfish (z.B. Bowling Buddies) haben m.M.n. einen nicht unerheblichen Anteil am Erfolg von Facebook.

Im übrigen war der Zygna Konkurent Playfish der Spieleschmiede EA vor zwei Wochen 400 Mio $ davon 275 Mio in Ca$h wert.

Aber wie funktioniert das mit Farmville nun eigentlich:

  • man kriegt eine Parzelle Land mit zu Beginn 16 x 16 und aktuell maximal 22 x 22 Feldern = also max. 484 Möglichkeiten irgendetwas darauf zu setzen
  • es gibt einen Marktplatz auf dem man diverse Samen und niedlichste Tiere sowie alle möglichen Dinge, die man so mit einem Bauernhof verbindet, gegen Spielgeld oder echtes Geld „einkaufen“ kann. Dabei werden Mädels genau wie Kerle angesprochen… es ist für wirklich jeden Geschmack etwas dabei
  • dann wartet man ab und kann nach unterschiedlichen Zeiten angebautes Gemüse, Früchte, Blumen „ernten“ und auch die Produkte der Tiere ein“sammeln“ – dafür bekommt man neues Spielgeld um wieder einkaufen zu können
  • die Reifedauer ist zwischen 2 Stunden und 4 Tagen abhängig von der Art des Gemüses
  • wenn man nicht innerhalb derselben Zeit zurück kommt und erntet, verwelkt das Gemüse und das Spielgeld ist futsch
  • man interagiert viel mit seinen Facebook Konktakten, die ebenfalls Farmville spielen, indem man sie zu Nachbarn macht und ihnen auf ihren Farmen helfen kann
  • ebenso kann man sich gegenseitig „Geschenke“ schicken, die es nicht im Marktplatz zu kaufen gibt

Ein paar Tricks, um schnell vorwärts zu kommen:

  • um im Ranking nach oben zu kommen, sollte man seine Parzelle so schnell es geht vergrößern (für Spielgeld kaufen)
  • man sollte die maximale Fläche mit Gemüse, etc. bebauen und nur kleine Bereiche für Tiere, Gebäude, Deco vorsehen.
  • Tiere und Bäume geben keine XP (Erfahrungspunkte, die für das Ranking entscheidend sind)
  • Immer das „Gemüse“ mit der höchsten XP Zahl wählen (2 üblicherweise, 3 erst ab Level 33)
  • auf das passende Verhältnis zw. Reifezeit, Einkaufspreis und Verkaufspreis achten (Empfehlung: Weintrauben, Lavendel, Sonnenblumen)

Und hier wird’s nun interessant!

Zum Aufwand, den man zeitlich investieren „muss“:

Der Aufwand ergibt sich eben genau aus der Kombination der o.a. Parameter. Ein kleines Rechenbeispiel:

18 x 18 grosse Parzelle und davon – sagen wir – 250 Feldern für die Pflanzenproduktion ergeben bei jeweils einem Klick pro Feld fürs 1. Land pflügen, 2. Gemüse säen, 3. Gemüse ernten = ca. 750 Mausklicks um eine Runde im Spiel zu bestreiten. Bei dieser einen Runde bekommt man dann auch 750 XP (wenn man Gemüse mit 2 XP anbaut), was dazu führt dass man alle paar Tage ein neues Level erreicht und wieder neue Gemüsearten, Dekorationen oder ähnliches freischalten kann. In höheren Leveln dauert das allerdings teilweise erheblich länger, da die zum Erreichen der nächsten Stufe nötigen XP progressiv ansteigen (auf etwa 9.000 XP in den niedrigen 30iger Leveln).

Aber zurück zu den Mausklicks: 750 Mausklicks bei angenommenen 1 Klick je Sekunde bedeutet, dass man ca. 12 Minuten lang konstant jede Sekunde klicken muss, um nur eine einzige Runde im Spiel zu bestreiten. Dazu kommt noch das Auswählen von Arten, Ernten von Bäumen, etc. man kann also eine Weile damit zubringen.

Im Schnitt habe ich ca. 30 Minuten am Abend vorm zu Bett gehen mit Farmville zugebracht und es in einem halben Jahr damit bis zum Level 34 geschafft. Und erst im Level 34 hätte ich das teuerste Gebäude – die Villa – für 1.000.000 Spielgeld kaufen können.

Das habe ich aber nicht gemacht, sondern die Farm „geschlossen“, die Tiere verkauft und das alles in meinem Profil gepostet.

Denn zusammenfassend nun zu Dingen in Farmville –
die IMHO nicht so gut sind:

  • Die Spielkonzeption erfordert regelmässiges, fast tägliches Spielen
  • Die Motivation entsteht auch durch das Freischalten von neuen Arten und Gegenständen, dies ist nur mit vielen Klicks = hohem Zeitaufwand möglich
  • Um den Zeitaufwand zu verringern, kann man nur echtes Geld einsetzen
  • Häufige Angebote von besonderen Arten und Gegenständen, die man nur für echtes Geld kaufen kann
  • Die Erfolgserlebnisse werden im Spielverlauf immer seltener und erfordern dadurch einen immer höheren Zeit- und/oder Geldeinsatz – die klassischen Suchtsymptome!

Und gerechterweise auch noch zu Dingen in Farmville –
die IMHO gut sind:

  • großartige Umsetzung, fast alle Dinge sind wirklich ansprechend und äußerst ideenreich umgesetzt
  • eine tolle Möglichkeit mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben, vor allem über die netten Geschenke und Hilfen auf der Farm
  • eine schöne Sache um am Computer selbst kreativ zu sein und zu gestalten, aufgrund der vielen vielen Kombinationsmöglichkeiten
  • die Farmen meiner Freunde spiegeln (teilweise;-) erkennbar deren Charaktere wieder

Vielleicht hilft dieser Text hier doch dem ein oder anderen geneigten Leser, sein persönliches „Spielverhalten“ ob nun mit Farmville oder mit anderen Dingen zu reflektieren und damit seine persönliche Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern. Das würde mich einfach nur freuen!

Und ein letzter Gruss an meine lieben noch spielenden Freunde:

Bitte nicht wundern, wenn ich auf Gift Requests nicht mehr reagiere – ich bekomme sie schlicht weg nicht mehr. 🙂

Warum ich nicht losgegangen bin…

Den ganzen Sommer und den Herbst haben wir geredet, diskutiert und demonstriert – viele Dinge getan, die undenkbar waren und wir waren sooo stolz auf uns.

Den ganzen Sommer und den Herbst lang haben wir Zahlen gehört, von mehr und mehr Menschen – die weg aus unserer, ihrer Heimat sind, für immer! Wir wussten nicht, ob wir unser Abitur machen können, wenn wir Montags zu den Demos gehen. Wir wussten nicht, was uns erwartet, wenn wir noch den einen Schritt mehr machen, wenn wir noch deutlicher, noch ehrlicher werden.

Den ganzen Sommer und den Herbst hatten wir Angst, dass auch nur ein Polizist die Nerven verliert. Wir haben gestaunt über Ungarn, die Tschechen und über die Ausfahrt eines Zuges aus Dresden. Haben gestaunt über Leipzig und über unser Halle, in dem plötzlich so vieles anders war. Und noch mehr staunten wir über uns.

Den ganzen Sommer lang und den Herbst war die Dusche kalt, die praktische Ausbildung doch nur Kläche und haben wir über Tagesthemen gesprochen, statt über schwarze Kanäle.

Den ganzen Sommer lang und den Herbst haben wir die Unsicherheit gespürt, bei denen die uns noch für 100 Jahre nach Ihren Regeln leben lassen wollten. Doch wir wollten bleiben, sie ändern, die Regeln und wir redeten, disktutierten und demonstrierten.

Aber um 10 vor 4 klingelte mein Wecker, und ich bin aufgestanden, hab mich angezogen und bin los, über den Hof, hab die Tür aufgemacht und meine Mutschen begrüßt, die wie immer leise raschelnd zurück grüßten. Und wie immer hab ich die Reste weggemacht, dann alles wieder aufgefüllt. Kauend haben sie mir zugehört, wie ich gekratzt und geputzt habe, wie ich balancierte und schliesslich die Kannen befüllte und sie wieder leerte, die Kleinen endlich versorgte. Dann habe ich den anderen geholfen: den beiden – die geblieben sind wie ich – von fünfen.

Am 10. November vor 20 Jahren haben 120 Kühe uns drei gebraucht,
um zu leben.

Auf dem Rollfeld auf dem Rücken liegend in die Sonne schauend, kam viel später bei mir an – dass ich nun wirklich frei bin von den Regeln meiner Kindheit und der Jugend. Das ich geblieben bin, bereu ich nicht – auch heute nicht.