Warum ich nicht losgegangen bin…

Den ganzen Sommer und den Herbst haben wir geredet, diskutiert und demonstriert – viele Dinge getan, die undenkbar waren und wir waren sooo stolz auf uns.

Den ganzen Sommer und den Herbst lang haben wir Zahlen gehört, von mehr und mehr Menschen – die weg aus unserer, ihrer Heimat sind, für immer! Wir wussten nicht, ob wir unser Abitur machen können, wenn wir Montags zu den Demos gehen. Wir wussten nicht, was uns erwartet, wenn wir noch den einen Schritt mehr machen, wenn wir noch deutlicher, noch ehrlicher werden.

Den ganzen Sommer und den Herbst hatten wir Angst, dass auch nur ein Polizist die Nerven verliert. Wir haben gestaunt über Ungarn, die Tschechen und über die Ausfahrt eines Zuges aus Dresden. Haben gestaunt über Leipzig und über unser Halle, in dem plötzlich so vieles anders war. Und noch mehr staunten wir über uns.

Den ganzen Sommer lang und den Herbst war die Dusche kalt, die praktische Ausbildung doch nur Kläche und haben wir über Tagesthemen gesprochen, statt über schwarze Kanäle.

Den ganzen Sommer lang und den Herbst haben wir die Unsicherheit gespürt, bei denen die uns noch für 100 Jahre nach Ihren Regeln leben lassen wollten. Doch wir wollten bleiben, sie ändern, die Regeln und wir redeten, disktutierten und demonstrierten.

Aber um 10 vor 4 klingelte mein Wecker, und ich bin aufgestanden, hab mich angezogen und bin los, über den Hof, hab die Tür aufgemacht und meine Mutschen begrüßt, die wie immer leise raschelnd zurück grüßten. Und wie immer hab ich die Reste weggemacht, dann alles wieder aufgefüllt. Kauend haben sie mir zugehört, wie ich gekratzt und geputzt habe, wie ich balancierte und schliesslich die Kannen befüllte und sie wieder leerte, die Kleinen endlich versorgte. Dann habe ich den anderen geholfen: den beiden – die geblieben sind wie ich – von fünfen.

Am 10. November vor 20 Jahren haben 120 Kühe uns drei gebraucht,
um zu leben.

Auf dem Rollfeld auf dem Rücken liegend in die Sonne schauend, kam viel später bei mir an – dass ich nun wirklich frei bin von den Regeln meiner Kindheit und der Jugend. Das ich geblieben bin, bereu ich nicht – auch heute nicht.

5 thoughts on “Warum ich nicht losgegangen bin…

  1. Und manchmal geht man nicht (und bleibt doch nicht) und über die Zeit löst sich diese Frage von ganz alleine.

    Am Ende der friedlichen Revolution vor 20 Jahren hat sich dann so vieles verändert und alle können seitdem kommen und gehen wie sie wollen.

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  2. Danke Ihr Beiden! Man konnte dem Erinnern ja nicht ausweichen am Wochenende und dem Montag, die Stadt war voll – so voll hab ich Berlin noch nie erlebt.

    Eigentlich wollt ich mit den RCBI’s zum Feiern unters Brandenburger Tor gehen… und dann blieb ich doch im Büro, hatte ein überfälliges, grossartiges Gespräch und zu Hause musste dies hier geschrieben werden… das war meine Feier, die schöner nicht hätte sein können!

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