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Kontrollverlust oder Kontrolltransformation?

Ein Verlust setzt in meiner Gedankenwelt zumindest sprachlich einen vorangegangenen Besitz voraus. Ein Kontrollverlust setzt also Besitz an Kontrolle voraus. Kontrolle worüber? Kontrolle über Informationen von mir, über mich. Also zum Beispiel, Informationen wie ich aussehe, was ich mache, mein Lebenslauf, meine Texte, die ich mal verfasst habe, Texte die über mich verfasst worden sind. Aber sicher sind damit auch digitale Spuren meines Lebens gemeint: Geld abheben, Einkaufen gehen, zum Arzt müssen, eine Versicherung haben, Gehalt bekommen, welches Auto wie wohin fahren, wann ich tanke, was ich dazu einkaufe, mit wem ich zusammen bin, wo ich Urlaub mache und so weiter…

Nun definierte Michael Seemann aka @mspro hier auf Carta: “Ein Kontrollverlust entsteht, wenn die Komplexität der Interaktion von Informationen die Vorstellungsfähigkeiten eines Subjektes übersteigt.” und weiter schon einschränkend, weil der Verlust an sich nichts Neues sei: “dass das Internet und die digitale Technik diese Kontrollverluste sowohl in ihrer Häufigkeit als auch in der Intensität ihrer Folgen um ein Vielfaches steigert.”

Ok, danach folgen in dem wirklich lesenswerten Aufsatz Beschreibungen des vermeintlichen Kontrollverlustes mit Hilfe von Wikileaks bis hin zur Bibliothek von Babel. Auch werden eine neue Informationsethik, die Filtersouveränität, sowie eine Query-Öffentlichkeit als “positive Kehrseite” beschrieben. Alles Ansätze die ich interessiert lese und denen ich sogar mit Freude zuhöre, die mich irgendwie berühren in ihrer inneren, konsequenten Logik und in ihrer Leidenschaft, an denen mich aber auch etwas stört. Was mich zuerst stört, ist wohl eine gewisse Einseitigkeit der Betrachtung. Die eher pessimistische Weltsicht, die dort mitschwingt, das Heraufbeschwören von Gefahr und Bedrohung und das fast völlige Ausblenden von Freude und Chance. Und mich stört auch, das eben immer erst im Nachsatz von positiven Seiten gesprochen wird, aber dann eben nur von den „Kehrseiten“, die positiv seien.

Ich muss hier zugeben, die Komplexität der Interaktion von Information hat schon immer meine Vorstellungsfähigkeit überschritten!

Was andere Menschen mit den ihnen vorliegenden Daten von mir gemacht haben, war für mich eigentlich meist erschreckend und unvorstellbar – ich fühlte mich den Wissenden fast immer ausgeliefert. Dieses Gefühl hat sich erst in den letzten Jahren so seit 2008 mit meinem ganz persönlichen Kontrollverlust, oder wie ich es viel lieber nenne, mit der Kontrolltransformation durch das Web 2.0 gebessert.

Nun mag das auch an meiner Biographie liegen: 71 im Osten geboren, die Wende mit 18 erlebt und in diesen Zeiten des Lernens von diesen zwei doch sehr unterschiedlichen Systemen in Leistung und Wert jeweils völlig anders beurteilt, gemessen, sortiert und kategorisiert zu werden, war sicher eine prägende Erfahrung.
Dazu kommt, dass ich erst mit 14 einen Taschenrechner haben, erst mit 16 an einen Computer sitzen und erst mit 21 meinen eigenen haben konnte. Wie anders wächst jetzt meine Tochter auf, die bereits mit 5 mein altes Laptop ihr eigen nennen darf.

“Durch das Internet sei Häufigkeit und Intensität der Interaktion der Informationen nun um ein Vielfaches gesteigert”, dass daraus aber in erster Linie Gefahren und Bedrohung erwachsen, kommt mir so nicht in den Sinn. Ich sehe es ähnlich wie Duck, der in seinem umwerfenden Beitrag auf der re:publica, dieses Internet und diese digitale Technik als das neue Gesellschaftsbetriebsystem charakterisierte. Ja, es würde viele Branchen, viele Menschen verändern, aber wir sollten endlich mal sagen, wie wir es denn gerne hätten! Der Wunsch nach souveränen, transparenten Filtern ist sicher auch auf meiner Wunschliste, aber eher weiter unten. Ich will erklären warum.

Tim O’Reilly hat es vor ein paar Tagen hier so vorgeschlagen, dass wir es wie beim Insiderhandel regeln sollten:

„Nicht der Besitz von Informationen sollte kriminalisiert werden, sondern erst der Missbrauch zum Nachteil anderer.“

Banken, Telekoms, Versicherungen, Krankenkassen, Handelsunternehmen und andere Grosskonzerne sowie die Staaten in denen ich lebte und durch die ich reiste, hatten bisher über mich gespeicherte Informationen exklusiv im Zugriff – unter ihrer Kontrolle. Seit etwas über 15 Jahren haben auch alle Webmaster, Google, Amazon, Twitter, Facebook & Co. viele Informationen über uns in Logs und Datenbanken gesammelt, die nie vorher gesammelt worden sind, einfach weil die Technologie dafür nicht erfunden war bzw. nicht so breit genutzt werden konnte. Und all(!) diese monolithischen Institutionen erleiden nun einen Kontrollverlust, jawohl!

Nicht ich bin der, der die Kontrolle verliert, denn ich hatte doch nur eine scheinbare Kontrolle über meine Informationen! Ich glaube, dass aufgrund der gegen 0 gesunkenen Kosten für den Internetzugang, der gegen 0 gesunkenen Kosten für eigenes Publizieren, des gegen 0 gesunkenen Aufwandes für das Erstellen von Inhalten, des geringen benötigten Wissens und der wenigen Übung – so wenig wie nie zuvor nötig ist für die Teilnahme am digitalen Leben im Netz. Und seit wir damit alle massenhaft zu Sendern von Informationen geworden sind, wird es für Einzelne und die Konzerne immer schwerer, ja geradezu unmöglich, mit klassischem Modellen, Support und Marketing eine Kontrolle über die Daten und die Kommunikation sowie deren Kanäle zu er- oder zu behalten.

Und ich beobachte, dass der Kontrollverlust über die Daten in seiner Häufigkeit und in der Intensität ihrer Folgen meine Vorstellung bei weitem überschreitet.

Und ich muss zugeben, erst seit dem macht mir Internet erst so richtig Spass! Ich habe seit ca. 3 Jahren immer mehr das Gefühl, wirklich der Herr meiner Daten im Netz zu sein, mir gelingt es doch mehr und mehr – bewusst oder unbwusst – eine Art neue Öffentlichkeit dort zu erzeugen, aber eben eine die ich aktiv mitgestalte und der ich beim Entstehen zusehen kann. Der Zahl der Verbindungen und der Interaktionen wird doch immer transparenter und übergreifender zugänglich für mich. Offene API’s, Open Data, der Platform Gedanke, der Siegeszug von Cloud Computing tragen dazu bei bwz. treiben die Entwicklung. Und es ist mir dabei erstmal schnurzegal, was irgendwelche durchgeknallten Typen kurzfristig mit diesen Daten anstellen können, denn Angst vor Kriminalität legal oder illegaler, im Online oder Offline habe ich noch nie erlaubt, mein Handeln mittel- oder langfristig zu bestimmen. In einer transparenten, derart vernetzten Welt fällt Betrug ebenso schnell auf wie eine grossartige Leistung. Ja, die Welt dreht sich schneller mit diesen Technologien, aber hier eine Verschwörung von Technokraten zu beschreiben, die mir vorgeben, was ich sehen darf oder nicht, das ist einfach nicht mein Ding.

Aber ich möchte hier auf keine Bremse treten, nur weil ich Angst vorm Verlust von Kontrolle oder ich eine mangelnde Souveränität über Filter im Netz habe.  Nein, im Gegenteil, ich möchte ausprobieren und zu schauen, wohin diese Vernetzung der Menschheit führt; wohin es führt, wenn immer mehr Branchen umgewälzt und immer mehr Inseln des Wissens erschlossen werden durch diese Technologien; wenn dieses Wissen verknüpft wird mit den Menschen, die es benutzen; wenn wir dokumentieren, wie es benutzt wird, wir die Plattformen endlich überall nutzen können und nicht nur zu Hause oder im Kaffee am Laptop.

Denn ja, ich möchte stauen, und wenn meine Vorstellungsfähigkeiten übertroffen werden, im positiven wie im negativen, fühle ich mich doch erst wirklich lebendig!

Wie nie zuvor sehe ich mich in der Lage, Einstellungen an Daten und Filtern vorzunehmen. Ja, es gibt eine neue Art Öffentlichkeit. Ja, ich hinterlasse unbewusst und unkontrollierbar für mich Spuren im Internet und digitalen Raum. Und ja, deren Verknüpfung kann zu bisher Unbekanntem – zu Neuem – führen und ich stelle fest, dass dies bedrohlich auf viele wirken kann. Ja es wird natürlich ausprobiert, ob sich diese Daten in Geld verwandeln lassen. Ja, ich werde darüber nicht klagen. Ja, ich werde meine Chance dabei suchen, meine ganz persönlichen Optionen erkennen. Ja, ich schaue bewundernd und sehr neugierig dabei zu, wie die Welt und die Kontrolle transformiert werden.

  1. agree. eine motivationale ansicht dessen, was du „kontrolltransformation“ nennst, hab ich hier versucht. – http://adrianoesch.wordpress.com/2011/06/12/uber-den-sog-kontrollverlust/

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    19. Juni 2011

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  1. Linkschau, die Elfte. | Die datenschutzkritische Spackeria

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