Monthly Archives: Dezember 2011

Istanbul, 9:44, Tag 89 und letzter Tag in 2011

Heute habe ich von einer Wohnung geträumt, meine beiden Süssen waren mit dabei, es war eine Ferienwohnung, wie für Bauarbeiter, die einen riesigen Kanal bauen sollen, mit Schiffen, die einen Fluss vertiefen und den Schlamm und Sand mit riesigen Staubsaugern in Tankschiffen abtransportieren. Wir sind eingezogen, ausgezogen und sind wieder eingezogen, es gab einigen Reiseanteil zu den Baggern, zu einer Strasse und wieder in die Wohnung zurück im Traum. Die Schlussszene ist noch klar: Ich sehe vor dem Fenster ein kleines Flugzeug aus Holz oder gar Papier, es trudelt, stürzt ab – während ich gerade mein GutenMorgenBild schiesse und kracht direkt auf der Kreuzung vor der Wohnung in den Vorgarten eines der angrenzenden Häuser. Ich versuche, zu helfen oder wenigstens Fotos zu machen, kann aber den Schlüssel nicht finden um die Wohnung verlassen zu können, ich frage meine Mädels, die nur mit den Schultern zucken, ich überlege fieberhaft, wo der sein könnte und durchsuche real und im Kopf die fünf wahrscheinlichsten Stellen, mir fällt CNN ein, mit ihren iReportern und der Nachricht gestern, dass zwölf(!) Fotografen von CNN in US entlassen worden sind und das die ja trotzdem gleich da sind, wenn ich mich nicht beeile und den Schlüssel finde… ich geb’s schliesslich auf, werde wohl nicht helfen oder kein Bild machen können und wache auf.

Eigentlich ist heute Zeit für einen Jahresrückblick, aber ich habe gar nichts vorbereitet. Könnte ja mal meinen Kalender durchgehen und wenigstens die Highlights raussuchen… mhh, immer die zwei wichtigen je Monat sollte reichen, oder?

Der Januar fängt bei uns immer mit dem mtc Jahresauftakt und den mtc Strategietagen an.

Im Februar ging es richtig los mit dem Amazon AWS Projekt fürs EPO und den Vorbereitung der Fotoausstellung Instahbit und nem privaten Umzug weg von Stralau zurück in den Bergmannkiez.

Der März ist der Monat unseres Zazen Retreates und ich konnte eine Vortrag auf der Jahrestagung der Patentinformationszentren halten, dabei habe ich auch Aachen und den Dom entdeckt.

Im April ging es bei Schindler im Projekt Redesign Technolgie und Wettbewerbsmonitoring in die heisse Phase und ich habe die re:publica genossen.

Der Mai, ein Reisemonat: Sony in Salzburg kennen gelernt und beim EPO München unser AWS Projekt vorgestellt und die NEXT11 Konferenz kurz besucht.

Im Juni dann, meine erste Podiumsdiskussion, unsere 5×5 Teamstaffel und unser mtc Sommerfest mit meiner ersten wirklichen Rede (so mit Script und gleichzeitiger Veröffentlichung im Blog!). In der Rede ist das erste Halbjahr 2011 ja auch schon ganz gut zusammengefasst!

Der Juli war der Urlaubsmonat, wir haben unser Sommerhaus nach über 15 Jahren wieder beziehen können, haben lieben Freunden aus Berlin zwei Wochen lang Istanbul und Strand gezeigt. Parallel hatte ich einen Anfall von Excel, was zu neuen Sheets für unsere Kennzahlen und die Personalkosten führte.

Im August startete PINCH und unser DEPAROM Webstore und ich hörte in Oslo von Change Attention und war platt. Es gibt wirklich Menschen, die auch so stark lieben&leiden und danach handeln… und irgendwie zu allem passend, ein intensiver Sonntag in der Bahnhofsmission.

Der September war bestimmt durch einen Vortrag auf einer „entrepreneurs engineer the future“ Konferenz in München und durch einen über (Miss)erfolg für den BVMW.

Im Oktober fand die EPOPIC statt, eine tolle Konferenz in Kilkenny, dort konnte ich vor einem Vizepräsidenten des EPO unsere Socialize the Patentworld Ideen vortragen. Ausserdem startete dieses Tagebuch Projekt hier am 4.10. und auch noch meine Photojury Tätigkeit für FORD.

Der November, der Monat des Crowdsourcings. Habe einen Vortrag für die AGM Sitzung über dieses spannende Thema vorbereitet und gehalten, unser 6. Vertriebspartnertreffen fand parallel dazu und auch noch eine Betriebsprüfung.

Im noch laufenden Dezember, die erste arbeitsreiche Woche, mit BP Schlussbesprechung und letztem Allhands, ersten Rückblicken und Planungen für den Januar, Abschluss diverser Projekte und dann New York mit einem Wiederauffrischen, Vertiefen der Beziehungen zu unseren Bekannten dort, die alle auch im IT, Banken und Pharmaumfeld tätig sind.

Boah, ist Zeit ist schnell verflogen… es war wieder ein so intensives, schnelles weil so volles Jahr für mich. Ich bin so dankbar für all die tolle Unterstützung, die herrlichen Erlebnisse und Momente mit meiner Familie, meinen Freunden und Kollegen – D A N K E S C H Ö N !

Irgendwie kann ich ja immer nicht daran glauben, dass der Grund von allem nur in mir liegen soll. Ich mach doch gar nichts… 😉 Vielleicht liegt hier ein Vorsatz für 2012: eine noch stärkere Verantwortung für mein Leben und Bewusstsein für meine gestalterische Kraft zu entwickeln.

Nun wünsche ich allen einen wunderbaren Rutsch und einen fantastischen Start ins Neue Jahr und verabschiede mich ein- und ausatmend mit einem Lächeln für heute!

Istanbul, 7:42, Tag 88

Erinnere mich wieder nicht an meine Träume, nehme mir wohl etwas zu wenig Schlaf gerade.

Gestern habe ich die in US gesammelten Giftcards einfach mal bei Flickr und Facebook eingestellt. Diese Giftcards sind ein tolles Beispiel für amerikanisches Marketing und spiegeln Trends wieder. Sie gibt es in jedem Supermarkt, Drogerie, Tankstelle – eigentlich an jeder Kasse.

Es gibt auch eine Sammelcommunity, die schon über 3.500 Giftcards zusammen getragen und kategorisiert hat. Allein Facebook hat schon 14 verschiedene Giftcards verkauft, da habe ich immerhin mit meinen 35 für den Start schon 1% der Population erfasst. 😉 Ich hab auch noch eine kleine Sammlung von Telefonkarten, die ja für die Telko Industrie einen ähnlichen Sinn in den 90igern hatten, wie die Giftcards heute im Retail- und Servicebereich.

Zum Hintergrund oder der Geschichte von Geschenkgutscheine oder Geschenkkarten, wie wir Deutschen umständlich sagen müssen, will ich mal nicht so tief einsteigen, nur so viel: sind für mich mehr ein schlechter Geldersatz, als ein Geschenk. Mir wurden von lieben Menschen schon ein Gutscheine für Baggerfahren, Hubschrauber in echt-, ne Boing 747 im Simulator fliegen oder auch ein Wellnesstag mit Shiatsu geschenkt, aber ich kriege eben auch von meinem Autohändler monatlich eine Bonuskarte „im Wert“ von mehreren tausend Euro (Rabatt!), damit ich mit endlich nach über 10 Jahren wieder einen neuen Wagen bei ihm hole. Aber solche Geschenkkarten, wie die obigen oder auch diejenigen, die es bei uns gibt, habe ich bisher noch gar nicht verschenkt und auch noch keine erhalten…

Das was ich aktuell bei den Giftcards so faszinierend finde, ist die Fähigkeit der Ami’s alles(!) so kompakt zu einem Produkt zu verschnüren, dass man es per Giftcard an jeder Kasse mitnehmen und anderen schenken kann. Ob das jetzt Restaurantketten sind, Kaufhäuser, Tankstellen, Klamottenläden, Klamottenlabels oder Firmen, die virtuelle Güter „herstellen“ , Zynga, Facebook Credits oder auch Guthaben in iTunes, Amazon und Groupon oder sogar Firmen, die nur Geld verwalten, wie Visa, American Express oder auch virtuelle Geldanbieter (im doppelten Sinne) wie Karma Koin, die so funktionieren:

Here’s the deal. Karma Koin transforms your cash into virtual currency. When you spend it on the stuff you want, Karma Koin donates 1% of your purchase to making a difference.

Das das überhaupt jemand kauft, ist mir persönlich ein Rätsel…

Sehr heftig sind auch die Giftcards für Telefonhotlines, wie zB die Techsupport for Dummies Karte, bei der man „unbegrenzten“ Telefonsupport für 15$ in 30 Tagen bezahlen kann, die ich nur – als Wink mit dem Zaunpfahl – und in größter Not – an Bekannte oder Verwandte (aber doch nicht Freunde!) verschenken würde, von deren ständigen Berichten ihrer Computerproblemen man genervt ist.

Ebenfalls verwunderlich finde ich, dass man in US Kreditkartenguthaben verschenken kann. Man kann somit anonym – echte US Prepaid Kreditkarten von Amex oder Visa in jedem Supermarkt erwerben. Übrigens könnte man dafür auch in eine Bank gehen, was ja eigentlich bei Kreditkarten erst mal naheliegt. Aber dort kommt man ohne Ausweis und Sozialversicherungsnummer nicht mal an der Security vorbei: do u know Patriot Act, Homeland Security… see! Aber so kann ich ohne Ausweis, einfach nur mit meiner ausländischen Kreditkarte eine US (PrePaid) Kredit Karte erwerben, aufladen und dann fürs Shopping benutzen.

Die vielleicht (un)ehrlichste Karte ist wohl die Instant Happiness Karte von Chipotle, einer mexikanischen Restaurantkette. Aber meinen die eigentlich das Instant von Tütensuppe? Oder: „Du machst uns von Chipotle sofort glücklich, wenn du jetzt schon das Geld ausgibst und dann irgendwann später ein Beschenkter mal zum Essen zu uns kommst“. Und da sie es vermutlich auch noch schaffen, ihre Lieferanten und ihre Mitarbeiter erst nach Erbringung ihrer Leistung zu bezahlen, erhöhen sie die Profitabilität und Liquidität des eigenen Ladens zulasten der ihrer Kunden und Zulieferer. Da genau das aber jeder(!) zumindest versuchen kann, habe wir hier den Kern oder einen Antrieb des amerikanischen Wirtschafts- und Finanzsystems. Und genau dieser ständige, fest eingebaute sportliche Wettkampf  zwischen allen Markteilnehmern fasziniert mich so bei den Amis und hat sie meiner Überzeugung nach in der Vergangenheit so erfolgreich sein lassen.

Dann von Starbucks, deren Strategie und Management ich absolut bewundere, habe ich gleich drei Karten dabei. Zweimal normale Giftcards, aber die dritte – kleine –  kann man auch gleich als Dauerzahlungsmittel/Kundenkarte einsetzten und als Beschenkter immer wieder selbst aufladen und damit sehr schnell bezahlen. In US macht das zwar keinen grossen Unterschied zur Zahlung mit Kreditkarte. Bei den hochfrequentierten Starbucks wird eh kein Beleg unterschrieben oder sonst irgend etwas bestätigt, aber bei uns – mit den üblichen Zettel, Stift, Unterlagedrama bei Kreditkartenzahlungen – wäre das ein Riesenfortschritt. Der Druck scheint auch bei Starbucks Deutschland nicht so hoch zu sein, dass sie solche Instrumente für ihre Kundschaft hierzulande schnell übernehmen und in ihre Cafe’s prominent vermarkten.

Dann, auch Groupon hat eine Giftcard. Wer die Folgen von Guerrilla FM gehört hat über Gutscheinportale und Terrormarketing, der wird die Ehrlichkeit erschreckend finden oder bewundern:

Give the gift of ridiculously HUGE deals at great local spots.WARNING: You may appear more generous than you really are.

Und wie schräg findet ihr die Gas Card – for food, fuel and fun von BP eigentlich? Die haben richtig viel Geld, aber ein bescheidenes Image – und ich finde, das merkt man auch ihren Gas Cards an.

Zum Schluss noch die meiner Meinung nach besten Claims (aka Slogans), einmal von Nike mit Reward Your Champion oder auch Starbucks mit Life. Drink deeply. Die sind wirklich richtig gut!

Wünsche einen schönen vorletzten Tag in diesem Jahr!

 

Istanbul, 8:39, Tag 87

Heute intensiv geträumt, aber nur beim Aufwachen zwei Stichworte gerettet: ein Konferenzraum und Telefone, die umzustellen sind. Ich kann nicht einmal grob die Szene rekonstruieren. Wenn die Notiz nicht wäre, würde ich glauben, ich hätte nicht geträumt.

Heute wollte ich zu Selbstsabotage schreiben. Schweres Thema! Ich renne schon eine Stunde vor dieser Aufgabe davon und drücke mich vorm Schreiben heute, das kann ich als Teil meines Programmes zur Selbstsabotage sehen. Statt mich hinzusetzen, ruhig zu atmen, Gedanken und Gefühle kommen und gehen zu lassen und einfach in der Aufgabe drin zu bleiben, tue ich lieber tausend andere Dinge. Das gestern angesprochene News lesen zum Beispiel, man kann wunderbar ein wenig durch Facebook, Twitter oder Google Reader schweben und sich von Assoziationen treiben lassen, man findet sehr sicher wunderbare Artikel, Erkenntnisse anderer und auch immer wieder Anregungen. Eine Art gerichtete Aufmerksamkeit sorgt dafür, dass wir immer wieder Artikel finden, mit denen wir etwas anfangen können, die uns irgend etwas geben.

Eine andere häufige Form von Selbstsabotage setzt bei Erfolg ein, den ich mir selbst nicht gönne. Manchmal, so wie ich Anzeichen für Glück oder Erfolg verspüre, setzt bei mir ein ähnlicher Mechanismus wie oben ein, ich renne irgendwie davor weg. Man könnte ja dran bleiben, einfach so weiter machen auf der Strasse des Erfolges, das Verhalten einfach noch intensiver fortsetzen. Aber irgend etwas in mir drin hält mich dann zurück – lässt mich das Interesse verlieren, findet plötzlich andere Themen viel interessanter.

Ich bin von Natur aus eher ein ”Weg von“ Typ. Ich versuche, meine Probleme zu lösen, wenn sie gelöst sind, suche ich mir neue… ich bin keiner, der von innen heraus „Hin zu“ etwas arbeitet, mir  also meine Ziele vorstelle und dann bis zu deren Erreichung daran arbeiten kann.

Probleme ziehen mich viel stärker an, als Lösungen.

Kurzfristig, also heute, diese Woche, diesen Monat, dieses Quartal – bin ich fast vollends Problem getrieben: nimm mir meine Probleme und ich fühle mich nicht gebraucht, nicht gut, ohne Motivation.

Mittel- bis langfristig funktioniert das besser mit Zielen, da habe ich dann Listen oder fotografierte Whiteboards, auf denen ich festgehalten, was wir zusammen oder auch ich ganz allein, so erreichen will. Und ab- und zu schaue ich da rein und freue mich, was ich durch das kurzfristige, immer spontane Lösen von den Problemen, die grade dran waren, dann doch von den mittelfristigen Zielen alles abhaken kann. Das funktioniert am besten, je länger man sich nicht mit seinen langfristigen Zielen beschäftigt. Man merkt auch, was für ein mächtiger Faktor Zeit und Geduld sind. Ich bin vorsichtiger mit diesen langfristigen Zielen geworden, eben weil sie so mächtig und mein Unterbewusstsein sehr stark programmieren und mich stark beeinflussen Aber eigentlich esse ich nur, wenn ich Hunger habe.

Nun wieder zurück zur Selbstsabotage: ich erinnere mich an viele Beispiele, bei denen ich mich selbst sabotiert habe, um grössere Veränderungen meiner Lebensumstände zu verhindern: vor allem in Beziehungen und mit Geld bin ich darin ein Meister. Die Beispiele hier auch noch aufzuschreiben, das erspare ich Euch, na eher mir.

Ich habe aber ein paar Ideen entwickelt, wie ich mit meiner Selbstsabotage umgehe, wie ich meine Selbstsabotage selbst sabotieren kann.

Der erste ist aus dem Buch Yes or No von Spencer Johnson. Wenn ich mich bei Selbstsabotage erwische, fällt mir die private Frage aus dem Buch ein: Bin ich ehrlich mit mir selbst, vertraue meiner Intuition und verdiene ich besseres, ja oder nein? Vor allem das „verdiene ich (etwas) besseres“ ist mir eine grosse Hilfe und lässt mich dann aus diesen Autopilotphasen wieder herauskommen und Dinge tun, mit denen es mir sofort, kurz-, mittel- oder auch langfristig wirklich besser geht.

Zweitens hilft mir sehr, wenn ich mir für die Felder meiner Selbstsabotage smarte Ziele setze. Das kann in meinem Fall auch bedeuten, dass ich mir künstliche Probleme schaffe, an deren Lösung ich mich dann abarbeiten kann. Aber ich muss da schon etwas Zeit investieren, denn die Probleme/Ziele müssen wirklich S.M.A.R.T. sein, um mich als „Weg von“ Menschen wirklich zu motivieren. Ich stelle mir dann also vor, wie es mir geht, wenn ich das Problem nicht mehr habe: wie es sich genau anfühlt, wie das aussieht und wo ich dann bin, mit wem ich bin, was wir reden, etc.

Ein letztes noch: Aufmerksamkeit hilft immer! Ein Erkennen (wollen) dieser Mechanismen bei einem selbst und auch bei anderen Menschen, ein sich Bewusst werden (und machen) dieser oft unbewussten ablaufenden Vorgänge ist der beste Weg weg von Selbstsabotage hin zu mehr Selbstbestimmtheit.

Istanbul, 8:27, Tag 86

Fühle gerade die Gemütlichkeit von alten Gewohnheiten. Das bekannte, angenehme, warme, sanfte Gefühl welches sich einstellt, wenn man einer Tätigkeit nachgeht, die man kennt – an die man sich gewöhnt hat. Ich rede von Gewohnheiten, die auf irgendeine Art mit einem schlechtem Gewissen gekoppelt sind, mit einem: das macht oder darf man eigentlich nicht, das ist jetzt aber etwas Besonderes, Seltenes oder Teures, und nur heute ist mal eine Ausnahme, weil doch Weihnachten ist, die Sonne scheint, mir einfach mal wieder danach ist… ich rede davon, wenn der Fokus unscharf wird. Wenn wir Dinge tun, von denen wir wissen, dass sie uns eigentlich nicht wirklich gut tun, aber es fühlt sich dabei alles vertraut, bekannt, klar an.

Ich bin ein sogenannter Lustarbeiter. Aber es gibt immer wieder Dinge, die einfach getan werden müssen, die keinen wirklichen Spass machen, die nerven oder einfach viel Kraft kosten. Was wäre, wenn ich nur noch Dinge mache, auf die ich jetzt einfach Lust habe…?

Vor meinem Fenster hier fliegen gerade ganz nah und immer wieder riesige Möven auf mich zu, als ob sie auf mein Fenster zielen und kurz vorher hochziehen, um eine Gruppe von Fischen, die über den Dachsims spaziert, zu attackieren. Wäre ich bei der ersten Möve aufgesprungen und hätte das iPhone geschnappt, dann hätte ich bestimmt ein grossartiges Bild von den nah ansegelnden Möven machen können. Ich bin aber Sitzen geblieben und jetzt während ich das hier tippe, sortiere ich das Nichtgeschehene in meine Gedankenwelt ein.

Meine neue, aber mit schlechtem Gewissen verknüpfte, Gewohnheit des Bilder Machen kollidierte mit einer anderen, neuen, ebenfalls mit leichtem schlechten Gewissen verknüpften Gewohnheit, des Tagebuch schreiben. Und eine alte Gewohnheit des früh die Newsrunde drehen, des morgens – früher Zeitung, dann mehr und mehr Heise, Spiegel und heute eher – Twitter und Google Reader lesen meldet sich zu Wort: schau Dich doch um, das brauchst Du jetzt, man muss doch wissen, was passiert ist in der Welt, wie das Wetter in Berlin ist, die Nachrichtenlage zu Korea, der Dax steht, ob es neues aus dem Kundenumfeld gibt, damit man mitreden kann, schau ich auch noch schnell im Sportteil rein, ach nur Handball heute.

Kommt Gewohnheit eigentlich von Wohnen, sich in etwas oder irgendwo einrichten, sich zu Hause fühlen, sich an etwas gewöhnen…? Am liebsten würde ich nur Dinge tun, an dich ich mich schon gewöhnt habe, die eine Gewohnheit sind, die ich kann, bei der ich das Ergebnis kenne.

Ich bin ein sogenannter Wissensarbeiter. Aber wenn Dinge getan werden müssen, die körperliche Bewegung oder gar Anstrengung erfordern, bin ich sofort mit dabei, heute meist nur irgend etwas aufräumen, umräumen, einkaufen, besorgen, wegschaffen. Ja, gib her, das mach ich jetzt einfach mal schnell selbst. Was wäre wenn nur noch Dinge mache, die körperlichen Einsatz erfordern…?

Dann erinnere ich mich an meine Meditationspraxis und den mittleren Weg und dass in allen Gerichten immer alle sechs Geschmacksrichtungen vorkommen müssen, damit sie schmecken. Es gehört doch alles irgendwie zusammen!

Aber wir denken so gerne in Dualitäten oder Dichotomien, also wir lieben es, alles zu unterscheiden in gut oder schlecht, neu oder alt, gewohnt oder ungewohnt, du und ich oder wir und die anderen. Wir denken, wir brauchen dieses Wissen, diese Einteilungen und Beurteilungen, um klar zu kommen in dieser Welt. Wir üben uns jeden Tag darin, die Dinge immer schneller bewerten zu können: ob sie uns gut tun oder nicht, nützlich sind oder eher schädlich, spassig oder lästig, körperlich oder geistig, gewöhnlich oder ungewohnt? Wir unterhalten uns, tauschen uns aus, lernen ständig Techniken zur noch schnelleren Unterscheidung, legen ganze Verzeichnisse mit Ordnungen an, und Listen um dort dann Dringendes und Wichtiges von Nichtdringendem und Wichtigem unterscheiden zu können.

Ich bin ein sogenanntes Nichts. Aber ich lasse diese Bewertungen und Einordnungen zu, dieses positiv oder negativ, die duale Sicht, diese vielen Gedanken. Was wäre, wenn ich nur noch das tue, was jetzt dran ist?

Und dann lade ich das nicht perfekte Bild hier hoch, korrigiere die Rechtschreibung, überprüfe die Struktur, drücke Publish und dann schaue ich weiter, was danach dran ist. Schalte den Fernseher an und wieder aus. Öffne Webseiten und schliesse sie wieder. Schreibe Mails und vergesse sie. Lache und Weine. Und dann mache ich auch einfach mal nichts und spüre der Unruhe nach und sehe, wie sie kommt und dann wieder geht und doch immer wieder kommt…

PS: passend auch die aktuelle Spiegelkolumne von Sascha Lobo, die konservativ im Spiegel Forum und nicht so konservativ bei Google+ diskutiert wird… (die Leute dort haben alle zuviel Zeit und echt komische Gewohnheiten!;).

Istanbul, 8:40, Tag 85

Habe geträumt, aber was? Dieser Morgen bleibt ohne wirkliche Erinnerung an meine Träume…

Bei der Morgenmeditation kamen zwei Gedanken. Der eine: ohne Messen, kein Management. Auf die ein oder andere Weise messen wir immer: wir werten und vergleichen, das war gut, positiv, erwartungsgemäß, hat uns unseren Zielen näher gebracht, ein Problem ist gelöst, ein Vertrag nun erfüllt, ein Auftrag abgearbeitet, eine Idee ist verwirklicht, ein Traum gelebt, der Tag überstanden.

Es gibt sicher viele Definitionen für Management, eigentlich kann ich mir hier irgend eine geeignete heraussuchen und das Thema wäre erledigt. Zum Beispiel, dass durch Management der Versuch unternommen wird, das Gesamtergebnis größer als die Summe seiner Teile erscheinen zu lassen oder dass Management durch Absprachen bzw. Regeln versucht, die Zusammenarbeit von Gruppen von Menschen zu unterstützen. Management ist ein Konzept und Teil unserer spezialisierten, komplexen und hochgradig arbeitsteiligen Welt und kann nur in genauer Beobachtung – dem Messen – von Veränderungen irgendwelcher(!) Daten über einen bestimmten Zeitraum seine Grundlage haben.

Der andere: ohne Erwartungen, kein Glück. Bei dem Thema erinnere ich mich manchmal an Volker Weber, über den ich denke, dass er in seinem Impressum, vielleicht einer älteren Version seines About Dokumentes, mal geschrieben hätte, dass er seine Versprechen immer hält. Ich kenne auch noch andere Menschen, denen das ein grosser Wert ist, so etwas von sich behaupten zu können.

Oder anders, manche Menschen achten darauf, was für Erwartungen sie bei ihren Gesprächspartnern erzeugen. Sie versuchen diese zu kontrollieren und schränken zum Beispiel persönliche Zusagen ein, auf solche, deren Einhaltung für sie momentan unproblematisch scheint. Solche Menschen nennen sich oft „ehrlich, manchmal schmerzhaft ehrlich“, vielleicht weil das Management von Erwartungen manchmal weh tut? Es geht hier eigentlich nicht um die Ehrlichkeit bei der benannt oder  gesehen wird, was wirklich ist und auch nicht um die andere Ehrlichkeit, mit der Erwartungen enttäuscht oder Versprechen gebrochen werden können.

Es geht darum, dass man alle Erwartungen für das Gefühl des Glücklichseins verantwortlich machen kann. Eine Erwartung ist eine bestimmte Vorstellung darüber, wie etwas – ein Sache, eine Situation, ein Gefühl – zu sein hat oder auch wie sich andere Menschen dem etwas gegenüber verhalten sollten. Erwartungen können niemals vollständig die Realität beschreiben, sie sind immer nur eine Vorstellung davon.

Nun halte ich mich für einen eher optimistischen und neugierigen Menschen, der etwas über die Erwartungen von anderen Menschen erfahren möchte, vielleicht kann man ja etwas zusammen tun… etwas machen, vielleicht entsteht aus dem gegenseitigen Austausch von Erwartungen ein Impuls, der zu Aktion, zu Veränderung wird. Manchmal halte ich mich für einen eher sensiblen und emphatischen Menschen, dem es leicht fällt, vorhandene Erwartungen auf Lücken oder Abweichungen abzuklopfen.

Und wenn ich beides nur bei mir selbst anwende, dann kann ich mich entscheiden… bin ich glücklich darüber, dass meine Erwartungen (nicht völlig) enttäuscht worden sind oder bin ich unglücklich darüber, dass meine Erwartungen (nicht völlig) mit der Realität übereinstimmen?

Istanbul, 10:07, Tag 84

Kein Traum erinnert, Zeit für eine Schreibpause? Heute mag ich nicht schreiben, für dieses kurze Lebenszeichen reicht es noch, will die Serie einfach nicht abreissen lassen, auch wenn mir heute einfach nicht einfällt, was zu schreiben wäre. Gestern ist nicht viel passiert, ein ganz gemütlicher Tag und Abend, nix besonderes, einfach nur so dahin gelebt, viel gelesen, komisches Zeugs, nichts zum posten hier…

Und mit einem klaren Gutenmorgenbild und einem Lächeln verabschiede ich mich in den zweiten Weihnachtsfeiertag.

Istanbul, 8:42, Tag 83

Heute erinnere ich mich nicht an meine Träume, bin noch sehr müde… aber nach Duschen, Mediation und zwei Tassen Kaffee bereit für den Start in den ersten Weihnachtsfeiertag, der hier fast sonnig und kalt beginnt.

Versuchte zeitig aufzustehen, um mich der neuen, alten Zeit so schnell wie möglich anzupassen. Die Mädels erholen sich noch von einem wunderbaren Heilig Abend. Aleyna möchte an den Weihnachstmann glauben, das ist sooo schön… und sie macht es uns einfach, geht in ihr Zimmer kurz vor der Bescherung, weil er ja 1. keine Zeit hat, bei so vielen Kindern und 2. die Gefahr besteht, dass er ihr Gedicht oder die Dekoration nicht mag und böse wird. Ich habe ihm die Tür aufgemacht, sein Poltern und die laute Stimme dröhnten durch das Haus… danach wurde ich ausgefragt, wie gross er wirklich war, dass er sich bestimmt bücken musste, um durch die Tür zu passen, ob er wirklich einen so dicken Bauch gehabt hätte.

Hier die stolze Aleyna nach dem gemeinsam Schmücken unserer türkischen Hilfstanne.

Und auch die Türken können Lichter zu Weihnachten… hier der „Weihnachtsbaum“ vor Cevahir, einer der größten Malls hier.

Und hier der kurioseste Baum, der mir dort begegnet ist und bei dem mich nur ein letzter Funken von irgendwas zurückhalten konnte, ihn mit nach Hause zu nehmen:

Bei meiner Morgenlektüre ist mir der Google Zeitgeist 2011 über den Weg gelaufen und weil ja jetzt die Zeit der Jahresrückblicke beginnt, ein Hinweis auf dieses ganz interessant und auch sehr schick gemachte Werkzeug der größten Suchmaschine…

Auch dafür gibt ein natürlich sehr patriotisches Werbevideo, das ich hier aber nicht mehr einbette. Sondern dank Georg, beende ich meinen Weihnachtspost mit  „How wonderful life is, now you’re in the world“ für meine beiden Mädels: I love you!