Ohne Gewohnheiten, kein Leben…

Istanbul, 8:27, Tag 86

Fühle gerade die Gemütlichkeit von alten Gewohnheiten. Das bekannte, angenehme, warme, sanfte Gefühl welches sich einstellt, wenn man einer Tätigkeit nachgeht, die man kennt – an die man sich gewöhnt hat. Ich rede von Gewohnheiten, die auf irgendeine Art mit einem schlechtem Gewissen gekoppelt sind, mit einem: das macht oder darf man eigentlich nicht, das ist jetzt aber etwas Besonderes, Seltenes oder Teures, und nur heute ist mal eine Ausnahme, weil doch Weihnachten ist, die Sonne scheint, mir einfach mal wieder danach ist… ich rede davon, wenn der Fokus unscharf wird. Wenn wir Dinge tun, von denen wir wissen, dass sie uns eigentlich nicht wirklich gut tun, aber es fühlt sich dabei alles vertraut, bekannt, klar an.

Ich bin ein sogenannter Lustarbeiter. Aber es gibt immer wieder Dinge, die einfach getan werden müssen, die keinen wirklichen Spass machen, die nerven oder einfach viel Kraft kosten. Was wäre, wenn ich nur noch Dinge mache, auf die ich jetzt einfach Lust habe…?

Vor meinem Fenster hier fliegen gerade ganz nah und immer wieder riesige Möven auf mich zu, als ob sie auf mein Fenster zielen und kurz vorher hochziehen, um eine Gruppe von Fischen, die über den Dachsims spaziert, zu attackieren. Wäre ich bei der ersten Möve aufgesprungen und hätte das iPhone geschnappt, dann hätte ich bestimmt ein grossartiges Bild von den nah ansegelnden Möven machen können. Ich bin aber Sitzen geblieben und jetzt während ich das hier tippe, sortiere ich das Nichtgeschehene in meine Gedankenwelt ein.

Meine neue, aber mit schlechtem Gewissen verknüpfte, Gewohnheit des Bilder Machen kollidierte mit einer anderen, neuen, ebenfalls mit leichtem schlechten Gewissen verknüpften Gewohnheit, des Tagebuch schreiben. Und eine alte Gewohnheit des früh die Newsrunde drehen, des morgens – früher Zeitung, dann mehr und mehr Heise, Spiegel und heute eher – Twitter und Google Reader lesen meldet sich zu Wort: schau Dich doch um, das brauchst Du jetzt, man muss doch wissen, was passiert ist in der Welt, wie das Wetter in Berlin ist, die Nachrichtenlage zu Korea, der Dax steht, ob es neues aus dem Kundenumfeld gibt, damit man mitreden kann, schau ich auch noch schnell im Sportteil rein, ach nur Handball heute.

Kommt Gewohnheit eigentlich von Wohnen, sich in etwas oder irgendwo einrichten, sich zu Hause fühlen, sich an etwas gewöhnen…? Am liebsten würde ich nur Dinge tun, an dich ich mich schon gewöhnt habe, die eine Gewohnheit sind, die ich kann, bei der ich das Ergebnis kenne.

Ich bin ein sogenannter Wissensarbeiter. Aber wenn Dinge getan werden müssen, die körperliche Bewegung oder gar Anstrengung erfordern, bin ich sofort mit dabei, heute meist nur irgend etwas aufräumen, umräumen, einkaufen, besorgen, wegschaffen. Ja, gib her, das mach ich jetzt einfach mal schnell selbst. Was wäre wenn nur noch Dinge mache, die körperlichen Einsatz erfordern…?

Dann erinnere ich mich an meine Meditationspraxis und den mittleren Weg und dass in allen Gerichten immer alle sechs Geschmacksrichtungen vorkommen müssen, damit sie schmecken. Es gehört doch alles irgendwie zusammen!

Aber wir denken so gerne in Dualitäten oder Dichotomien, also wir lieben es, alles zu unterscheiden in gut oder schlecht, neu oder alt, gewohnt oder ungewohnt, du und ich oder wir und die anderen. Wir denken, wir brauchen dieses Wissen, diese Einteilungen und Beurteilungen, um klar zu kommen in dieser Welt. Wir üben uns jeden Tag darin, die Dinge immer schneller bewerten zu können: ob sie uns gut tun oder nicht, nützlich sind oder eher schädlich, spassig oder lästig, körperlich oder geistig, gewöhnlich oder ungewohnt? Wir unterhalten uns, tauschen uns aus, lernen ständig Techniken zur noch schnelleren Unterscheidung, legen ganze Verzeichnisse mit Ordnungen an, und Listen um dort dann Dringendes und Wichtiges von Nichtdringendem und Wichtigem unterscheiden zu können.

Ich bin ein sogenanntes Nichts. Aber ich lasse diese Bewertungen und Einordnungen zu, dieses positiv oder negativ, die duale Sicht, diese vielen Gedanken. Was wäre, wenn ich nur noch das tue, was jetzt dran ist?

Und dann lade ich das nicht perfekte Bild hier hoch, korrigiere die Rechtschreibung, überprüfe die Struktur, drücke Publish und dann schaue ich weiter, was danach dran ist. Schalte den Fernseher an und wieder aus. Öffne Webseiten und schliesse sie wieder. Schreibe Mails und vergesse sie. Lache und Weine. Und dann mache ich auch einfach mal nichts und spüre der Unruhe nach und sehe, wie sie kommt und dann wieder geht und doch immer wieder kommt…

PS: passend auch die aktuelle Spiegelkolumne von Sascha Lobo, die konservativ im Spiegel Forum und nicht so konservativ bei Google+ diskutiert wird… (die Leute dort haben alle zuviel Zeit und echt komische Gewohnheiten!;).

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