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Treffliche Auswahl, aber diesmal nichts für Sie?

Noch Berlin, 7:57, Tag 131

Kein Traum erinnert, wieder kurz geschlafen, die gestrige Aufmerksamkeit ist noch immer da. Sitze hier in der Espressolounge und rede mit G. und E. übers nicht werten vorm los lassen und über alte Zeiten, über Fussballer, über die anderen Stammgäste und die anderen Kneipen, übers Turandot, das Atlantic, über Kosta in Lichtenberg, der früher mal im Pfau war, das jetzt das Vicolo ist und darüber, wie wir alle mal mit 30 über die Autobahn gefahren und bei Sonne die Scheibenwischer angeschaltet haben, ein Traum.

Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll, gestern habe ich Material für mindestens drei ganz grosse Geschichten erlebt.

Ein tolles Thema könnte sein, über Authentizität und Begeisterung für das, was da ist und nicht für das, was nicht da ist zu schreiben. Also darüber, dass Kunden immer 3 von 300 Features eines Systems, einer Software, eines Produktes benutzen und eines der drei, das 301. ist das noch nicht vorhandene Feature. Aber dieses 301. Feature ist das kaufentscheidende, wegen dieser nicht vorhandenen 301. Funktion wird das Produkt in Wahrheit gekauft…

Das zweite sich daran anschliessende Thema könnte davon handeln, dass Erfolg genau da ist, wenn man liebt, was man tut und dem auch folgt… Also darüber, was die grossartige Kunst des G. Wilhelm aus der nagelneuen Buchhandlung am Moritzplatz ausmacht. Von seiner Achtsamkeit und seinem sparsamen dahin gesagten „treffliche Auswahl“ beim Kassieren von Aleyna’s Vorschulkinderbüchern. Erst sein sich anschliessendes „Diesmal nichts für Sie…?“, hat mich aufmerken lassen. Das war keine Floskel, kein Schein, keine Routine und vor allem kein wollen… sondern nur freundliches, wertungsfreies, unaufdringliches da sein, beobachten – für den einen Zweck, den des perfekten Bücher handelns.

Ich bin nach einer halben Stunde zurück und habe drei weitere Bücher diesmal für mich gekauft und froh über seine Empfehlung, habe ich das vierte Buch für ihn gekauft: Bruce Bégouts philosophisches Gedankenexperiment Der ParK, welches ich nachher im Flieger nach Istanbul verschlingen werde.

Das dritte Thema ergibt sich, folgt den ersten beiden Erlebnissen ganz natürlich und fand seinen Anlass, vor meiner Whiteboard Wand mit B. am Nachmittag. Ich möchte eine Rede für die Nachfolger, also eine Rede für Kinder oder noch besser für die Enkel halten. Also darüber, was mein Bild der Zukunft ist: dank der heute verfügbaren Technologien, durch das Internet — die nun möglichen Verbindungen von Systemen und deren Daten – durch einen offenen Umgang damit, durch emphatisches Denken und Fühlen werden gerade neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit erprobt, die auf dem gemeinsamen Erschliessen, Sammeln und Teilen von Informationen basieren.

Dieses gemeinsame Arbeiten ist nun in sehr grossen, zufällig entstehenden und auch schnell wieder zerfallenden Gruppen möglich, die einen extrem hohen Grad an Selbsorganisation erreichen können. Einige Vorteile der heute lebenden, arbeitenden Menschen, die auf dem begrenzten Zugang zu Informationen und damit Wissen basieren, werden noch in dieser Generation aufgehoben werden. Und diese Entwicklung wird nicht aufzuhalten sein. Es wäre so, als ob man das Älter werden aufhalten möchte…

Dann zum Schluss noch ein letzter Gedanke, der bei einer weiteren Begegnung gestern entstanden ist: Ich war überrascht zu hören, dass manche darauf warten, um genau den einen Tag nicht zu verpassen, an dem diese Serie von 131 Tagen ununterbrochenen Schreibens zu Ende gehen wird. Unabänderliche Tatsache ist dabei, dass dieser Tag kommen wird.

Aber heute morgen, nach dem Zazen dachte ich folgendermaßen: es ist so, als ob diejenigen darauf warten würden, ob ich ohne zu atmen, ohne zu essen überleben werde. Denn dieses Schreiben hier ist in den paar Tagen zu einem untrennbaren Teil von mir geworden, es ist keine Arbeit, kein Vergnügen, es ist pure Notwendigkeit, meine Realität, einfach mein Leben…

Und damit wünsche ich allen hier (auch denen, die auf das Ende warten) ein wunderbaren, grossartigen Start in das Wochenende…

  1. Jörg #

    Lieber Arne,
    ich fühlte mich heute Morgen, beim Lesen Deines täglichen Blogs, ertappt.

    Was ist da gestern, in der Mittagspause eigentlich in meinem Kopf vorgegangen?
    Ich hatte gesagt:
    „Ich freue mich auf den Tag, an dem Du das (tägliche Schreiben) nicht mehr durchhältst.“

    Was ich damit aber sagen wollte, war:
    „Respekt, ich mag Deine täglichen Beiträge. Ich finde es mutig, dass Du so frei berichtest und hoffe, dass Du damit weitermachst, solange es für Dich stimmt.“

    Danke, dass ich mein Verhalten erkennen durfte.

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    11. Februar 2012

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