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Stets rechtlich korrekt…

Istanbul, 8:20, Tag 138

Heute von einem Hang geträumt, mit Tischen und Stühlen und einer Scheune und Werkstatt und einem Fluss ganz unten im sich schlängelnden Tal. Es kommen Gäste, sie sagen nicht Hallo, fühlen sie sich nicht wohl? Arbeiter beginnen schon damit, einen alten Zaun zu entfernen, sind das die neuen Nachbarn? Wie unterhalten Sie sich denn, ich glaube, sie sprechen Deutsch, wenn auch einen Dialekt, sollten wir ihnen mit Ihnen Tee trinken? Sie setzen sich an einen Tisch, der Junge steht auf und fragt, ob sie frische Eier von den Hühner hier kriegen würden. Ich bemerke jetzt erst die Hühner im Stall und wundere mich, denn wir kaufen unsere Eier… na, das kann ja heiter werden, wenn die hier bauen. Und ich wache auf…

So, nun will ich doch ein paar Worte zur Causa Wolff verlieren, ich hab gestern live im Netz seine Rücktrittsrede geschaut und vor allem bei seinem „Die Berichterstattung haben meine Frau und mich verletzt“ habe ich gedacht: „oha, krass – er hat es wirklich getan…“ Er hat den Medien die Schuld gegeben an seinem Rücktritt. Er versteht es immer noch nicht! Aber viele andere auch nicht, die jetzt in das gleiche Horn von Hetzjagd, Kampagne und Vorverurteilung blasen.

Ich glaube auch, dass er es erst meint, wenn er sagt, dass er sich „stets rechtlich korrekt verhalten hat“. Aber genau darum geht es, denn man kann sich auch nicht stets rechtlich korrekt und doch richtig verhalten…

Dazu schrieb gestern ein Bekannter, dass er ihm auf einer Party gar mal einen Virgin Strawberry Daiquiri für umsonst gegeben hätte… aber lest doch lieber selbst den ganzen Kommentar:

Und genau hier scheiden sich die Geister! Denn mir geht es wieder um die Intention, die Absicht hinter den Handlungen, die das Annehmen eines Daiquiri OK oder eben nicht OK erscheinen lassen. Es ist nicht der Kontext, es ist nur die Intention, die den Unterschied macht.

Und da kommt mir eines der Rotary Prinzipien zu Hilfe: Service above Self wenn die Sache oder die Aufgabe größer ist, als man selbst, größer als seine Bedürfnisse, Wünsche und Träume; wenn man die eigene Person, das eigene Ego in den Dienst der Aufgabe und des Amtes stellt, es erst anstrebt und dann sogar ausüben darf; und wenn dabei „mit ganzer Kraft“ keine Floskel ist. Als er Ministerpräsident eines Bundeslandes war und nachdem er seiner Wahl zum Bundespräsidenten zugestimmt hat und sich in seinem Leben stets „rechtlich korrekt“ verhalten hat, warum bleibt er dann nicht und stellt sich mit donnernder Stimme hin und verteidigt seine persönlichen Werte- und Moralvorstellungen, sein Verhalten nicht? Warum geht tritt er verletzt zurück? Warum stellt er das Amt nicht über sich selbst? Für mich ganz klar, weil er einfach nicht die Größe besitzt, die dieses Amt erfordert. Oder um es dissoziiert auszudrücken, weil er einfach nicht in der Lage ist, genügend Vertrauen in seine Größe in der Öffentlichkeit – durch die Medien – zu erzeugen.

Warum lacht er nicht und sagt, na klar trinke ich bei meinem Freund Clark auf jeder seiner Parties Virgin Strawberry Daiquiries, was wollen sie von mir? Ich bin der Bundespräsident! Na klar, nehme ich von einer Freundin gerne 500k€ Darlehen an, was wollen sie von mir? Ich war der Ministerpräsident! Na klar fahre ich gerne in die Ferienhäuser meiner Freunde! Na klar nehme ich Sonderkonditionen von VW, was wollen sie von mir? Ich bin in deren Aufsichtsrat! Na klar lasse ich mich auf Sylt ins Hotel einladen, was wollen sie von mir? Schliesslich habe ich mein Wohl immer  dem Wohl des Amtes, des Landes und des Staates untergeordnet! Warum kommt er nicht auf diese simple Idee, dass er immer offen zu dem, was er ist und was er getan hat, stehen kann, soll und sogar muss?

Na klar egal, dass er sich stets rechtlich korrekt verhalten hat, das geht ja eigentlich gar nicht bei der Fülle von Gesetzen und dem Interpretationsspielraum menschlicher Sprache geschuldet. Aber warum sagt er denn nicht: ich habe mich stets moralisch korrekt verhalten, meinen eigenen Moral und Wertevorstellungen entsprechend! Warum braucht er Anwälte, er hatte doch ein ganzes Präsidialamt zur Verfügung. Warum ruft er Chefredakteure an? Warum sitzt er im Fernsehen und spricht davon, dass Journalisten jeden Beleg seiner Vergangenheit umdrehen, ja und? Er könnte Bewunderung oder auch Bedauern empfinden, aber nein… er fühlt sich belästigt und dann verletzt! Krass!

Der Kommentar von Roland Nelles bei SPON trifft es meiner Meinung nach ganz gut.

Wulff hat es selbst vermasselt. Es bleibt das Bild eines Gernegroß, der zu klein war für das Amt, dem letztlich seine Mittelmäßigkeit zum Verhängnis wurde.

Hoffentlich habe ich das jetzt richtig zitiert, aber da ich mir nicht die Mühe mache, es zu überprüfen, werde ich wohl niemals sagen können: „ich habe mich stets rechtlich korrekt verhalten“.

Es gibt da draussen doch nur mittelmäßige Menschen! „Stell Dir vor, der scheißt auch nur im Sitzen“ lautet ein etwas derbes Sprichwort zu Mittelmäßigkeit aus meiner Jugend… aber einige dieser mittelmäßigen Menschen bewundere ich für ihre herausragende Leistung, für ihr besonderes Rechtsempfinden, ihre strengen Moral- oder Wertevorstellungen, für das Erreichen eines Amtes oder für die Ausübung einer Funktion, und manche auch einfach für ihr Sein.

Und ja, Christian Wulff hat viel erreicht für einen, der auch nur im Sitzen scheisst und er hat sich dabei im Rahmen seiner Möglichkeiten stets rechtlich einwandfrei verhalten! Nur ihn konnte ich nie bewundern…

Wünsche eine tollen Start in ein sonniges Wochenende!

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