Die Antwort liegt im Tun…

Noch Rheinsberg, 8:24, Tag 174

Heute Nacht ein heftiger Drehbuchtraum… ich habe einen behinderten Bruder, wegen eines Steinwurfes von mir vor vielen Jahren, kann er nicht laufen. Er wirft es mir indirekt, subtil immer und ständig vor. Wir fahren Auto, eine ansteigende Strasse, wir halten an einer Parkbucht, Busse halten an, fahren weiter, fahren vorbei und Wasser aus Pfützen spritzt uns an, obwohl wir hinter unserem Auto an der offenen Beifahrertür stehen. Er auf meinem Arm, ganz nah. Schliesslich machen wir unseren Frieden miteinander. Er verzeiht mir. Nein, er verzeiht wohl eher sich. Und muss pinkeln und geht dafür ausser Sichtweite. Plötzlich rollt eine Welle Polizisten an und will Fahrbahn und Parkbucht räumen, SEK in voller Montur, einer kommt auf mich zu und bedeutet mir, schnellstens loszufahren. Ich halte ein Bild von meinem Bruder hoch, sage, dass er behindert ist und ich auf ihn warten muss. Ich sehe, wie es in dem Polizisten arbeitet, wie er in Konflikt geht mit seinen Befehlen und der Situation und… wache dankbar auf!

Mein iPhone soll die Zeit nicht automatisch setzen, trotzdem hat es von Winter auf Sommerzeit automatisch umgestellt und ich bin so eine ganze Stunde zu früh wach, die ich meditierend verbringe, dazu sind wir schließlich hier. Es wird die ruhigste, konzentrierteste, leichteste Stunde… vielleicht auch, weil es die letzte Stunde, der letzte Morgen unseres Retreats ist.

Wenn wir darüber nachdenken, was wir in unserem täglichen Leben tun, sind wir immer über uns selbst beschämt.
-Shunryu Suzuki in Zen-Geist Anfänger Geist

Am Leben zu sein, heißt aktiv sein, etwas tun… und ich will noch so viel tun. Es gibt einfach so viel zu tun, die Liste ist endlos. Allein heute gibt es so viele Möglichkeiten, etwas zu tun. Viel zu oft stecke ich doch meinen Kopf in den Sand, und verdränge, dämpfe, flüchte mich in Routinen, in Zeitung, Fernseher, eher nur noch Laptop, in Arbeit, Konflikte oder reinen Aktionismus. Wenn ich nicht alleine bin, versuche ich, die Verantwortung für mein Handeln los zu werden: Schatz, was machen wir denn heute? oder Kollegen, na was liegt an? Ich merke hier, wie weit weg ich dabei von mir selbst bin… von dem, was wirklich zählt!

In dieser einen Woche hier, finde ich ein Stück zurück zu mir. Es verschieben sich die Perspektiven. Ein kleines Stück nur, aber so, dass ich es bemerke und sehr geniesse. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit. Ausklinken, Rückzug, alle Routinen abschalten und ersetzen durch einfachste, neutrale Routinen. Selbst kochen und nur Zeit für sich haben, ohne Wellnessangebot, ohne Tisch reservieren, Weinprobe, ohne Grillabend, ohne Besichtigungs- oder Kanutouren, ohne Interaktion mit anderen, selbst ohne die Frage: Tee oder Kaffee zum Frühstück… na, dann vielleicht ein Rührei oder Spiegelei? Neeeeeeiiiin! Reset!

Ich nehme mir einmal im Jahr eine Woche nur dafür Zeit, um Antworten auf simple, kraftvolle und riesengrosse Fragen zu finden. Was ist der Sinn meines Lebens? Warum bin ich hier? Was ist mir wirklich wichtig? Was will ich noch sehen? Wie kann ich glücklich werden? Wann bin ich glücklich? Was liebe ich wirklich? Wer bin ich wirklich?

Und ich verstehe mehr und mehr, dass es darauf keine endgültigen Antworten geben wird. Es gibt nur eine Abfolge vieler, kleiner Entscheidungen: so wie die Entscheidung hierher zu fahren, hier zu meditieren und heute wieder ab zu fahren und auch wie die Entscheidung, vorher noch 10km durch kühlen Nebel zu laufen… denn die Antwort auf all diese Fragen liegt nur im aktiven Tun!

Ich danke aus ganzem Herzen Tony, dass er mir das vor sechs Jahren das erste mal gezeigt hat und mich seit dem immer wieder dazu bringt, diese eine Woche im März auch wirklich weg zu fahren. Und ich danke aus ganzem Herzen der tollsten Frau und der süssesten Tochter der Welt für ihr liebevolles Verständnis dafür!

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