Über meine Unvollkommenheit…

Istanbul, 8:03, Tag 176

Heute wild geträumt, ein Typ wie Pete Cashmore war der Star, er war DJ und Accountant seiner eigenen Firma, ich begleitet ihn wie mit einer Kamera oder in seinem Tross durch die Nacht. Durch verlassene Fabrikgebäude, in Fahrstühlen, die die Stockwerke nie genau trafen und man immer klettern musste, in Clubs in denen er auflegen sollte, aber doch lieber über dem Excel seiner Buchungen hing und einfach ein anderer hinters Pult gezerrt wurde, der fälschlicherweise für den Echten gehalten wurde. In der Hälfte des Traumes war Pete verschwunden, gegen Ende tauchte wieder auf und machte uns Vorwürfe, dass wie ihn verpasst hätten… was das alles sollte, keine Ahnung. Bin ratlos zeitig wach geworden, habe ruhig auf Aleynas Trippelschritte gewartet, dann bis sie wieder eingeschlafen ist bei uns im Bett, und ich mich leise für meine Meditation rausschleichen konnte… so soll es sein, so macht das grosse Freude!

Nun beim Frühstück im Durak Bufe! Habe viel zu tun, aber trotzdem das Gefühl, mehr Zeit zu haben. Wenn die Selbst- über die Fremdbestimmtheit gewinnt, dehnt sich die Zeit. Die Erwartungen anderer verkürzt sie. Ich könnte noch mal kurz auf die Pferde von gestern zurück kommen, hatte ja nur ne knappe halbe Stunde zum Schreiben, ein paar Aspekte sind einfach zu kurz gekommen.

Ich habe mich immer schon für das schlechteste Pferd im Stall gehalten, denn ich musste immer über den Umweg des Schmerzes gehen, um so schnell laufen zu können, wie die besten Pferde.

Der Schmerz ist einer der Wege Gottes, der uns zu unserer wahren Natur erweckt. Die unmittelbare Erfahrung eines Augenblicks des Schmerzes ist in sich selbst eine Offenbarung.

Wenn ich von mir denke, dass ich gut bin, kriege ich sehr schnell vom Leben gezeigt, dass es nicht so sein soll, dass ich das nicht von mir denken sollte. Wenn ich mich als Chef für gut halte, kriege ich die Kündigungen eines wertvollen Kollegen. Wenn ich mich als Vertriebler für gut halte, gewinnt die Konkurrenz den Auftrag. Wenn ich mich als Projektleiter für gut halte, vergeigen wir einen Meilenstein nach dem anderen. Wenn ich mich als Architekt für gut halte, fliege ich aus dem Projekt. Wenn ich mich als Stratege für gut halte, versteht mich niemand. Und so weiter… das und mehr ist mir alles schon passiert.

Ganz langsam ändert sich das in den letzten Jahren. Meine eigene Unvollkommenheit führt nicht mehr konstant dazu, dass ich mich selbst verletze, mit mit meiner eigenen eingebauten Peitsche. Dass ich nicht auf mich achte, nicht gesund esse, zu viel Kaffee, zu viel Alkohol trinke, dass zu lange arbeite, dass ich ungeduldig mit mir und allen anderen bin, dass ich schlechte Laune habe und unglücklich bin.

Ich erkenne mehr und mehr die Kraft, die darin liegt, immer genau zu wissen, dass alles noch besser gehen könnte, dass man selbst nicht perfekt ist und eigentlich keine Ahnung hat und nichts darüber weiss, was man seinen Job, sein Leben, seine Familie nennen darf!

Nicht, dass man sich nicht anstrengen sollte, nicht kämpfen, nicht hart arbeiten sollte… doch, das soll man! Man soll sich immer anstrengen, immer bemühen – das Richtige zu tun. Es geht aber nur darum, dass zu tun, was dem jeweiligen Moment und der Situation angemessen ist. Wenn ich dabei die Kategorien gut und schlecht für einen Moment vergesse, dann spüre ich, dass mein Wissen über meine Unvollkommenheit der Kompass ist.

Meine Unvollkommenheit ist der Kompass, der mir zeigt in welche Richtung ich gehen soll, wohin ich schauen soll, was als Nächstes zu tun ist. Meine Unzufriedenheit mit mir gibt mir mehr und mehr die Kraft und die Entschlossenheit, etwas zu ändern, etwas zu tun. Und immer weniger nutze ich sie, um auf andere und mich selbst einzuprügeln, sie und mich anzutreiben mit einer Peitsche… die doch nur Schmerzen verursacht.

Dazu nun noch das zweite Zitat, heute aus einem anderen Buch das ich gerade lese. Daraus Worte von Sandra Jishu Holmes, der verstorbenen zweiten Frau von Bernard Glassman:

Nur der verwundete Heiler ist in der Lage zu heilen. Solange wir denken, dass spirituelle Führer perfekt sein müssen, leben wir in Armut. Ich habe einen perfekten Lehrer in mir, es gibt keinen perfekten Lehrer ausserhalb (aus ihrem Tagebuch).

Diese Worte habe ich beim ersten Lesen schon übertragen in meine Welt. Statt der Worte Jishus, las ich gestern Abend: Nur der gescheiterte Chef, Vertriebler, Projektleiter, Architekt, Stratege kann wirklich gute Arbeit leisten. Perfektion ausserhalb mir selbst zu suchen, verursacht nur Probleme und Stress…

Vielleicht erscheint das paradox, aber einen perfekten Lehrer in sich zu wissen und sich selbst gleichzeitig für unvollkommen zu halten, ja das geht. Mit dieser leichten Herausforderung für unser normales, dualistisches Denken lass ich Euch nun erst mal allein und verabschiede mich in einen sonnig, kühlen Tag.

Und wünsche allen Lesern hier mit einem Lächeln einen ganz wunderbaren Dienstag!

One thought on “Über meine Unvollkommenheit…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s