Zum Inhalt springen

Die Hoffnung fliegt…

Istanbul, 7:20, Tag 187

Wieder Wald, wir wollten wohl zelten, Aufbruchsstimmung, ich hab mein Telefon verloren… mein Ma ruft an, auf dem eben noch verlorenen iPhone, um mir zu sagen, dass sie ihr Nachtzeug vergessen haben. Sie wollen wohl zurück fahren. Ich schlage vor, dass T-Shirts doch auch gehen, die kann man überall kaufen. Schnitt! Bin auf einer Tagung von Patentanwälten, ein Schlosshof mitten in einem Dorf, ich sehe Details der Fassaden, wir sammeln uns, in Foursquare gibt es eine neue Funktion für solche Sehenswürdigkeiten, denn wir sollen alle in den Arme-Ritter-Saal. Der Veranstalter erwischt mich an einem Durchgang und tätschelt mir ins Gesicht, ein Kollege hat voll den Plan, ein anderer kommt in komplett neuem Outfit und ignoriert mich, während wir alle zusammen über den Innenhof laufen. Ich wache auf…

Gestern Abend erst habe ich bei Konstantin Wecker ein Video gefunden, von einer sehr bewegenden Kampagne eines Israelis. Sie fing wohl am 15.3. vor knapp drei Wochen mit einem Facebook Post an.

Ich glaube, langsam aber sehr sicher entwickelt sich ein neues Bewusstsein…. das Web zeigt uns allen, wie nah wir uns eigentlich sind, wie verbunden wir sind. Die süsseste Tochter der Welt singt grade neben mir ein Lied mit: die Hoffnung fliegt. Genau, die Hoffnung fliegt wirklich. Und ich hoffe, langsam aber sicher entwickelt sich ein neues Bewusstsein.

Es ist so leicht und so schwer zugleich, nach dieser Einsicht der Verbundenheit von allen und allem auch zu handeln. Ein kleiner Schritt ist es, das Video hier zu posten. Auch das hilft schon! Ich will keinen Krieg und doch ist Krieg in dieser Welt, ich verstehe sogar, dass er manchen angemessen erscheint. Nur er ist es nicht! Und Krieg ist immer die Folge von Gleichgültigkeit. Zu vielen Iraner ist es noch gleichgültig, was ihre Regierung sagt und tut. So wie es mir und vielen Deutschen noch und zu gleichgültig ist, was unsere Regierung sagt und tut. Sicher die zu steuernden Systeme, die Abläufe und Gewohnheiten, die Konzepte sind alle hochkomplex.

So wie die Interessen und Vorlieben der Menschen so zahlreich wie unterschiedlich sind, so dass es immer Konflikte, immer Probleme geben wird. Aber wenn Gewalt zur Durchsetzung der eigenen Interessen dient, erzeugt sie mehr Probleme als sie löst. Und wenn Anweisungen und Befehle statt Begeistern und Überzeugen der Grundsatz des Handelns ist, dann provoziert das immer mehr Widerstand, als es jemals überwinden kann. Das ist meine feste Überzeugung, die auf täglicher Erfahrung fusst.

Und trotzdem, werde auch ich ärgerlich, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es will. Auch ich werde böse, wenn mich jemand respektlos behandelt. Es ist tief eingebaut, tief verwurzelt. Diese Reaktion erscheint vielen so natürlich.

Die Buddhisten, also ich meine Bernhard Glassman, hat in seinem Buch über das Herzsutra ein Beispiel, das Gewalt trotzdem eine angemessene Reaktion sein kann. Wenn ein Kind gedankenverloren über die Strasse läuft, ein Auto übersieht und wir es in letzter Sekunde davor wegziehen können, dann kann(!) eine Ohrgfeige angemessen sein. Aber nur, wenn sie spontan ohne Überlegung, ohne zu Denken einfach passiert. Wenn man aus Angst um das eigene Leben, weil man böse ist, dass einen das Kind selbst in Gefahr gebracht hat oder selbst, wenn man verhindern will, dass es das Kind wieder macht, ohrfeigt, dann ist das falsch und nicht angemessen. Diesen Unterschied zu bemerkten und verstehen, ist wirklich entscheidend.

Ein einfacheres Beispiel: wenn man sich in den Finger schneidet, dann kümmert man sich einfach um die Blutung. Man lamentiert nicht lange rum, oder ist böse auf das Messer, auf die eigene Unaufmerksamkeit, auf das Geräusch, was einen abgelenkt hat. Nein, man kümmert sich einfach um die Wunde ohne gross Nachzudenken. Und genau in diesem Sinne des Kümmerns, kann auch eine Ohrfeige eine Reaktion sein, die der Situation angemessen ist.

Was viele Menschen aber spüren, ist aber dass die Kriegsdrohungen zwischen Israel und Iran eben nicht angemessen sind, dass mehr und etwas anderes dahinter steckt. Dass es Konzepte, Erfahrungen der Vergangenheit sind, dass es Ängste sind, die dort auf den anderen projiziert werden. Und das dies alles zusammen, die Ursache für die stattfindende Eskalation ist. Und dass der Krieg eben keine angemessene Reaktion auf die Konflikte und Probleme zwischen den Ländern sind. Dass es immer andere Optionen gibt.

Und genauso spürt jeder Mensch, dass die hunderte Milliarden Euro, die nach Griechenland überwiesen werden, eben nicht den Menschen dort helfen, dass sie keine angemessene Reaktion auf die Probleme dort sind, sondern dass etwas anderes dahinter steckt. Dass die Milliarden, die so bereitwillig unter lautem Protest gezahlt werden, eben doch bei scheinbar systemrelevanten Banken landen und diese dann retten und nicht den Menschen in Griechenland helfen. Und zwar dieselben Banken, die Griechenland erst in diese bescheidene Lage durch grosszügige Kreditvergabe gebracht haben.

Ja, vielleicht bin ich naiv. Aber wenn wir mehr und mehr verstehen, dass wir eng miteinander verbunden sind, dass die Griechen auch nur Menschen sind, die arbeiten, leben, lieben wollen. Vielleicht fangen wir dann an, aufzuräumen. Erst bei uns selbst, dann helfen wir den anderen beim Aufräumen.

Dann fangen wir einfach an, etwas zu tun.

Ich bin so gar nicht zufrieden mit dem Text hier drüber. Aber heute werde ich das nicht löschen oder ewig weiter überarbeiten und dann am Ende doch löschen oder doch nicht. Nein, hier ist mein Tagebuch! Und dieser Text ist meiner heutigen Stimmung, der Situation und meinen Fähigkeiten einfach angemessen.

Mit dem Bild aber bin ich zufrieden, das drückt ohne Worte alles aus, was ich hier sagen wollte.

Bisher keine Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s