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Wie wir (Patente) lesen werden: frei nach Clay Shirky…

Istanbul, 6:25, Tag 192

In Flipboard, bei den Cover Stories in einem Tweet von @lambo, Lambert Heller, einem Bibliothekar aus Hannover, habe ich gestern morgen ein grossartiges Interview von Clay Shirky gefunden über die Zukunft des Publizierens/Verlegens und Lesens.

Clay’s Sprache ist so klar, so grossartig, so pointiert, an der richtigen Stelle übertrieben oder einschränkend. Mein absolutes Vorbild! Wenn ich nur so schreiben, denken, leben könnte. Ich bin wieder mal sehr beeindruckt. Er schreibt über sich „I study the effects of the internet on society.“ – eine Andeutung von dem, was ich meine.

Einen kleinen Teil unseres Lebensunterhaltes verdienen wir bei mtc mit der Weiterentwicklung eines Patentschriftenpublikationssystem, kurz PATPROD. Das System ist grossartig, weil Gerald und Michael großartig sind, die es betreuen. Über 20.000 Seiten Papier werden in dem System in jeder Woche des Jahres zu XML und PDF/A verarbeitet, mit XSL:FO und FOP für das Erzeugen des Layouts der Patenturkunden für das anschliessenden Publishing.

Über 200 Satzanweisungen für bedingte Formatierungen sind vom Patentamt im Laufe des letzten Jahrhunderts zusammengetragen, formuliert und ständig weiterentwickelt worden: mehrseitige Titelseiten, bedingte Zweispaltigkeit und Umbrüche, Absatznummerierungen, verschiedene Listen, gestürzte Tabellen, einbettete Formeln, anhängende Zeichnungen, Verweise, Inhaltsverzeichnisse, Bezugsziffern, Zitierungen. Für alles gibt es spezielle Layoutanweisungen, die versuchen, exakt zu regeln, wie das Ergebnis des bis zu drei-jährigen Patentprüfungsverfahrens auszusehen hat, wenn die Urkunde am Bildschirm angezeigt oder auch gedruckt werden sollte.

Seit 2004 ist das Patentgesetz angepasst worden, so dass die elektronische Veröffentlichung der Urkunden ausreicht, um die volle Schutzwirkung zu entfalten. Übrigens ist auch dies eine herrlich präzise Sprache, die Beamtensprache. Bis 2004 wurde das alles in der Bundesdruckerei gesetzt und dann die grossen Druckmaschinen angeworfen, um dann in die sogenannten Auslegehallen mit den Urkungen zu bestücken. Seit der Einführung von PATPROD und DPMA Publikationen, welches heute DPMAregister ist, erfolgt die Veröffentlichung ausschliesslich digital im Web und in den Bibliotheken und Patentinformationszentren stehen lange Regale mit langsam verstaubenden gedruckten Patenten und vier grosse Monitore mit einer Recherchesoftware drauf.

Von 2004 bis 2010 war ein Teil des elektronischen Publizieren eine Tätigkeit, bei der vier Kollegen vor jeweils zwei grossen Monitoren  sassen,  und der Satz der Urkunden halbautomatisch vom Rechner gesteuert ablief. Eigentlich nur noch zur Sichtkontrolle. Das Satzsystem bestand aus hochkomplexen „Makros“ für Framemaker, in die kunstvoll die Satzanweisungen eingeklöppelt worden waren, so dass jeder der vier Kollegen sich  5.000 quasi selbstumblätternde Seiten anschauen durfte, pro Woche, 52 Wochen im Jahr.

An dieser Stelle ist die Zeit für das erste Clay Shirky Zitat gekommen:

The word “publishing” means a cadre of professionals who are taking on the incredible difficulty and complexity and expense of making something public. That’s not a job anymore. That’s a button. There’s a button that says “publish,” and when you press it, it’s done… We had a class of people called publishers because it took special professional skill to make words and images visible to the public. Now it doesn’t take professional skills. It doesn’t take any skills. It takes a WordPress install.

OK, das ist sicher etwas polemisch, aber unser Michael hat genau das im letzten Jahr mit der Implementierung einer FOP basierten Satzlösung realisiert. Der Satz der PDF’s erfolgt nun vollautomatisch als Teil des gesamten Veröffentlichung-Workflows. Die Sichtkontrolle konnte aufgrund der ausgefeilten automatischen Prüfungen durch Stichprobenkontrolle ersetzt werden, die vier Kollegen sind von einer äusserst stupiden Tätigkeit befreit und ein nicht zu wartendes Makromonster durch moderne Technologie ersetzt worden.

An dieser Stelle passt das zweite Zitat aus dem Artikel ganz gut:

The question is, what are the parent professions needed around writing? Publishing isn’t one of them. Editing, we need, desperately. Fact-checking, we need. For some kinds of long-form texts, we need designers.

Genau, wir brauchen verzweifelt hochqualifizierte Patentprüfer, Editoren und Selektoren im Clayschen Sinne, die den Prozess der Patenterteilung dramatisch beschleunigen, jahrelange Prüfungsprozesse sind unzeitgemäss, ineffizient und schlicht zu teuer. Wir brauchen mehr Michaels, die diese Systeme entwickeln, etablieren und betreiben können.

Was wir aber nun nicht mehr brauchen sind die Setzer, die Publisher der vergangenen Jahre seit 1871, der Etablierung des Patentamtes und der Reichsdruckerei, der heutigen Bundesdruckerei durch Bismarck. Die sind abgelöst worden, die sind nur noch Knöpfe, Funktionen in der Software. Und diese Entwicklung ist für einige (uns) grossartig und für die, die Ihre Profession dadurch verlieren, natürlich schrecklich. Aber aufzuhalten ist sie nicht.

Und wie am Beispiel des Lesens von Clay Shirky beschrieben, hört dieser Prozess jetzt nicht auf. Im Gegenteil, er ist wie immer der Beginn einer weiteren Transformation:

There’s a quote from Robert Frost, and I’m not going to get it exactly right, but basically, Men work together, whether they work alone or together. That sentiment, that understanding, is slowly penetrating society.

Social reading doesn’t create a new category. People excerpt and annotate and share and argue and quote and remix. All these things happen all the time. Social reading introduces the idea of text as a usable object. The idea that I’d read it and then do something about it — those actions were always connected, but we pretended they weren’t because the book didn’t have those features. Social reading goes any place where a group of people cares about a particular text.

Der nächste logische Schritt ist die Etablierung des Patentes als soziales Objekt.

Es ist heute schon und bereits seit vielen Jahren digital verfügbar. Das rezipieren von Patenten wird sich in den nächsten Jahren dramatisch weiterentwickeln. Einfach weil unsere Software und Technologien jetzt Features bereit stellt, die Patenturkunden niemals hatten, die unvorstellbar waren.

Und da so viele Menschen von den Auswirkungen eines effizienten und funktionierenden Schutzrechtssystem für technische Erfindungen betroffen sind und davon profitieren, ist eine dringende Reform, eine Anpassung an diese Möglichkeiten des Social Reading notwendig.

Patente müssen endlich wieder nutzbar, also zu benutzbaren Objekten werden und nicht nur als Munition im Kampf von Grosskonzernen dienen.

Es war unmöglich auf Basis von gedruckten Patenturkunden oder auch von lose im Web rumliegenden PDFs ordentlich zu agieren. Eine ganze Industrie mit Patentmanagement- und verwaltungssystemen ist deshalb in den letzten Jahren entstanden. Aber ein Grundproblem löst heute noch niemand nicht:

The number of people who’ve read, say, The Coming Insurrection (oder ein bestimmtes Patent) is tiny. But it used to be impossible for us to find each other, and now it’s easy.

Davor die Augen zu verschliessen, heisst in der Vergangenheit zu leben und nicht im Jetzt!

Dem Patentsystem liegt ein einfacher Handel zugrunde: sage öffentlich, wie die neue technische Erfindung funktioniert und Du bekommst ein auf 20 Jahre begrenztes Alleinverwertungsrecht, ein staatliches Monopol auf die Erträge der Erfindung. Es ist als klassische, regionale Wirtschaftsförderungspolitik gedacht und konzipiert.

Diese Grundfunktion nimmt das System heute nicht mehr aussreichend wahr. Es wird Zeit, dass sich das ändert! Wir müssen endlich die Menschen finden können, die sich mit den spezifischen Patenten beschäftigen, wir müssen mit ihnen einfach in Kontakt treten können. Es ist an der Zeit dafür!

  1. RudiN #

    Ja, Patente sind in den letzten Jahren leider immer stärker zum Instrument von großen Auseinandersetzungen geworden, während die breite Wirtschaft eher zögerlich wurde. Den Gedanke mit der Sozialisierung des Patents finde ich sehr interessant. Allerdings gibt es eben das Problem, dass Patent in der Breite aktuell wenig Attraktivität aufgrund ihres schwierig zu verstehenden Inhalts besitzen. Um eine breite Sozialisierung zu erfahren, bräuchte es auch einen leichteren und intuitiveren Zugang zu Patentinhalten. Es bräuchte eine Idee, wie Patente neben ihrem offiziellen Inhalt auch als einfacher zugängliche Wissensobjekte dargestellt werden können.

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    12. April 2012
  2. Danke für deine Anregung, Rudi! Heute nach dem Vortrag vor 30 Patentanwälten haben wir in der anschliessenden, regen Diskussion ebenfalls genau darüber gesprochen. Wie können die Ingenenieure, die eigentlichen Erfinder leichter und intuitiver Zugang zu dem in Patenten eingeschlossenen Wissen erhalten, und die Patent Professionals, als Übersetzer aber auch als Flaschenhals/Gatekeeper entlastet werden…

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    12. April 2012

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  1. Automatisierung der PDF Erstellung der Patentschriften für das Deutsche Patent- und Markenamt » Satz, Satz-Vorbereitung, Prozesse, PatProd, ST36, Erfassung » Deparom-Profil
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