Was es heisst, am Leben zu sein…

Berlin, 8:19, Tag 211

Heute nacht bin ich S-Bahn gefahren, die S5 g – l um in die Innenstadt von Istanbul zu gelangen. Sie startete in einem Tunnelsystem von dreistöckig übereinander liegenden Röhren. Die Bahnsteige lagen hinter Wänden, die nur von kreisrunden Öffnungen durchbrochen wurden. Eine Orientierung war nicht möglich, ich schwamm mit dem Strom von Menschen und hoffte, an der richtigen Öffnung für die S5 vorbei zu kommen. Dort war sie, ich kletterte hinein, die Wände aus Metall, die Stufen wurden Leitern, es wurde immer enger, bogen sich um Ecken. Es wurde so eng, dass nur noch hoffen und vertrauen konnte, dass auch ich – wie alle anderen – da durch passen würde. Mit den Füssen zuerst, liess ich mich fallen. Die Bahn fuhr durch den Tunnel, ab und zu konnte man die Stadt sehen. Ich stieg mehrfach um, bis ich schliesslich mit der letzten Linie, der der S5l im Zentrum ankam.

In einer nächsten Szene war ich dann auf einem Schnellboot in einem Hafen. Um uns herum kreisten andere Schnellboote, die mit ihren starken Motoren enge Kurven durch den geschäftigen Hafen fuhren, ganz knapp an kleinen und grossen Schiffen vorbei. Frau von Starnberg auf der Yacht empfing ihre versnobten Gäste, es war unklar ob ich Gast, Besatzung oder doch nur geduldeter Zuschauer war. Ich wollte auch ein paar Runden durch den Hafen cruisen und wachte mit diesem Wunsch kurz vorm Klingeln auf…

Gestern habe ich wieder einmal einen starken Impuls in Richtung gewaltfreier Kommunikation bekommen. Das Zitat von Rosenberg:

Jede Form von (Kritik, Vorwürfen, Forderungen) Gewalt ist der tragische Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse.

an der richtigen Stelle in unserem Trainer Training hat dafür gesorgt, dass ich mich mit einem Aha Erlebnis belohnt habe, dass sich immer dann einstellt, wenn ich glaube, etwas verstanden zu haben, wenn sich Themen scheinbar auflösen oder wenn unangenehme Situationen plötzlich erklärbar werden.

Es ergibt eine interessante Mechanik, mit der ich bisher auf Kritik oder Vorwürfen reagiert habe. Oft entsteht dabei der Impuls, die Worte sofort zu erwidern, mich zu verteidigen, zu erklären. Selten schaute ich bisher nach dem Bedürfnis als Auslöser dieser tragischen Reaktion, die ich zu oft und zu schnell als Angriff wahrnehme.

Die Tragik liegt in der Umdeutung meiner eigenen Bedürfnisse in Forderungen an andere, an mein Umfeld and die Welt an sich. Die Tragik liegt aber auch im Wegschieben der Verantwortung für und gegenüber mir selbst und in meiner Unfähigkeit, meine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und Wege zu finden, sie zu erfüllen oder einfach damit umzugehen.

Dabei haben ich oft Bedürfnisse nach Gefühlen: also keine Angst zu haben oder mehr Sicherheit zu empfinden aber natürlich auch Zufriedenheit mit etwas oder mir oder Anerkennung von anderen zu empfinden. Ich glaube manchmal, dass ich diese Gefühle selbst erzeugen kann und vor allem, dass ich sie kontrollieren sollte. Und ich kritisiere schnell andere dafür, wenn sie in mir nicht die richtigen Gefühle auslösen, die ich mir gerade wünschen oder die ich gerade brauche.

Es steckt ein Drang nach Kontrolle oder anders formuliert, die Idee dahinter, dass ich tatsächlich meine eigenen Gefühle gestalten und beeinflussen kann. Die Ursache dafür ist die Vorstellung der Trennung von mir als Mensch und den Gefühlen, die ich als dieser Mensch habe, als seien dies zwei getrennte Dinge.

Ich kann oft einfach nicht begreifen, dass alle Gefühle (und Bedürfnisse) immer nur ein Ausdruck, eine Seite von mir selbst und meines Daseins, von meinem am Leben sein ist. Sie lassen sich so wenig kontrollieren und unterdrücken, wie sich mein Atmen kontrollieren oder unterdrücken lässt. Sie lassen sich auch nicht von anderen erzeugen oder auslösen. Denn ich atme ja nicht, um am Leben zu bleiben, sondern weil ich am Leben bin, atmen ich.

Und weil ich am Leben bin, habe ich Gefühle. Weil ich lebe, fühle ich Angst, Wut und auch Glück oder Zufriedenheit Und ja, weil ich am Leben bin, denke ich auch, dass ich meine  Gefühle kontrollieren könnte. Und weil ich lebe, mache ich andere Menschen für meine Gefühle verantwortlich!

Doch beim regelmässigen Ein- und Aus einer künstlichen Beatmung sehen wir doch sofort und ganz klar den Unterschied zum natürlichen Atem. Aber beim ständigen Auf- und Ab unserer Gefühle schaffen wir das meist (noch) nicht. Wir wünschen uns künstliche Beatmung mit Gefühlen von anderen und fordern, kritisieren, drohen und werden so gewalttätig sogar… nur manchmal merken wir, dass so – wie nur selbst atmen können – auch nur wir selbst uns fühlen können. Nur wir selbst können anerkennen, dass dies genau unser Leben ist. Gefühle und Bedürfnisse zu haben und sie zu spüren, ist so wie zu atmen. Und das ist nichts anderes, als am Leben zu sein.

Wünsche Euch ganz ruhig lächelnd einen wunderschönen 1. Mai…

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