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Ein Spiegel der eigenen Unvollkommenheit…

Istanbul, 7:03: Tag 216

Uiiiiihhh, heute Nacht! Geflogen bin ich über einem Schweizer Dorf, mit einem Brett, einem Gleiter, ganz sicher aus der Zukunft, herrliche Technologie. Gelandet und mit dem LPG Vorsitzenden meiner Kindheit und meinem Vater zu einem Termin getroffen, voll schräg, er hatte Geburtstag, es regnete. Später ins Hotel durch die Stadt. Werde Zeuge von drei Wildunfällen an der Strasse, die Autos fahren einfach weiter. Im Hotel im Zimmer werden Jugendliche verhaftet, die gerade während der Öffnungszeiten und vor den Augen aller, einen Juwelierladen leer geräumt haben und dachten, dass es niemand bemerken würde, alle sind sprachlos. Später kommt eine indische Grossfamilie an, um mir Gute Nacht zu wünschen. Ich bin doch schon in Shorts, die sie so angestrengt ignorieren, dass ich aus dem Traum erwache…

Heute steht der Titel dieses Sonntagsposts schon fest.

Ich habe eine These als Überbleibsel der re:publica entwickelt, die ich hier mal testen, ausbreiten, formulieren möchte. Wie fast immer spontan, unüberlegt, nicht vorgedacht, nah dran an meiner Intution, im freien Raum meiner empty sea.

Auf der re:publika sind mir zwei Wortmeldungen besonderen in Erinnerung, einmal bei diesem Vortrag hier über Der digitalen Dorfplatz: Privat oder öffentlich? und später dann zum Vortrag Die totale Selbstkontrolle als Wunsch und nicht Bedrohung.

Einmal ging es um die Sorgen, dass im Internet Menschen schnell an den Pranger gestellt werden können und dann vom Mob (hier wird dann natürlich nicht von der Crowd gesprochen;) durch die sozialen Netze gejagt, gefunden und bedroht werden. Ganz konkret wurden die London Riots angesprochen und der Versuch der Londoner Polizei über Fotos, die auf Facebook veröffentlicht worden sind, einige der Täter zu finden. Wo ist die Grenze? Darf der Staat so etwas überhaupt?

Ich habe mich bei der Frage etwas geärgert, denn der Staat darf natürlich Fahndungsfotos aus seinen wenig besuchten eigenen Webseiten und in seinen noch viel weniger besuchten Polizeistationen und manchmal auch an Bahnhöfen, Flughäfen und Grenzübergängen aufhängen. Dort stört es ja niemanden, da schaut auch niemand hin. Wenn aber die Fotos bei Facebook eingestellt werden und sich tatsächlich jemand auf die Suche macht, jemanden ähnliches Aussehenden findet und dann ein Shitstorm (also eine Medienkampagne) über diesen hinwegfegt, dann sei sicher eine Grenze überschritten. Es gilt ja immer noch die Unschuldsvermutung und die Crowd interessiert das aber nicht und die Pinnwand wird geflutet mit hässlichen, bedrohlichen Kommentaren. Die Reputation des vielleicht falsch verdächtigten unbescholtenen Bürgers ist dahin. Er wird gekündigt, seine Frau lässt sich scheiden und sein Vermieter setzt ihn auf die Strasse, all das nur wegen einer Ähnlichkeit eines Fahndungsfotos.

Meine Meinung: ja, der Staat darf das! Natürlich darf er die Bevölkerung auch im Internet, also auch bei Facebook und anderen sozialen Netzen um Mithilfe bei der Aufklärung von Straftaten bitten. Aber genau so wird er gegen jede Form von Selbstjustiz vorgehen müssen, denn der Staat hat in unserer Gesellschaft das Gewaltmonopol. Dass es immer wieder Grenzfälle, Ungerechtigkeiten oder andere Fälle in einer Grauzone gibt ist ganz normal, gehört zum Alltag dazu. Klar ist es noch ungewohnt, dass sich plötzlich Polizisten auf einmal auskennen im Internet und es auch nutzen.

Beim zweiten Vortrag ging es dann darum, dass eine UdK Studentin von Prof. Kora Kimpel (wat’n toller Name!) einen Selbstversuch mit einem FitBit unternommen hat und ganz erschrocken davon sprach, was dieser moderne Schrittzähler alles aufzeichnen würde. Dass man erfahren würde, wann sie wie schnell wie weit gegangen ist und wenn man dann nur ganz wenig mehr über sie wissen würde, dann könnte man doch ein vollständiges Bewegungsprofil von ihr anfertigen.

Mit dem kleinen Gerät würde sie sich nicht mehr sicher fühlen, Überwachung total, diese modernen Zeiten mit ihren ungeahnten Möglichkeiten. Selbst beim Spaziergang im Park fühlte sie sich verfolgt, sie war richtig froh, als sie nach vier Wochen das Experiment  beenden konnte.

Hier wurde ich wieder fast ärgerlich, weil diese Worte der Studentin auf einem öffentlichen Podium gesprochen worden sind, in einem Raum voller Smartphons mit hochauflösenden Kameras in ein Mikrofon. Die Bedrohung wird also nicht in solchen Räumen mit vielen Menschen ausgelöst, sondern durch ein kleines Gerät in der Hosentasche, welches weniger Daten aufzeichnet, als das vielleicht auch einfachere Mobiltelefon, welches sich in der Handtasche der Studentin befindet, wie uns Malte Spitz hier so eindringlich vor Augen geführt hat.

Dazu haben mit die anderen Podiumsteilnehmer in die gleiche Kerbe gehauen. Die Daten bei FitBit und den anderen Selftracking Tools würden auf Plattformen in den USA gespeichert. Die kosten alle nichts. Die Daten sind unserer Kontrolle entzogen und werden natürlich verraten und verkauft, wie sollte denn sonst Geld verdient werden können. Die guten Plattformen würden das ja wenigsten noch anonymisiert machen, aber jeder würde mehr und mehr zum gläsernen Bürger. Die schlechten würden bestimmt irgendwas ganz Schlimmes mit den Daten anstellen. Immer wieder kommt dann der Hinweis auf die Versicherungen, Krankenkassen und  die Personalabteilungen zukünftiger Arbeitgeber.

Warum finden solche oder ähnliche Szenarien viele Menschen bedrohlich, Angst machend?

Mich erinnert das sofort an die elende Google Streetview Debatte, bei der meist ältere Menschen die Fernsehteams von RTL&Co in ihre Wohnzimmer einladen, um sich öffentlich im Fernsehen „vor einem Millionenpublikum“ darüber aufzuregen, dass Google von der Strasse aus ein Foto ihres Hauses in Posemuckel aufgenommen hat. Das könne jetzt im bösen Internet „jeder“ sehen und damit Milliarden $ verdienen.

Ich empfinde so ganz anders, ich würde mit keiner Versicherung einen Vertrag abschliessen, die auch nur in den leisesten Verdacht gerät, solche Praktiken anzuwenden. Genauso wenig würde ich bei einem Arbeitgeber arbeiten wollen, der sich für mein Facebook Profil interessiert und für die Partybilder von vor x Jahren. Und wenn die Angestellten solcher Firmen noch glauben, dass diese Diskriminierungen, als solche betrachte ich das nämlich, auf Dauer verborgen bleiben können, sind sie naiv oder kurzsichtig! Und noch weniger würde ich RTL&Co in mein Wohnzimmer einladen. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, irgend jemanden zu verbieten, von meinem Haus -noch dazu von der Strasse aus- ein Foto zu machen.

Heute morgen dann eine weitere Aufregung, diesmal aus ganz anderer Ecke. Facebook zensiert Nuztzerkommentare rennt grade durch die Timelines, weil ein Kommentar von Netzpromi Robert Scoble mit einem Hinweis auf unangemessenen Inhalt abgelehnt worden ist und der das natürlich dokumentiert hat.

Darf das Facebook? Darf Facebook den Inhalt von Nutzerkommentaren auf unerwünschten Inhalt durchsuchen? Es gab die Vermutung, dass andere Nutzer, also wieder mal der Mob oder auch Crowd, Scoble über die eingebauten „Flag as Inappropriate“ Buttons gemeldet habe und er als Opfer seiner Popularität von seinen Neidern zur Strecke gebracht werden sollte. Auch hier, oh mein Gott. Wir regen uns über Spam auf, aber wenn das System mal etwas zu sensibel ist, wird aus Spambekämpfung sofort der Aufschrei: Zensur! Darf Facebook das? Darf FitBit das? Dürfen die Anderen das?

Meine Meinung: ja klar, die dürfen das! Denn alles andere wäre eine Diktatur, eine Autokratie oder zumindest eine Bürokratie, in der ich nicht leben wollen würde! Es geht immer um Konsens, um Kompromisse und die stehen nicht fest, die sind immer Verhandlung und deren tiefes Wesen ist die ständige Anpassung und Veränderung!

Als ich heute morgen aufwachte und sich dieses Thema manifestierte, kam mir eine weitere Idee in den Sinn. Ist es nicht so, dass es uns einfach Angst macht, dass in diesem Internet Dinge passieren, die nicht kontrollierbar und vorhersehbar sind, wie im echten Leben. Dass es andere Menschen gibt, die sich damit besser auskennen. Dass es in schneller in Bewegung ist, sich rasanter entwickelt und immer neue Programme und Dienste entstehen, die mehr Daten erheben, verknüpfen und auswerten, als wir es gewohnt sind und uns manchmal lieb ist.

Geht es vielleicht um das Recht auf Vergessen?

Wir vergessen unsere eigenen Unzulänglichkeiten, unserer Fehler, unsere Fehlentscheidungen, unsere vielen kleinen *isschonnichsoschlimm* Handlungen heute sehr schnell. Plötzlich stellt das Internet Technologien bereit, mit denen man dieses Vergessen rückgängig machen kann. Wir können die Daten von gestern suchen, wir finden sie und sie konfrontieren uns damit, dass jemand bei den Riots einen Stein in der Hand hatte, der uns verdammt ähnlich ist. Sie helfen uns zu erinnern, dass wir gestern den ganzen Tag faul auf dem Sofa rumgelegen haben (und selbst der Hund lange quengelte, bis wir ihn alleine rausliessen). Sie erinnern uns an all unsere Beziehungen, die glücklichen und die unglücklichen, die schönen und die hässlichen.

Es geht darum, dass uns das Netz den Spiegel vorhält und uns an unsere eigene Unvollkommenheit erinnert. Daran, dass wir nicht perfekt sind, den Anforderungen der Gesellschaft, unserer Freunde und Kollegen, unseres Chefs an uns eben nicht immer, eigentlich nur manchmal erfüllen.

Und es geht darum, dass wir Angst haben, dass uns andere bloss stellen, dass andere auch erkennen könnten, dass wir nicht perfekt sind. Deshalb scheuen wir den Vergleich, den Wettbewerb vor allem natürlich in Bereichen, in denen er in der Vergangenheit einfach nicht möglich war.

Bei FitBit zum Beispiel sehe ich genau, wie viele Schritte und Treppen und Entfernungen andere Männer in meinem Alter mit meinem Gewicht zu machen, die sich auch einen Fitbit gekauft haben. Diese Einordnung war ohne diese Technologie einfach nicht möglich. Wir konnten vielleicht Studien lesen oder haben mal einen Beitrag im Fernsehen gesehen oder das Lexikon hat eine Zahl ausgespuckt: ca 5.000 Schritte geht ein Durschschnittsbürger am Tag. Und nun – siehe da – diese kleine Gerät zählt einfach mit, wie viel ich wirklich gehe. Und könnten erfahren, wie viele Schritte es tatsächlich sind.

Und wir mögen diese Art der Blossstellung, der Offenbarung, der Darstellung einfach nicht. Wir wollen uns nicht so vergleichen. Vielleicht weil wir von uns denken, dass wir die besten sein müssen, in jedem Feld immer über dem Durchschnitt liegen. Das wurde uns von Kindheit an so beigebracht: Junge, aus Dir soll doch mal etwas werden, streng Dich an! Oder wir wollen einfach nicht, dass der Staat, dessen Strafverfolger oder auch Perverse – die Anderen – unsere Handlungen im Netz nachvollziehen können und Rückschlüsse auf unser Leben ziehen. Wir haben Angst davor. Und wir haben Angst, dass diese Anderen das Netz besser nutzen könnten, dass uns alles entgleitet.

Wir haben einfach Angst, dass wir den Folgen unserer Taten nicht entgehen können, dass wir konfrontiert werden mit den Folgen unseres Seins. Und zwar in einer Art und Weise, wie es bisher nicht möglich war. Bisher konnten wir diesen Elefanten in unserem Bekanntenkreis ausweichen, haben die Kneipe gewechselt, sind einfach eine Weile nicht mehr mit dem Bus gefahren oder oder oder. Heute, wenn wir den Rechner anschalten macht es *pling* und wir können nicht einfach auf Löschen drücken, wir können nicht ausweichen, wir können nicht mal umziehen, das Internt zieht ja einfach mit.

Wir sind verantwortlich für alles, was wir tun.

Endlich wird uns das klar. Wir sind für alles, was wir in jeder Sekunde unseres Lebens tun, selbst verantwortlich. Wir tragen immer die Konsequenzen unserer Taten, ob wir das nun wollen oder nicht. Aber eigentlich konnten wir noch nie davor weg rennen. Noch nie konnten wir den Folgen unserer Taten ausweichen, egal wie sehr uns angestrengt haben, um zu vergessen. Dass Netz zeigt uns nun heute diese Tatsache ganz deutlich. Nun haben viele haben Angst vor sich selbst, vor dem nicht vergessen, dem sich erinnern können.

Viele haben Angst sich im Spiegel ihrer eigenen Unvollkommenheit selbst nicht wieder zu erkennen.

Aber genau für diese Einsicht bin ich auch dem Internet unendlich dankbar! Denn ich habe keine Angst (mehr) vor den Folgen meiner Taten. Ich habe keine Angst (mehr) vor dem Leben!

Ich geh jetzt raus, das Leben geniessen und wünsche Euch einen tollen Sonntag!

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