Wenn die Angst umgeht. Oder: Warum die Grünen sturzkonservativ und realitätsfern sind

Berlin, 7:31, Tag 222

Eine Scheune in der Nähe ist ein Mord passiert. Ein roter Traktor ist zu starten. Über die Wiesen fahren wir davon, zwei Freunde aus alten Zeiten und ich. Dann auf einem Moped in Kreuzberg. Ich biege um Kreuzungen, halte an Ampeln, sehe alle Details der Fahrt. Bin auf einer engen geraden Landstrasse. Drehe am Gasgriff, fast 100 schafft das Ding, starker Fahrtwind. Ich entschleunige, fahre an einem Auto vorbei, erkenne zu spät, dass ich gelasert wurde. Ich halte an, jemand schraubt an meinem linken Spiegel rum und baut ihn verkehrt wieder an, ich werde auf einen Feldweg geschoben, fahre wieder an und  holpere davon. Merke erst jetzt, dass mir jemand geholfen hat und ich vor der Polizeikontrolle geflüchtet wurde. Ich wache 10 min vor der üblichen Zeit auf…

Gestern Abend schon und heute Morgen auch habe ich mich über einen Post von @luebue aufgeregt. Er schreibt dort im Titel schon, dass die Piraten eine gefährliche totalitäre Partei seien.

Das erste, was mir dazu einfiel war: klar, Wolfgang ist ja ein Grüner. Der hat nun einfach Schiss. Und er hat keine Antworten auf den Veränderungswillen der ihm aus seinem Netz, in dem er seit 9 Jahren, 2 Monaten und 24 Tagen online ist – und sicher auch durch die Erfolge der Piraten – entgegenweht. Also Attacke! Er leitet das Team für digitale Kommunikation bei Achtung! und die haben bestimmt nicht umsonst ein Ausrufezeichen im Firmennamen. Ausserdem ist er Theologe. In dieser Kombination weiss er, wie er so zu schreiben und so zu provozieren hat und kann natürlich auch Titel drechseln. 

Ich hatte lange nichts mehr von ihm gelesen, aber mit diesem Titel hatte er schon mal meine Aufmerksamkeit. Und klar, kamen sofort die Assoziation nach totalitäres Regime bei mir hoch und ich unterstelle volle Absicht. Obwohl er natürlich in Klammern darum bittet, gerade dies im ersten Schritt nicht zu verwechseln! Also, denkt jetzt alle bitte nicht an grüne Elefanten, OK? Nee, das klappt so nicht…

Im Artikel selbst wird ein Aspekt der Argumentation und des Gründungsmythos der Piraten heraus gegriffen und als naturalistischer Fehlschluss dargestellt. Dann zieht er eine ganze Kette von Schlussfolgerungen, die er irgendwie auch philosophisch begründet. Aber dadurch gewinnt der Ursprungsgedanke nicht an Relevanz, der Post nicht Sachlichkeit und die Behauptung nicht an Wahrheit. Ich vermute mal ganz klassische Induktionsprobleme.

Er behandelt die Piraten, deren Wählen und Sympathisanten (also mich!) wie mancher Papa seine Kinder eben behandelt. Von oben herab unterstellt er ihnen pubertäres, ja vorpubertäres, simplifizierendes, positivistisches, irregeleitetes und naives Denken. Also liebe Piraten, werdet bitte erst mal erwachsen, ehe ihr mit Papa Wolfgang auf seinem Niveau reden könnt. Und so lange wartet bitte noch und nehmt den Grünen und anderen bitte bitte nicht noch mehr Prozente, Sitze, Posten und Macht weg! Solange ihr eure Füsse noch unter seinen Tisch, in seinem Internet stellt, macht ihr was Papa Wolgang sagt! OK? Nee, das klappt so nicht…

Und ja, Kinder und auch die Piraten sind sicher manchmal naiv, aber auch immer weise zugleich. Und noch etwas, die Pubertät ist kurz im Vergleich zum gesamten Leben und Kinder werden echt schnell erwachsen. Deshalb kann sich Wolfgang auch schon mal im Loslassen üben.

Aber vovor hat er denn Angst, dass er glaubt, solche Angriffe auf die Kinder anderer fahren zu müssen? Hat er Angst, dass die grüne Politik in ihren Öko Häusern in den Landschaften voller biodynamischer Pferdehöfe das Internet weiter verpennt? Das könnte ich ja verstehen. Dann wäre der Grund für solche Unterstellungen, ganz simplifzierend ausgedrückt, wohl typische Verlustangst.

Vielleicht ist es ja auch kein Angriff, sondern eine Satire, ein Witz, irgendwie auf ganz hohem Niveau. Vielleicht will er nur Aufmerksamkeit seiner sturzkonservativen Nachbarn, Kollegen und Kunden haben. Aber was ist die Folge, wenn er die Piraten für gefährlich und für totalitär im Denken hält?

Eine Folge ist unbestreitbar: mich fordern solche Texte echt heraus. Daneben festigen sie meine Positionen, bringen mich ans Nachdenken und ans Aufschreiben. Dafür bin ich persönlich Wolfgang jetzt schon sehr dankbar. Und ich freue mich für die Piraten. Ich finde das schön, dass sie von grünen Elefanten unterschätzt und so von oben herab behandelt werden. Das motiviert ihre Unterstützer – wie mich – ungemein und gibt richtig Kraft!

Nun bin ich philosophisch sicher nicht so belesen wie Wolfgang. Ich bin auch nicht in einer Denktradition liberaler evangelischer Theologie aufgewachsen. Ich bin auf dem Land gross geworden, und dazu noch im Osten! Habe zwar auch den Schrank voller Bücher, dank meiner grossartigen Eltern und den engagierten weltoffenen Lehrern, die ich hatte. Und bin sogar Unternehmer geworden und mit einem grossartigen Team von über 60 Eentwicklern und Beratern auf meine unwissenschaftliche Art auch so etwas wie ein Kommunikationsprofi. Ich verstehe wohl auch ein klein wenig von Werten, Zielen, von Strategien und Kultur. Und da uns seit 20 Jahren Grosskonzernen und Behörden ihre Budgets gegen unsere Arbeit tauschen, weiss ich ganz gut aus eigener oft schmerzhafter Erfahrung, wie schwierig Veränderungen in etablierten, langsam gewachsenen Strukturen sind, Supertanker nennen sich meine Kunden selbstironisch oft.

Mit diesem Background halte ich Papa Wolfgang’s Text, den Gründungsmythos der Piraten für einen naturalistischen Fehlschluss zu halten, selbst für einen Fehlschluss. Wohlwollend unterstelle ich ihm, dass er das beim Rotwein in seiner Sauna mit der Theorie der normativen Kraft des Faktischen verwechselt hat. Der Gründungsmythos der Piraten fusst doch nicht auf Technikpositivismus, sondern ist eher Rechtspositivistisch begründet. Ist es nicht eher die Kriminalisierung grosser Teile der Bevölkerung als Folge der Vernetzung und nicht die Vernetzung selbst, die zur Gründung der Piraten in Schweden führte und die die Debatten und die Erfolge der Piraten heute so stark befeuert.

Es geht doch darum, neu zu bestimmen was das ethische Minimum ist, wenn bestehende Regeln von niemanden mehr befolgt werden. Und das ist doch Fakt, das kann man doch nicht einfach ausblenden, wie die 100tausend fachen Abmahnungen beweisen. Und es geht darum, dass aus dem bestimmten Verhalten einer Mehrheit, Regeln für alle geschaffen oder eben bestehende Regeln verändert werden müssen. Und das auch mal mit neuen Parteien und Köpfen zu versuchen, ist für mich eben auch Demokratie. Und genau dafür stehen die Piraten heute, das ist nicht gefährlich und auch nicht totalitär, sondern einfach nur progressiv!

OK, es ist natürlich gefährlich für Verfechter und Fans veralteter Rechtssysteme und sich auch gefährlich für die Mandatsträger überalternder, konservativer Parteien voller grüner Elefanten. Aber genau da hört Wolfgang in seinem Post auf, er geht nicht einen Schritt tiefer oder weiter. So bleibt es nur die propagandistisch super aufbereitete Attacke, auf Basis eines einzigen Fehlschlusses. So bleibt es nur schnell verbrennendes Öl im Feuer der Debatte. Und genau deshalb mach ich mir hier auch nicht noch mehr Mühe und beende meine Antwort!

Sooo, das musst jetzt so raus. Ist jetzt ja wirklich einer meiner achsoseltenen Rants geworden, dafür herzlichen Dank, Wolfgang!

Wünsche ein grossartiges Wochenende!

2 thoughts on “Wenn die Angst umgeht. Oder: Warum die Grünen sturzkonservativ und realitätsfern sind

    1. na klar, magdalena, das sehe ich auch schon kommen und fing ja auch schon an… und es gibt bald wirklich lukrative posten zu vergeben, die nach kürzester zeit eine sicheres, sehr hohes auskommen bis zum tode garantieren. und wenn man die einmal hat, will man keine änderungen, braucht sie nicht mehr, bekämpft sie, ja findet sie gefährlich und totalitär…

      aber die paar jahre können sie genau wie die grünen damals einiges bewegen! und das ist zumindest gefühlt längst überfällig…

      Gefällt mir

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