Unruhe ist Bewegung…

Berlin, 7:14, Tag 226

Eine Strassenszene in der Minitornados von irgend jemandem gesteuert alles durcheinander wirbelten und zerstörten. Papier, Blätter, Dreck, dann einzelne Autos und sogar ein ganzer Laster flogen durch die Luft. In einer ruhigen Ecke schrieben zwei Polizisten an einem Haftbefehl mit Kuli in einen Vordruck. Ich schaute zu und überlegte, ob es Sinn macht, die Adressatin über Twitter zu warnen. Aber es schien nur eine Formalie zu sein. Als ich aufwachte, fragte ich mich, ob ich diesen Quatsch wirklich geträumt hatte…

Bin Unentschlossen. Fliege morgen nach Istanbul. Der Tag vor der Reise ist oft ein sehr gestalterischer Tag. Aktivitäten konzentrieren sich. Als ob alles abwartet, sich aufstaut, um dann am letzten Tag abzufliessen. Ich spüre die Kraft, die in fokussierter Arbeit liegt vor allen an den Tagen vor dem Ortswechsel.

Vor zwei Jahren läutete das Reisen zwischen Berlin und Istanbul noch Urlaub ein oder aus. Es gab Dienstreisen und es gab Urlaub. Berufliche Aktivitäten treten dann im Urlaub in den Hintergrund, sind eigentlich nicht erlaubt im Konzept Urlaub. Man fühlte sich befreit und wenn man doch die Mails checkte, irgendwie belastet. Dies hat sich radikal gewandelt.

Heute ist es auch ein Phasenwechsel. Aber die Trennung zwischen Beruf und Privat ist fast verschwunden. Ich realisiere mehr und mehr, dass es keinen Unterschied gibt, beides sich gegenseitig bedingt und beeinflusst. Die Grenzen verschwimmen auch deshalb, weil ich weniger werte. Weil ich viel weniger Erwartungen habe, deren Enttäuschen ich erwarte.

Ich vergleiche weniger, wie meine Arbeit zu sein hat, wie ich in der Arbeit zu sein habe. Ich lasse die Konzepte Arbeitszeit, Arbeitsort los. Die Abhängigkeit zwischen Schreibtisch und Arbeit steht in Frage. Die Abhängigkeit zwischen Dauer von Anwesenheit und Produktivität steht in Frage. Allein Fokus und Entschlossenheit entscheiden, neue Routinen entstehen und entwicklen sich. Und die Unsicherheit steigt.

Ich experimentiere viel und spüre etwas Wichtigem nach. Entdecke einen grundlegenden Wandel. Unsicherheit ist nichts Schlechtes, Gefährliches oder Ängstigendes mehr. Unsicherheit signalisiert Offenheit, ermöglicht Kontakt, verbindet mit anderen Menschen und Themen, erschafft fast immer etwas Neues, verändert.

Sichere, wissende Menschen und Umgebungen sind wie betonierte Flussbetten, sie erlauben oft keine Abweichungen, fliessen sehr schnell, fördern kein Leben…

Die Gedanken hier sind nicht fertig, ich bin leicht unzufrieden und habe keine Ruhe mehr.

Es ist schon halb Neun, langsam muss ich hier fertig werden, morgen fliege ich doch schon und nachher sind noch drei Meetings, meine Wohnung ist noch aufzuräumen, meine Sachen zu packen. Alle meine Erwartungen und Wertungen kommen wieder hoch. Sie sind ja ein wichtiger Teil des Leben in Gemeinschaft.

Aber es ist wie bei der Meditation. Ich stelle den Timer, nehme mir vor 20min oder länger zu sitzen und dann merke ich, dass die Beine einschlafen, dass ich Durst habe, dass es juckt an der Nase, dass ich etwas vergessen habe, dass ich das nachher vergessen haben werde, ob der Timer wohl überhaupt noch funktioniert? Irre viele Sachen passieren, die alle von mir verlangen, dieses einfache Sitzen und Atem zählen für 20min zu unterbrechen und etwas anderes zu tun.

So ist es auch hier. Ich vertraue mir noch nicht wirklich. Ich denke zu wissen, wie ich zu sein habe. Und dazu gehört das Funktionieren als Chef, Vater, Ehemann, Freund, Kollege, Bekannter, Gast, Kunde, Bürger, Blogger, Nutzer, Fahrer, usw. Wir haben so viele Namen für uns erfunden und so viele Funktionen und für alles gibt es Vorlagen fürs Funktionieren, gibt es Erwartungen, sind Vergleiche möglich und finden Wertungen statt.

Und in Brandenburg wächst der Weizen die Wintergerste.

In Polen haben Bronzestatuen Brillen auf.

Der Sonnenaufgang heute morgen fand hinter Wolken statt.

Unruhe ist Bewegung…

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