Ich habe keine Ahnung…

Istanbul, 8:03, Tag 231

Doch, ich habe geträumt, erinnere mich nur nicht woran und habe nichts aufgeschrieben…

Der Inhalt zweier Posts bestimmte meine Meditation heute morgen und dann den ganzen Vormittag. Den einen habe ich schon gestern Abend gelesen, der zweite fand mich heute morgen beim intuitiven Überflug über meine Twittertimeline. Mein Kopf füllte sich schnell mit Gedanken zu den Themen: Beruf, Arbeit, Geld, Besitz, Erfolg.

Money feels old.“ und „The old structures have finished their task of defining our lives, it’s time for something new and more organic.

schreibt Åsmund und stellt damit die heutigen Strukturen und Systeme in Frage, mit endet mit einer konkreten Frage an mich:

„How does an organic economy look to you?“. Tja, ich habe keine Ahnung!

Denke sehr schnell an mein Zen Kochbuch, wenn ich über solche Fragen stolpere und gebe mir selbst die eher esoterische Antwort: es ist doch immer alles schon vorhanden. Das trifft auf Geld, auf Strukturen und Systeme, auf alles zu. Alles ist doch einfach genau so, wie es jetzt heute sein soll. Und dabei fühlt sich Geld alt an, aber klar doch, denn es ist ja eine der sehr alten Erfindungen der Menschheit. Und ich weiss, dass man Erfindungen nicht wieder rückgängig machen kann. Also, ich denke dann immer, wir sollten eher die Ursachen dieser Gedanken ergründen, woher kommen diese eher negativen oder abschliessenden Gefühle gegenüber den vorhandenen Systemen und Strukturen.

Schon spüre ich eher Widerspruch in mir. Aber dort, wo Widerstand ist, dort ist Entwicklung, sagt mein lieber (Zen)freund Tony. Immer, wenn alte Strukturen ausgedient haben sollen und jetzt durch etwas Neues, Besseres ersetzt werden, regt sich in mir diese Art Widerstand. Denn so etwas ist immer sehr einfach und schnell gesagt, aber es ist oft nicht einfach, entsprechend der scheinbar neuen, besseren Erkenntnisse zu handeln.

Als ich 18 Jahre alt war, wurde mir erzählt, dass das System und alle Strukturen in denen ich gross geworden bin, ab morgen durch ein anderes System und andere Strukturen ersetzt werden. Ich schaute dann bei diesem Austausch der Strukuren, der viele Jahre dauerte, sehr aufmerksam zu. Das alte Geld wurde schnell durch Neues ersetzt (das passierte dann ein paar Jahre später sogar noch einmal;-).

Damals 1990 wurde ein sehr schlechtes System wurde durch ein viel besseres System ersetzt und ich war live dabei. Nun bin ich mehr als doppelt so alt und  immer, wenn jemand die bestehenden Systeme und Strukturen kritisiert und nach etwas neuen, besserem ruft, dann fällt mir diese damalige Zeit ein und wie ich mich in dem neuen, besseren System gefühlt habe. Mir fallen auch meine gleich geblieben Hoffnungen und Sehnsüchte ein. Genauso fallen mir die Probleme und Sorgen wieder ein, vor allem die, die scheinbar unabhängig vom System und den Strukturen gleich geblieben sind.

Ebenso vergleiche ich die unwillkürlich die beiden Länder, in denen ich lebe. Die unterschiedlichen Menschen, mit unterschiedlichem Umfeld, Geschichte, Religion und Mentalität, die mich jeden Tag aufs Neue herausfordern. Der regelmässige Wechsel zwischen Istanbul und Berlin geht ja auch mit einem Wechsel der Systeme und Strukturen einher, deren Existenz und deren Existenzberechtigung mir jeweils erst in der Distanz, in der Abwesenheit ihrer selbst auffallen.

Ganz verschwommen bahnt sich dann ein weiterer Gedanke an. Ich ahne und vermute zu erkennen, dass es eben nicht irgendwelche abstrakten Systeme und Strukturen von anderen Menschen sind, die sich verändern lassen. Und wie oft wollen wir genau nur das! Denn es lenkt ganz wunderbar von uns selbst und unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten ab, von den ganz konkreten, täglichen Handlungsoptionen und Entscheidungen. Wie oft rufen wir nach Veränderungen am System, um selbst unverändert weiter leben zu können?

Mir erscheint das jetzt ungerecht Åsmund und allen denjenigen gegenüber, die sich einfach nur Gedanken über unser zukünftiges Zusammenleben, über die Gestaltung und Veränderung von Strukturen und Systemen machen. Es gibt ja immer den Wunsch und das Bedürfnis in uns, Lösungen für die kleine und grossen Probleme unseres persönlichen Alltages aber auch denen in der gesamten Welt zu suchen, zu entwickeln und umzusetzen.

Und genau jetzt kommt der zweite Artikel ins Spiel und hilft mir dabei, diese verschwommen Gedanken klarer zu sehen, nicht zu verzweifeln und in der Debatte zu verharren. Es gibt drei Zitate aus dem Artikel hier, die mich heute morgen, wie eine Antwort auf die Frage von Åsmund gefunden haben.

“Things are thieves of time.” ~ Nathan Gardels

In unserer heutigen Welt hört Getting Things Done zu oft leider mit Getting Things auf und erhält damit den Status Quo. Wir meinen etwas zu brauchen, um etwas verändern oder tun zu können. Wir schauen einfach nicht, was wir jetzt(!) selbst tun können, mit den Dingen die hier sind. Ja, vielleicht ist es ein Blogpost, vielleicht eine Frage. Aber auf keinen Fall, sollten wir einen Mangel an etwas zwischen uns und dem, was wir tun wollen, stellen.

“Be the change you wish to see in the world.” ~Ghandi

Das zweite Zitat ist schnell überlesen in seiner Einfachheit, Klarheit und damit auch in seiner Brutalität. Bei aller Einsicht, allen Planungen, allen Ideen, Konzepten, bei allen Wünschen und Bedürfnissen ist es aber genau das. Und es ist das Schwerste und Leichteste zugleich.

„May you be who you are.  And the rest will follow.“ ~Cat Li Stevenson

Was vor tausenden Jahren mit der Schrift und dem Geld begann, vor hunderten Jahren mit dem Buchdruck, dann mit Dampf und Elektrizität, sich im letzten Jahrhundert mit Telefon, Radio und Fernsehen fortsetzte und jeweils für sich zu revolutionären Entwicklungsschüben der gesamten Menschheit geführt hat, setzt sich einfach immer weiter fort. Ob wir das nun wollen oder nicht, ob wir das gut oder schlecht finden. Es passiert! Alle diese Erfindungen, Systeme und Strukturen vereinfachen und beschleunigten die Zusammenarbeit, die Kommunikation, den Austausch von Waren, Dienstleistungen und Wissen zwischen den Menschen. Und klar, werden alle diese Erfindungen mit der Zeit älter, entwickeln sich und na klar, werden sie missbraucht und ausgenutzt. Es wird damit nicht nur Gutes getan, sondern gleichzeitig auch viel Leid erzeugt. Die Kette dieser Erfindungen holpert etwas, Jeremy Rifkin hat das hier viel besser gemacht.

Aber Mit dem Internet, einer (im Gegensatz zu Geld) extrem jungen, neuen Erfindung entsteht ein weiteres globales Nervensystem der Menschheit gerade unter unseren Augen. Auch mit diesem Blogpost und den Verbindungen, die dadurch erzeugt werden. Dadurch, dass ich und die ganze Welt mitlesen kann, was Åsmund und Cat Li geschrieben haben, was sie denken und tun, wird das Netz zwischen uns allen enger geknüpft.

Und vielleicht ist die Zeit jetzt wirklich wieder reif für eine wirkliche, echte Veränderung, für eine der ganz grossen Umwälzungen. Aber zurück zur Frage vom Beginn, wie so etwas aussehen könnte – „How does an organic economy look to you?“ Tja, ich habe immer noch keine Ahnung!


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