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Über die Macht meiner Gewohnheiten…

Istanbul, 7:54, Tag 232

Habe mich heute auf einen Workshop geträumt, die Hinfahrt auf einem Moped, hinten drauf, Sandwege entlang. Dann ankommend die Rückfahrt organisierend mit dem Smart eines anderen. Es streiten zwei Schwestern, sie unterhalten sich nur, aber ich fühle alte Konflikte. Der Raum ist noch zugeschlossen, die anderen kommen gleich, wir beeilen uns. Ich wache vom Wecker auf…

Würde gerne auch in Englisch schreiben, trau mich nicht. Ich denke, mir fehlen so viele Wörter. Obwohl ich seit über fast 8 Jahren in Englisch liebe und streite, obwohl ich seit vielen Jahren fast nur noch englische Bücher lese. Obwohl ich seit Jahren jeden Tag im Netz Unmengen an englischen Blogs lese. Es ist nicht meine Muttersprache und ich lebe nicht in einem Land, in dem Englisch die Hauptsprache ist. Ich kann mittlerweile sogar 2h Fachvorträge auf Englisch halten, zumindest vor europäischem Publikum. Mein Denken kann komplett umschalten, ich übersetze schon lange nicht mehr. Ich würde sicher einfacher schreiben. Das hätte einige Vorteile. Ich würde sicher weniger schreiben. Aber auf Deutsch kann ich heimlich jeden Satz aufladen, allein durch meine Wortwahl und den Satzbau, meine Rechtschreibung tut ihr übriges. Das würde mir sehr fehlen, denn ich mag meine Muttersprache sehr.

Ich habe versucht eine neue Gewohnheit zu entwickeln und wollte systematisch, jeden Tag Türkisch lernen. Einfach nur Vokabeln lesen in einem Wörterbuch. Keine andere Fremdsprache habe ich so viel gehört. In keinem anderen Ausland, habe ich so lange Zeit verbracht. Es hat bisher noch nicht funktioniert.

Jeden Tag 20min würden ja reichen, über die Zeit würde ich die Sprache sicher lernen (Breeeent! Haaaarry! Mir fehlt echt der Timer, mit dem ich solche neuen Gewohnheiten messen, aufzeichnen und teilen kann!;). Ich kann sicher schon einiges auf Türkisch, habe mir viele Sätze angeeignet, die mir im Alltag hier helfen. Ich verstehe relativ viel der Alltagskommunikation. Aber meine beiden Mädels verstehen und sprechen sehr gut Deutsch, neben dem Türkisch und wir haben mit der Zeit unseren eigenen Sprachmix aus Deutsch, Englisch und Türkisch entwickelt. Aber ich habe nie systematisch Türkisch gelernt.

Heute morgen überfliege ich den oberflächlichen (und schwachen) Artikel über die Macht von Gewohnheiten, weil mich die Überschrift angezogen hat. Gewohnheiten weg lassen, kann ich schon ganz gut. Ich trinke seit über drei Jahren keinen Alkohol, rauche keine Zigaretten mehr, seit Ende März läuft ein weiteres Experiment, ich trinke keinen Kaffee mehr.

Aber das Hinzufügen von Gewohnheiten ist noch mal eine andere Sache. Ich weiss, auch das Hinzufügen beinhaltet das Weglassen von etwas anderem. Ich lasse irgend etwas weg, ersetze es durch etwas anderes. So, wie ich Kaffee weglasse und durch Tee oder Saft ersetze, die auf einmal so viel besser schmecken, so lecker, dass ich Kaffee gar nicht vermisse, sondern das Weglassen dazu führt, dass ich etwas anderes dazu gewonnen habe.

Einen Aspekt des Artikels kann ich voll bestätigen: allein durch das Bewußtmachen, durch Aufschreiben, durch das Führen eines Tagebuches, eines Logbuches der Ausgaben, der Nahrung, des Trinkens, der Bewegung verändern sich unsere Gewohnheiten.

Seit ich zum Beispiel meinen FitBit trage, laufe ich viel mehr und entscheide mich bei vielen Gelegenheiten für Gehen und nicht Fahren. Seit der FitBit in der zweiten Generation auch Treppen zählen kann, nehme ich fast keine Rolltreppen mehr und fahre kaum noch Fahrstuhl. Allein dadurch, dass dort dieses kleine Gerät aufzeichnet, fühle ich mich motiviert, meine Gewohnheiten zu ändern.

Ähnlich geht es mit den Finanzen, so lange ich meine Ausgabe in einem Log erfasse, gebe ich weniger Geld aus, kaufe viel bewusster ein. Und das einfach, weil ich mein Budget kenne und mich täglich wenige Minuten damit beschäftige, beim Aufschreiben. Dann setze ich mir Sparziele, erreiche sie und freue mich. Rückschläge, Sonderausgaben nehme ich bewusster war, verdänge sie nicht, erfasse sie einfach. Sie hauen meine Planung vielleicht durcheinander, aber ich weiss, wann ich die Delle wieder ausgeglichen haben werde.

Mit meiner Meditation das gleiche. Seit knapp 100 Tagen benutze ich nun den Insight Timer, weiss damit genau, wann ich in den letzten Monaten wie lange meditiert habe. Schon früher beim Tagebuch schreiben, habe ich immer die Einträge nummeriert und oben rechts in die Ecke geschrieben. Heute schreibe ich die Zahl auch immer als erstes, ich werte sie ja nichtmal aus.

Aber ich fühle mich komischerweise allein durch das Bewusst werden, durch das Gewahr werden dieser Zahlen, neue Zusammenhänge, und fühle mich beim Erzeugen dieser Reihen motiviert, die Gewohnheiten beizubehalten. Ich habe bemerkt, dass ich erst dann meine Gewohnheiten verändern, meine Ziele erreichen kann, wenn mir die vielen kleinen Schritte bewusst sind, die ich im Laufe eines Tages gehe.

Ich gehe sogar noch weiter: ich glaube, ich kann erst dann ein erfülltes Leben führen, wenn ich mir bewusst mache, aus was für noch so kleinen Handlungen sich mein Tag zusammen setzt. Und sei es nur dadurch, dass ich die Minuten zähle, die ich darüber nachdenke, was für mich ein erfülltes Leben überhaupt bedeutet. Allein das hilft doch schon! Und das ist auch der eigentliche Trick aller GTD Ratgeber: trage ein, schreibe auf, hake ab. Und das ist nichts weiter, als sich die einzelnen kleinen täglichen Schritte bewusst zu machen, die unwillkürlich, unbewusst und in der Unerbittlichkeit der Wiederholung dazu führen, dass wir sind, wer wir sind und tun, was wir tun.

Auch hier kommt Widerstand! Denn viele Menschen machen das nicht und führen ein sehr erfülltes Leben, erreichen viele ihrer Ziele, vollbringen Grosses, tun Gutes, sind genial und erfolgreich. Und das ohne Tagebuch, ohne Fitbit, ohne Insight Timer, ohne ein Haushaltsbuch oder was auch immer. Na, klar doch!

Denn jedem von uns sind Gewohnheiten durch unser Umfeld mitgegeben, die uns nicht bewusst sind. Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, dass 98% unserer Gewohnheiten uns nicht bewusst sind. Unsere Eltern, unsere Freunde, die Schule, das Umfeld, die Gessellschaft, alles, was uns umgibt, formen uns, durch ihre Reaktionen auf uns.

Aber „dort, wo man hinschaut, verändert sich und entwickelt sich etwas“, sagt mein lieber (Zen)Freund Tony immer. Und nur, wenn ich wirklich weiss, was ich heute kann, wer ich bin, was ich habe, nur dann kann ich mich wirklich vergleichen, kann wirkliche Vorbilder finden, kann wirklich entscheiden, was ich als nächstes tun möchte.

Es gibt heute knapp 7 Mrd Menschen auf der Welt, die heute gleichzeitig mit uns leben, schlafen, wach werden, arbeiten, essen, lieben, träumen. Knapp 1 Mrd davon ist mittlerweile bei Facebook registriert und damit nur wenige Klicks, um genau zu sein 4,74 Verbindungen, entfernt von uns selbst. Was mir klar wird, wenn ich mir vorstelle und mir dazu noch bewusst mache, dass ich damit in der Lage bin, mit knapp 1% der 110 Mrd. jemals auf der Erde lebenden Menschen, direkt kommunizieren zu können, ist, dass mir erstens schwummerig wird und das es zweitens noch niemals so einfach war, Menschen mit den gleichen Gewohnheiten zu finden und sich direkt zu verbinden.

Dabei ist Aufschreiben, das Bewusst machen von unseren Gewohnheiten keine Abkürzung und kein Zaubertrick! Denn niemand kann mir die Arbeit des Türkisch lernens abnehmen, niemand kann mir die Sortierung meine Finanzen abnehmen, niemand kann mich erfolgreich machen, niemand kann mich scheitern lassen, niemand macht mich dick und niemand macht mich schlank, niemand kann mich einen Marathon laufen lassen – nur ich selbst mache das! Wenn wir das nicht verstehen, dann schauen wir einfach nicht genau genug hin. Dann sind uns unsere Gewohnheiten, die uns zu dem gemacht haben, wer wir heute sind, noch einfach nicht bewusst genug.

Und wenn ihr das jetzt lest und dabei Widerstand empfindet, widersprechen möchtet… nur zu! Ihr erinnert Euch doch, wo Entwicklung möglich ist? 😉

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