Monthly Archives: Juni 2012

Noch Istanbul, 11:22, Tag 270

Nun sitzen wir am Flughafen, gleich geht der Flieger nach Beirut. Keine Ahnung, was uns erwartet. Unser Apartment, das wir gefunden haben für die nächsten drei Monate, können wir erst morgen beziehen. Wir treffen uns heute nachmittag aber schon mit dem Vermieter.

Ich hab uns eine Karte in Google Maps angelegt, in der ich alle Orte speichern werde, die ich hier erwähne, oder die ich mir einfach merken möchte. Von einem Bekannten habe ich schon einen Tip für einen schönen Strand nördlich von Beirut bekommen.

Na jedenfalls bin ich ziemlich gespannt, wo wir heute Abend landen werden, wie die ersten Eindrücke so sind, wie chaotisch, wie schön, wie heiss es dort wirklich ist. Einen Reiseführer hab ich mir nicht gekauft, nicht mal recherchiert habe ich. Den Europäer, den Deutschen soll ich im Flugzeug lassen, hat mir eine Freundin geraten. Und genau das habe ich vor: einfach freundlich und wach sein und mit allen Sinnen aufnehmen, was dort ist. Eine grossartige Übung in Gelassenheit schon jetzt, bevor wir überhaupt da sind.

Istanbul, 7:36, Tag 270 (noch 94 Tage)

Bin sehr müde, hab herrlich zu kurz geschlafen, auch etwas geträumt, ist aber alles verschwunden. Es ist erst halb 7 in Berlin.Gestern Abend habe ich ein Video von meinem vorletzten Trainer Training bekommen. So schreibe ich heute nicht weiter und lass mich mal selbst reden. Ungewohnt, mich so zu sehen. Vielleicht ganz interessant für Euch, vor allem für diejenigen, die mich nicht persönlich kennen oder mich ganz selten sehen. Unser Trainer Udo Nowozin hat mit professioneller Ausstattung aufgezeichnet, vielen Dank dafür.

 

Hier noch das Video von Richard Feynmann welches ich erwähnt hab und hier auch der Traum von Udo Samel aus der Zeit.

Wünsche einen grossartigen Morgen, einen schönes Wochenende voller Zweifel!

Berlin, 9:01, Tag 269 (noch 95 Tage)

Heute Reisetag, kein Traum, kein Thema, vielleicht später nochmal.

Da fällt mir ein, ich stell Euch einen meiner Talismane vor. Los gehts mit dem jüngsten Zugang, meinem Reisebuddha, den ich von einem grossartigen Freund auf dem Sommerfest geschenkt bekommen habe.

Er ist so gross, wie mein kleiner Finger und in einer der Fächer meiner Laptoptasche immer bei mir. Ich bin nicht wirklich abergläubisch, es ist wohl eher so, dass diese kleinen Talismane mit helfen, mich auf den vielen Reisen bei mir selbst zu Hause fühlen. Der neue Reisebuddha hat ausser Stuttgart noch nichts erlebt mit mir, aber heute gehts los nach Istanbul, morgen gehts weiter nach Beirut. Danke, Michael für diesen Begleiter.

Und mit drei Bildern von gestern abend und heute morgen verabschiede ich mich von hier für die nächsten drei Wochen!

 

 

Tschüss Berlin!

Berlin, 7:19, Tag 268 (noch 96 Tage)

Gestern mein Vortrag (lief suuper!) und ein Heimflug, zeitig um 10 ins Bett. Um zwölf dann wach, als ob ich aufstehen könnte. Selten traumlos weiter bis zwei Minuten vor dem Wecker geschlafen. Heute ein Workshop zur Entwicklung einer digitalen Strategie. Super spannende Kiste. Bin aufgeregt gespannt, aber ohne das übliche „Du machst Dich sicher gleich zum Obst auf der Bühne“-Gefühl. Es gibt ja auch keine Bühne, also nur die kleine, ausgedachte in unserem grossartigen Meetingraum-Terassen-Ensemble.

Hab grad schon die Metaplanwände und das Flipchart vorbereitet, Tee hingestellt, den Monitor gecheckt, ein Mindmap angelegt, eben Ordnung gemacht, aufgeräumt. Ich glaube, es zeigt Wertschätzung, wenn alles „ready to rock“ ist. Und es erzeugt nebenbei irgend etwas unfassbares, unbestimmbares Gefühl, so etwas wie gute Stimmung, Energie, Karma.

Ich hab lange nicht mehr aus dem Zenkoch zitiert, heute ist es mal wieder soweit:

The cleaning process itself changes the cook as well as the surroundings and the people who come into those surroundings— whether we’re in a Zen meditation hall, a living room, a kitchen, or an office.

Ok, genau das wird mir immer bewusster und immer wichtiger. Das wunderbare ist, dass alleine der Prozess des Aufräumens, Sortierens, des Säuberns seine ganz eigene Kraft hat und entfaltet. Unabhängig davon, wie man sich dabei fühlt und ob man es mag oder nicht. Ein wertungs- und absichtsloses Aufräumen der Dinge, Dateien, Texte, Räume die einen umgeben, erzeugt diese Kraft, die viel stärker wirkt, als mir lange Zeit bewusst war.

Beim Fliegen räume ich manchmal die Dateien in meiner Dropbox auf. Denn manchmal mag ich keinen Film schauen, keine Musik hören, mich nicht unterhalten, nichts mehr lesen. Es gibt Momente, da kann ich keinen neuen Input mehr ertragen. Es passt nichts mehr rein, ich bin wohl einfach satt.

Dann gibt es für mich drei Alternativen. Ich schliesse die Augen und meditiere, mache gar nichts, faulenze, stoppe alle Aktivitäten. Oder aber ich fange an zu schreiben, zu malen, das aufgenommene der letzten Tage, Wochen will dann wieder raus, sich ausserhalb von mir manifestieren. Und die dritte Alternative ist das Aufräumen von Dingen, auch eine Art Meditation. Das schönste Aufräumen ist, wenn ich nicht aufräume, um irgend einen Mangel zu beseitigen oder um irgend etwas zu finden, sondern einfach so, um Ordnung zu schaffen.

Im Zenkoch geht es dann auch weiter, mit diesem Satz:

The process of cleaning also allows us to discover the ingredients that are already in this space. We begin to see the ingredients we already have.

Man kann nicht nur in physischen oder virtuellen Dingen Ordnung schaffen, auch in seinem Kopf selbst, kann man ab und zu mal durchfegen und alles anschauen, sortieren und wieder an seinen Platz stellen. Es gibt viele Möglichkeiten dazu, jeder hat seinen eigenen Weg, seine eigenen Möglichkeiten entwickelt, die einen Laufen, gehen Spazieren, setzen sich auf den Balkon oder in ein Cafe oder fahren Auto, U-Bahn und schauen aus dem Fenster. Der für mich effektivste Weg für das Aufräumen des Geistes, den ich in den letzten Jahren entdeckt habe, ist aber meine morgendliche Sitzmeditation.

Just as we start cooking a meal by cleaning the kitchen, it’s helpful to start the day by cleaning our mind. In Zen Buddhism, we clean the clean the mind by the process of meditation, or zazen, which literally means “just sitting.”

Wünsche allen einen wunderbaren Tag!

Stuttgart, 7:56, Tag 267 (noch 97 Tage)

Geträumt vom Gespräch mit einem Kunden. Sie bezahlen in Zukunft die Steuern für uns und wollen uns deshalb komplett übernehmen. Er ist falsch freundlich, wie immer. Das Argument stimmt sicher nicht, da ist was im Busch… Ich unterhalte mich mit anderen und fühle mich immer unwohler. An einem Ballon am Seil hängend gleite ich aus der Szene. Durch Gedanken zu steuernd, gleite ich zusammen mit G. dahin, über ein Feld, knapp an Pappelbäumen vorbei landen wir. Ein Parkhaus, der Eingang verschüttet, zugemüllt und das Treppenhaus so niedrig, dass ich es auf allen vieren krabbelnd frei räume. Auf halber Treppe kommt von unten ein gehetztes Reh und schaut mich aus grossen Augen an und stürzt sich todesmutig an mir vorbei ins Freie, es folgen ein Hirsch und ein Rehbock. Eine Geschäftsfrau erscheint die meine Fische füttern möchte und mich um Futter bittet. Ich schicke sie ins Dorf. Nach 10min Fussweg dort gibt es Poğaça (eine türkisches Brötchen). Ihr ist es zu weit und ich wache zu früh auf und fotografier den Sonnenaufgang vom Hotelzimmer aus…

Heute halte ich hier auf dem Tag der gewerblichen Schutzrechte den Schlussvortrag gegen halb 5. Ich bin nicht so aufgeregt, wie in Ilmenau und mache mir schon Sorgen, dass deshalb nachher die Anspannung fehlt. Klassische Selbstsabotage. Auch fühle ich mich schlecht vorbereitet, was wohl auch Quatsch ist, weil ich wohl keinen Vortrag in meinem Leben öfter gehalten, stärker variiert und weiterentwickelt habe, also mich nie intensiver mit den paar Slides auseinander gesetzt habe, wie mit diesen.

Den Fokus zu entwickeln, scheint schwierig heute. Das Programm richtet sich an ein reines Fachpublikum: Besichigungsverfügungen, White-Spot-Analysen, Änderungen im US-Patentrecht, Herausforderungen einer Patentabteilung, Verzahnung von F&E und Patentmanagement, optimaler Produktschutz, International schützen, national anmelden  und dann ich mit Was haben Soziale Netzwerke mit Patenten zu tun? Und meiner Standardantwort: noch nix, aber das wird sich ändern und genau deshalb stehe ich hier!

Wer hier ab und zu mitliest, der weiss, ich baue gerne individuelle Einleitungen zu meinen Vorträgen, die ich dann nicht halte, weil ich spontan doch was ganz anderes erzähle.

Diesmal habe ich für die Einleitung, seit Jahren mal wieder, zwei Tageszeitungen in die Hand genommen, die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten. Vielleicht weil ich heute ein konservatives, regionales Publikum erwarte. Wenn überhaupt jemand anders noch von der Konferenz twittert, bin ich überrascht!

Na, jedenfalls habe ich heute Morgen ganz schön viel mit irgendwie Bezug zu sozialen Netzen und digitalem Wandel gefunden:

Rette die Kassette! Günter Schlienz gründet ein Label für die guten alten Kassetten, aber „Die Vermarktung läuft über das Internet: Blogs und Labels haben die Funktion wie früher ein Plattenladen“. Stuttgarter Nachrichten, Stuttgart Flair, S. 24

Wer E-Mails sät, wird E-Mails erneten. Anitra Eggler verrät Regeln gegen das Sinnlos-Surfen, die Meeting-Malaria und die Präsentations-Pest und macht damit per Vortrag Werbung für ihr Buch. Stuttgarter Nachrichten, Stuttgart und Region, S. 18

Sandberg neben Zuckerberg. Ist nur ne kurze Meldung, aber mit einem riesigem fast halbseitigem Bild der schicken 42jährigen Marketingchefin von Facebook, die jetzt auch im Verwaltungsrat des Börsenneulings und mit knapp 1 Mrd Mitgliedern grössten sozialen Netzwerkes der Welt sitzen wird. Stuttgarter Nachrichten, Wirtschaft, S. 11

E-Akten ersetzen bald das Papier! Die Bundesagentur für Arbeit schafft ihre Papierakten ab. Ab 3. September soll es in Baden-Würtemberg soweit sein, dann sind 22,2 Millionen Kundenakten gescannt und digitalisiert. Täglich kommen in der BA 400k Dokumente hinzu. Stuttgarter Zeitung, Landespolitik, S. 5

Flirten oder Fernsehen? Neue Leute lernt man nicht mehr zufällig kennen. Mobile oder Online-Dienste bringen Fremde für gemeinsame Aktivitäten zusammen. In Deutschland machen Millionen mit. Stuttgarter Zeitung, Aus Aller Welt, S. 10.

Microsoft übernimmt soziales Netzwerk. Der Softwareriese kauft „Yammer“ für 1,2 Mrd Dollar, Stuttgarter Zeitung, Wirtschaft S. 14

Das geballte Wissen der Stadt. Rund 128000 Medieneinheiten enthält die Rathausbibliothek, die 2009 bereits geschlossen werden sollte und knapp von den Gemeinderäten gerettet wurde. Nähere Infos: http://www.stuttgart.de/rathausbibliothek, Stuttgarter Zeitung, Stuttgart, S. 24

Zum Computerspiel und zurück. Über die Durchdringung moderner Medien, Teenager entwickeln aus Computerspielen Filme, der Archivar wird zum Animateur, Grenzen zwischen den Medien heben sich auf. All das wurde in einem zweitägigen Symposium der Merz-Akademie behandelt. Stuttgarter Zeitung, Medien, S. 34

 

Wenn auf der Konferenz so gar nichts gesagt werden sollte, was sich für eine Einleitung eignet, dann werd ich wohl die Zeitungsartikel hochhalten und so etwas sagen wie: Auch wenn sie nicht bei Facebook, Xing, LinkedIn, Twitter sind, das Thema findet sie auch so und ich erklär ihnen warum, sagen.

OK, jetzt registriere ich mich mal und verabschiede mich von Euch mit einem nun doch langsam aufgeregten Lächeln…

PS: eine Werbung in Form des Ortsschildes für diese Facebookseite hängt draussen am Schillersaal, dem Konferenzgebäude heute,  nicht schlecht, oder? 😉

Berlin, 7:31, Tag 266 (noch 98 Tage)

Heute war ich an einer Grenze, ich sass in meinem schönen Auto, hielt an, zwei Kontrolleure in ihren Häuschen hinter Glas, nebeneinander. Der eine war Meiner, der andere, der Fremde. Der Fremde kontrollierte aufwendig und langsam. Es war eng in ihren Kabinen, daneben ein Schlafsaal, Chaos, Decken, Schlafsäcke, Matratzen, Betten. Mein Pass war doch in Ordnung, ich ging zurück zum Auto, wollte losfahren, doch es brach Chaos draussen aus, die Grenze löste sich auf. Ich sollte wegfahren, konnte nicht, Sperren, Soldaten, Gefahr – Schnitt – ein grosses Schiff fährt durch einen Kanal, der Bug bis fast zur Mitte lose hängend, schwingend, schwebte über’m Wasser. Das Schiff parkte elegant am Kai ein, der Bug ragte weit ins Land hinein. Ich wachte auf…

Die es uns schwer machen, sind unsere Lehrer.

Wenn meine Grenzen überschritten werden, meine Komfortzone verletzt wird, wenn ich mich aufrege, ärgere, wütend werde. Wenn mich jemand enttäuscht, nicht das macht, was ich von ihm erwarte, nicht mit denkt oder sich ungeschickt anstellt…

Wenn das immer wieder passiert, es sich wiederholt, manchmal über Jahre, immer die gleichen Themen, immer die gleichen Muster, Fehler, Schwächen in immer ähnlichen Situationen…

Wenn es unangenehm wird, ich dem Gespräch ausweiche, es vermeide, übergehe, überdecke, dämpfe und beim nächsten Mal dann doch fast explodiere, überreagiere mit schnellen Mails, Kommentaren, Gesprächen oder Anrufen voller Vorwürfe und Beschwerden…

Wenn das, was ist, was war, was hätte sein sollen und noch hätte sein können mir einfach nicht reicht…

Wenn meine Grenzen überschritten werden, wenn es mich konkret betrifft, wenn ich betroffen bin. Dann ruhig zu bleiben, die Energie zu nutzen und entschlossen klar zu machen, was grad mit mir passiert, dabei keine Vorwürfe zu schleudern und ohne diesen Frust zu zeigen. Das zu Lernen, ist mein Weg.

Heute morgen dann ein Aufleuchten von Erkenntnis, von Ausweg: ich kann doch ohne, diese eine Sache, dieses eine Ding. Ich kann weiter, ohne dem vergangenen Nichttun von Nichtigem hinter her zu hängen. Denn ich kann immer ohne! Ohne dass der Andere sich ändert, ohne dass sich etwas verändert. Einfach weil es geht.

Und dann genau im Moment des Erkennens findet mich der Weg. Das beim Anderen Gesuchte taucht plötzlich doch auf. Alles war umsonst und doch notwendig.

Wünsche einen Tag voller Kraft, seine Lehrer zu finden, anzunehmen und auszuhalten…

Berlin, 7:38, Tag 265 (noch 99 Tage;)

Aufgewacht. Geduscht. Sonnenaufgang fotografiert.

Dann 30min meditiert. Und dabei fiel mir in den ersten paar Atemzügen mein schon vergessener Traum wieder ein. Ich bin einkaufen. Laufe durch ein völlig verwinkelten Bazaar, ähnlich einem Einkaufszentrum mit niedrigen Decken, offenen Geschäften, trete durch die Auslagen, die Austellungsstücke hindurch für Abkürzungen. Ich muss verhandeln. Die Hälfte anzahlen, Lieferung mit Hubschrauber, muss das sein? Dann fahre ich vor, eine dünne Strasse durch die Berge, wenn ich nicht aufpasse, falle ich Abhang runter. Ich glaube nicht an eine Lieferung, das Geld ist weg, und wieder hab ich was gelernt…

Jetzt hab ich schon Flug und Hotel für Stuttgart morgen organisiert. Die Agenda für den Workshop am Donnerstag steht eigentlich auch schon. Und sogar mein Flug am Freitag ist nun erst mal gebucht, denn am Samstag geht’s wirklich nach Beirut, rein ins Abenteuer! Und neben der ganzen Schauerei, Mailerei und Bucherei ist meine Tagebuchzeit nun wie im Flug vergangen. Statt für mich zu schreiben, habe ich ein paar überfällige Sachen erledigt, diese letzte Woche ist unruhiger als normale Wochen. Deshalb geh ich erst mal ganz langsam zu meinem ersten Termin zu Fuss. Und wünsche einen tollen Start in die neue Woche!