Über meinen Rübenacker…

Berlin, 7:55, Tag 245

Die Zahlen hier werden ja immer schöner, die 245 ist eine schöne Zahl. Das fällt mir schon die ganze Woche auf, diese 23er und 24er Zahlen sind irgendwie schön.

Mein Traum heute war wieder mal sehr schräg: in einem Gartenlokal, in einer grossen Stadt, die Istanbul sehr ähnlich war, mit vielen Menschen, gibt es einen Tisch voller alter Kameras. Ich kriege eine in die Hand gedrückt, richtig uralt, mit Mini-Sucher, in schwarz, mit Leder und gaaanz kleinem Objektiv und ich mache Fotos. Es sterben gleich alle bzw. kommen irgendwoher viele Leichen. Die sollen aber dort hinten hin gebracht werden, wegen dem Blutgeruch (ahhhrg, wie krass!). Ich mach Fotos und als der Film voll ist, nehme ich ihn raus. Ich kenne das System nicht. Denke noch, das klappt aber super, da fällt mir auf, dass der Film doch frei liegt und Licht kriegt. Schnell ein Tuch darüber und in meiner Tasche verwinden lassen. Hoffentlich ist da noch was zu retten. Dann kommt eine mobile Küche, in der ich als Ausländer nicht essen darf. Ein Freund schleust mich ein. Es gibt Reis mit Bohnen und Hühnchen, typisch Istanbul. Ich laufe durch die Küche, wieder auf die Strasse, schaue mich um und wache auf…

Seit Freitag schon will ich übers Rüben verziehen schreiben. Darüber wie es war, damals.

Ich bin auf einer Insel gross geworden, mitten im Wald. 700ha wurden hier mal vor Urzeiten gerodet, logischerweise heißen die beiden Dörfer auf der Insel auch Ziegelroda und Landgrafroda. Die Menschen lebten und arbeiten in der Landwirtschaft und vom nahen Kalibergbau. Es gab 350 Einwohner, ca 700 Rinder, 200 Schweine und 600 Schafe in der LPG und viele hielten sich noch eigene Tiere auf ihren Höfen. Wir hatten nur Hühner, Katzen und einen Hund, zeitweise ein Kaninchen, ziemlich lange auch Wellensittiche sowie einen grossen Garten.

Jeder half mit, es gab immer etwas zu tun. Ich erinnere mich, dass ich immer fragte, ob ich zum spielen oder raus dürfte… also ich fragte nicht, ob meine Eltern mit mir zum Spielplatz oder mit mir spielen würden, wie ich es heute überall auch bei meiner Tochter beobachte. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar für diese Kindheit, so nah an der Natur, so nah, an dem was wirklich wichtig ist und ich bin extrem dankbar, weil ich so viel lernen konnte.

Mindestens zwei Lektionen habe ich auf dem Rübenacker gelernt. Letzen Freitag haben wir meine Tochter für einen Kurzurlaub zu Oma gebracht und sind an jungen Rüben vorbei gekommen. Ich musste anhalten und durchlaufen und das Bild machen.

Auf dem Rübenacker meiner Jugend konnte ich das Ende nicht sehen. Der Acker war leicht abschüssig, so dass man nur ein paar hundert Meter weit schauen konnte. Wir hatten zwei oder drei Jahre lang als Familie sechs Reihen Rüben zu verziehen. Für jeden zwei Reihen. Damals gab es keine richtige Technik für diese Aufgabe oder unsere LPG konnte und wollte sie sich nicht leisten.

Die Rüben wurden, als sie etwa so gross wie oben auf dem Bild waren, per Hand mit einer Hacke verzogen, was bedeutete, dass immer eine Hackenbreite Platz zwischen den einzelnen Planzen zu sein hatte. Ebenso mussten zusammen gewachsene Zwillingsrüben vereinzelt werden, was viel schwerer zu erkennen und zu erledigen war. Sehr oft habe ich dabei alle beide umgehauen, und dann war zu viel Platz zwischen den Rüben.

Alle Mitarbeiter der LPG hatten diese Aufgabe, die Reihen waren durchnummeriert und mit kleinen Tafeln beschriftet, so dass jeder „seine“ Reihen finden konnte. Wer sich dabei verzählte und fremde Reihen verzog, hatte einfach Pech und musste noch mal ran. Wir haben alle doppelt gezählt und nachgeschaut, um ja die richtigen, unsere Reihen zu finden. Es dauerte zwei Wochenenden, die Aufgabe zu erledigen für uns drei. Mein Vater übernahm den Hauptteil, bis der Rücken krachte, meine Mutter half so oft und viel es ging und ich musste auch mit. Ich erinnere mich, dass ich ihn mit schlechtem Gewissen habe sagen hören: ich mach den Rest allein fertig.

Mein Vater war LPG Vorsitzender und unsere Reihen wurden von den anderen beobachtet. Er legte die Höhe der Latte durch die Qualität unserer Arbeit fest. Es gab keine Ausnahme, jeder Mitarbeiter musste ran. Aber wie ordentlich oder schlampig man das machte, war entscheidend für die Höhe des Ertrages an Rüben, die im Herbst vom Feld geholt werden konnten. Um die anderen zu ermahnen und um Vorbild zu sein, mussten unsere Reihen besonders ordentlich verzogen sein.

Diese Einstellung meiner Eltern, des vorweg gehen, des Vorbild sein, als die Grundvoraussetzung, um anderen vorsitzen, andere anleiten zu können, hat sich mir tief eingeprägt. Es wurde mir intensiv durch meine Eltern vorgelebt und galt ja nicht nur für den Rübenacker. Es galt fürs Nichtrauchen im Stall, fürs Organisieren von Futter, fürs pünktlich sein, fürs verlässlich sein, dafür anderen immer zu helfen. Es gab für uns in dieser kleinen Dorfgemeinschaft keine andere Möglichkeit.

Es wurde zusammen gearbeitet, dabei wurde alles beobachtet, gewertet, kommentiert -über alles wurde erzählt, beraten, getratscht. An jeder Ecke, bei jeder Gelegenheit, an der Bushaltestelle, in der Schlange beim Konsum oder Bäcker und in der Dorfkneipe, auf Festen, bei Geburtstagen, beim Spaziergang überall und immer: soziales Netzwerken par excellence.

Das Erzeugen, das Halten und Zerstören von Reputation, eines Rufes, von Respekt, von Hilfsbereitschaft – das habe ich damals sehr direkt lernen können – ist überlebenswichtig in Gemeinschaften und funktioniert nur durch aktives eigenes Vorleben der Werte, die man auch bei anderen Erleben möchte. Und das war die erste Lektion und erklärt für mich ein wenig, warum ich die sozialen Netzwerke, Gemeinschaften, Crowdsourcing, Plattformen, die im Internet in den letzten Jahren entstanden sind, so unglaublich spannend finde… sie erinnern mich an die Dorfgemeinschaft meiner Kindheit und Jugend.

Die zweite Lektion habe ich direkt auf dem Rübenacker gelernt und sie erklärt vielleicht mein Interesse und meine Leidenschaft für den Zen Buddhismus.

Stell Dir vor, wie es Dir gehen würde, wenn Du mit einer Hacke am Anfang des Ackers stehst, der ca 2 km lang ist und Du das Ende nicht siehst und anfängst, die Rüben zu verziehen und dabei so vielleicht 14 oder auch 16 Jahre alt bist. Und wenn du dann zwei Stunden lang die Hacke geschwungen und eine Rübe nach der anderen, die zu viel ist, umgehauen hast und Du dann nach vorne schaust und Du dann immer noch nicht das andere Ende des Ackers sehen kannst und Dich dann umdrehst und denkst, das sind jetzt höchstens 100m gewesen, in -verdammt- zwei Stunden.

Das heisst: genau diese Arbeit, in dieser Haltung, mit dieser Hacke in meinen Händen, die jetzt schon brennen, in dieser Sonne, die jetzt früh um 10 schon so heiss ist, an diesem eigentlich doch Wochenende, also schulfreier Zeit wird noch mindestens 40 (vierzig!) Stunden genau so weiter gehen müssen, eh wir fertig sind. Dann siehst Du Deine Eltern schon 50m weiter vorne, wie sie sich nach Dir umdrehen und dann siehst Du, wie sie anfangen, in Deinen Reihen zurück zu kommen, um Dir zu helfen – wortlos, und vielleicht irgendwie genau so verzweifelt… und ihr einfach zusammen weitermacht, schnell, effizient, wenig Pausen, einfach Rübe für Rübe, Schritt für Schritt weiter macht und irgendwann, irgendwann…plötzlich, und ganz nah, das Ende des Ackers auftaucht.

Und es dann geschafft ist, etwas, was zwei Tage lang unendlich schien, ist erledigt, getan, vorbei. Das Gefühl dabei war sooooo dermassen grossartig, befreiend, erlösend, machte stolz und froh und glücklich und erzeugte damit wohl die zweite Lektion in mir, die ich später oft im Zen wiederholt gefunden habe und mit der Weg ist das Ziel, einfach loslaufen oder auch das Leben ist ein Marathon und alles beginnt mit einem ersten Schritt umschrieben wird.

Immer wenn ich später so etwas gelesen habe, erinnere ich mich an diese meine ganz persönliche Referenz, meine Erfahrung mit meinen Eltern auf dem Acker in zwischen Landgrafroda und Ziegelroda, genau hier:

Wünsche einen tollen Start in die neue Woche und viel Kraft für den Rübenacker Eures Lebens…

 

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