Zum Inhalt springen

Ein bebilderter Spaziergang durch Beirut…

Beirut, 8:44, Tag 273 (noch 91 Tage)

Heute ausgeschlafen von 9 bis 7 und meinen ersten Traum in Beirut geträumt, von einem Frisörnotdienst, weil auf meiner linken Kopfseite irgend jemand einfach mit der Schere die halbe Seite abgesäbelt hatte. Dann habe ich eine meiner alten Wohnungen leer räumen dürfen, was ich angeblich vergessen hatte. Ich ging im Geiste die Abbuchung vom Konto durch und wunderte mich, weil jahrelang keine Miete abgebucht wurde. Auch die Möbel erkannte ich nicht wieder, aber eine alte Laptoptasche fand ich, darin die defekten Vorgänger aller der Dinge, die ich heute in der Tasche hab. Der Hund meiner Kindheit tauchte auf und freut sich wie damals, mich zu sehen. ‚Geht’s Dir gut?‘ frag ich. ‚Jaaa‘ sagt er. ‚Jeden Abend bringt mir jemand Essen,‘ und dann viel leiser weiter ‚aber ich habe trotzdem immer Hunger.‘ und damit wache ich auf…

Gestern extrem city exploration. Von 9 bis 7 draussen unterwegs, Kopfschmerzen von der einen Shisha am Strand oder wahrscheinlicher von den Abgasen. Von einem Stadteil in den nächsten zu kommen, geht hier nur über enge Strassen voller Stau. Die Klimaanlage wird für Ausländer nur gegen Aufpreis angeschaltet, sonst wird Sprit gespart und mit offen Fenstern gefahren. Taxis sind Dauerhuper, weil sie immer neue Fahrgäste aufnehmen, die in die gleiche Richtung wollen. Dazu wird jedes Stoppen, sei es wegen Ampel oder Stau mit Protesthupen aller Autos begleitet. Der krasseste Typ war ein Fahrer, in einem uralten Toyota, dem beide Beine fehlten. Er hatte zwei wacklige Stangen an Gas und Bremse geschraubt. Oben klebte je ein Stückchen Blech und er bediente das Auto mit seinen Knien. Stoisch rauchte er eine nach der anderen und fuhr uns durch den Stau ins Zentrum, lies keinem anderen Auto auch nur einen winzigen Vorteil, ohne den unter Einsatz aller Mittel wieder auszugleichen. Kliché erfüllt!

Was mir noch aufgefallen ist: alle Bauarbeiter leben auf ihren Baustellen und haben es sich so gemütlich wie möglich eingerichtet. Für Baucontainer ist kein Geld und Platz da, es geht auch so. Habe sogar ans Baugerüst angeschraubte Satellitenschüsseln entdeckt.

Dann nervt natürlich die extreme Militärpräsenz überall hier. Das Militär ist ganz sicher ein wichtiger Arbeitgeber und auch ein grosser Sicherheits- und Machtfaktor, wobei solche Panzer schon eher selten im Stadtbild sind. Häufiger sind Militärposten an Gebäuden und auf Strassen, alle schwer bewaffnet.

Am Eingang zum Regierungsviertel, Downtown, lassen es sich diese drei hier zum Beispiel nicht nehmen – vor unseren(!) Augen – den Gurt ins Maschinengewehr zu legen und durchzuladen. Eine kindische Abschreckung, die aber bei mir zumindest, funktioniert. Mit mulmigem Gefühl schiebe ich die Mädels schnell an der Mündung vorbei.

Es gab wohl ein Ministertreffen, sagte uns ein Taxifahrer. Aber um zu relativieren, die deutschen Polizisten in voller Einsatzmontur sehen Robocop viel ähnlicher und sind damit irgendwie bedrohlicher, nur haben sie eben nicht so grosse Knarren dabei, wie die hier.

In Beirut wird man zum Schattenläufer. Da bin aber geübt durch das Regenschatten laufen in Berlin, da ich nie einen Schirm dabei habe. In der Sonne brauchste hier nicht zu laufen, das führt zu einem Anstiegt des Wasserverbrauchs auf sicher 1 liter/h.

Das nächste sind solche Kriegs- oder Zeitruinen, die es überall gibt in Beirut.

Und eine neugebaute Moschee im Zentrum, das aus schönem Sandstein aber auch total künstlich aussieht. Potsdamer Platz auf orientalisch eben, das Sony Center des Orients. Das mag ich irgendwie nicht.

Wie überall weiter Südlicher hat jeder Mc Donalds – also auch hier – einen Lieferdienst mit Mopeds, neu war mit die Rucksackauslieferung, hier im Bild.

Ausgeruht haben wir uns nach einem Tag im Taxi in der Stadt, dann abends am Strand. Ein winziges Shisha Cafe, mit grossartigem Blick auf Wellen und Angler im Schatten.

Mit letzter Kraftanstrengung dann zu Fuss zurück ins Hotel. Wir wollten einfach kein hupendes Taxi im Stau mehr, auch nicht für die fünf Minuten. Diese Entscheidung führte dann zu weiteren Attraktionen, hier Gerüstbaukunst vom Feinsten.

Und nebenan das Parkhaus ist ein Bestseller? Keine Ahnung, was das heissen soll.

Habe alles hier mit dem iPone aufgenommen, das fällt weniger auf, weil alle hier Telefon in der Hand haben. Denn mit einem Fotoapparat – auch mit meiner kleinen Olympus – fühle ich mich sofort misstrauisch als Verdächtiger beäugt.

Mit diesem Spaziergang durch Beirut verabschiede ich mich für heute morgen, noch ausgeruht, von Euch!

  1. Sehr interessant, deine Stadtführung für uns; ich wusste nicht, dass das Militär noch so stark präsent ist in Beirut.
    lg magdalena

    Gefällt mir

    3. Juli 2012
    • ja, ist nicht ganz so schlimm! fällt eigentlich kaum auf, aber natürlich dem angsthasen in mir schon… 😉

      Gefällt mir

      6. Juli 2012

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s