Beirut, 9:25, Tag 275 (noch 89 Tage)

Heute war die Nacht voller (falscher;) Vorurteile über eine grosse Behörde, mit der ich arbeite. Ein Meeting, Gespräche, aber alle so voller Andeutungen von Heimlichkeiten, Gefälligkeiten und Bevorzugungen, dass mir der Kopf schwirrte. Die Insolvenz eines befreundeten Unternehmens hab ich auch geschafft, einzubauen. Dann ein gemeinsamer Flug, der zu einer Zugfahrt, im Regionalexpress, dann der S-Bahn wurde, ein Wagon am Ende transportierte den Hubschrauber, der kurz vor Ankunft versteckt wurde, damit nicht zu sehr auffällt, welche Verschwendung dort herrscht.

Gestern ist für mich einer meiner Kindheitsträume in Erfüllung gegangen. Ich war in Baalbek!

Als Kind habe in einem der Roman der SF-Utopia Reihe von Baalbek gelesen, vielleicht in Nabou von Günther Krupkat, aber wahrscheinlicher in Wie Kapitän Nemo starb von Josef Nesvadba. Kann grad nicht nachschauen, bin ja unterwegs, und die Fan’s ostdeutscher utopischer Romane haben noch keine Zusammenfassungen ins Netz gestellt. Vielleicht hole ich das mal nach.

Na jedenfalls unternahmen die Protagonisten in dem Roman meiner Erinnerung, meinem Traum nach eine Reise zu den Tempelanlagen von Baalbek, weil sie dort die Auflösung des Rätsels um den Tod von Kapitän Nemo erwarteten.

Die Beschreibungen der Ausmasse, der riesigen Ausdehnung der Anlage, Fundamente von 30 x 80 Metern Länge, einzelne Säulen mit 60 Tonnen, Ecksteine mit 100 Tonnen Gewicht und der größte Stein der Welt, 1.000 Tonnen schwer, der noch im Steinbruch liegt, das Rätseln über die Herkunft all dessen, die Unmöglichkeit solcher Architektur vor 2.000 Jahren, die Unvorstellbarkeit, dass Krane damals diese Gewichte bewegten und 20 m Höhe hieven konnten. Vor 2.000 Jahren!

Das alles stand in dem Buch und sorgte dafür, dass ich davon zu träumen begann, einmal selbst in Baalbek zu stehen, um es mit eigenen Augen sehen zu können. Um selbst entscheiden zu können, ob es wirklich Ausserirdische gewesen waren, die dies getan hatten, um Landerampen für ihre Raumschiffe zu haben. Ein Nebeneffekt der Bauarbeiten, dass den Sumerern noch die Keilschrift zufiel und später, als sie wieder weg waren, begannen die Menschen, die Rampe als Heiligtum zu verehren und bauten Tempel darauf.

So kann es gewesen sein! Wirklich!

Das Ding haut mich aus den Socken. Es ist unfassbar grossartig, gewaltig! Zwei Stunden lang bin ich wie besoffen durch die Ruinen gelaufen. Habe irgendwie Fotos gemacht, aber einfach auch deshalb, weil es für mich keine angemessene Reaktion auf diesen Wahnsinn gibt. So hab ich einfach so getan, als müsste ich alles fotografieren. Nur so konnte ich auch wieder gehen.

Die verbliebenen sechs von vierundfünfzig – jeweils 60 Tonnen schweren – Säulen des Jupiter Tempels von Baalbek

 

Der kleinere aber weitaus vollständiger erhaltene Bacchus Tempel, gleich neben dem gewaltigen Plateau des Jupiter Tempels. Hier zwischen den sechs Säulen des Jupiter Tempels durch fotografiert.

 

Das erste Mal, dass ich froh war, andere Touristen mit aufs Bild zu kriegen, um die gewaltigen Ausmasse auf den Bildern erkennbar zu machen.

 

In den Himmel des Bacchus Tempels fotografiert, wie diese Steine da hochgekommen sind, unfassbar, unglaublich, ungeheuer!

 

Die Rückseite des Bacchus Tempels mit vielen umgefallenen Säulen, eine lehnt noch an die Tempelwand.

 

Hier ein letzer Blick auf die 6 Säulen des Jupitertempels mit Mensch…

 

Danke für die Tour an Halid, der mich gefahren und geführt hat. Ich hab mich trotz der mindestens 20 Strassensperren, die wir passiert haben, sogar mit – nah der syrischen Grenze – eingegrabenen Panzern immer super sicher gefühlt. Wie bei einer Fahrt durch die Türkei sah es aus, die Menschen alle freundlich, friedlich. Wie Menschen bei sich zu Hause eben so sind.

Der Tag gestern war noch so viel voller! Am höchsten Berg Libanons über den Pass mit über 3.000m, Hochgebirgskirschen geklaut, Schnee angefasst und Blumen neben dem Schnee fotografiert. Dann bin ich durch einen von drei noch verbliebenen Zedernwäldern gelaufen, dem „Wald von Gottes Zedern“. Und wieder könnte ich mich einen Schwall von Superlativen und Unmengen von Adjektiven loslassen. Vor den Römern waren alle Berge hier von solchen Zedernwäldern bedeckt, sich das vorzustellen, bewegt mich sehr tief! An einer viertausend Jahre alten Zeder habe ich 10 Minuten meditiert, das war richtig schön! Und dann weiter, habe ich ein Schild vom Geburtshaus Khalil Gibran’s gesehen, angehalten und mir sein Leben erzählen lassen von einer alten Dame vorm Haus. Und noch tausend Dinge mehr und wieder mal war klar, Zufälle gibt es nicht im Leben! Aber Bilder krieg ich davon grad nicht hochgeladen, das Internet sei grad kaputt, sagen hier alle…

Also dann, geh ich jetzt mal wieder los, auf ein Neues! Ich bin gespannt!

 

Veröffentlicht von Herr Krueger

vater · ehemann · mitgründer der moving targets consulting gmbh · services, development und support · zazen · fotografie

3 Comments

  1. Wahnsinn, fürwahr, diese Wucht mit der sich solche Orte, in denen die Vergangenheit aus allen Nähten platzt. Lass dich fluten ….

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    1. hab ich gemacht! bin selbst heute zwei tage später – immer noch ganz voll von den zwei stunden dort… das beeindruckt mich extrem tief. ich steh eh auf tolle architektur und dies ding da ist gleich mehrere dimensionen über allem, was ich bisher sehen durfte…

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  2. […] Jahr an diesem Tag war ich grad in Beirut, im Libanon. Irgendwie habe ich gerade wieder daran denken müssen. Es macht sich Fernweh bemerkbar. Ich will […]

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