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Ein Traum von Steve Ballmer und einer Schulreform durch Unternehmensberater. Und über (a)soziales Lesen…

Silivri, 7:54, Tag 285

Habe mich in eine Stadt geträumt, komme aus einem Hotel, muss wieder mal zum Flugzeug. Eine Zwischenlandung in Frankfurt nach einer kurzen Flugrunde. Fahre dann in einem M3 mit sehr starkem Motor durch die Stadt, das Auto hängt dermassen am Gas, wie es in echt nicht möglich ist. Eerst Autobahn, dann Stau vor einer Baustelle. Spiele mit den Armaturen, plötzlich ist der Rückwärtsgang drin und es geht weiter. Ich krieg den nicht wieder raus, fahre bestimmt drei mal immer wieder vorsichtig an. Es klappt nicht, es geht immer nur ein paar Zentimeter rückwärts. Ich fühle den Hintermann, der erstaunlicherweise nicht zu hupen beginnt. Der Stau bin nun ich. Da schaff ich es endlich und kann in einer langen Linkskurve davon fahren.

Lande auf einem Kongress. Ein kranker, humpelnder Mopedfahrer braucht Hilfe, es gibt Stabsärzte von der Bundeswehr am Eingang, die sich um ihn kümmern werden. Ich sitze im Publikum, schräg links in einem sehr steilen Auditorium. Und Steve Ballmer von Microsoft soll gleich sprechen. Er trifft auf ein äusserst kritisches Publikum und wird nach seinen üblichen übermotivierenden Startversuchen schnell ausgepfiffen. Aber er als Milliardär reagiert sehr überheblich: Microsoft muss Mitarbeiter entlassen, aber er als Mitarbeiter Nr. 2 sei immer noch da. Es war zum Fremdschämen, ihm fehlte völlig das Verständnis. Die Leute machten Fotos vom ihm, er offenbarte, dass er überhaupt keine Ahnung von Facebook hatte, weil er sagte, es könnten ruhig Fotos gemacht werden, die dann morgen(!) auf FB hochgeladen werden könnten. Als ob die Fotos nicht schon längst dort wären. Ich will trotzdem unbedingt ein Foto von ihm mit mir haben, es ist schwierig, weil sich viele meiner Freunde mit ins Bild drängen, wir liegen auf dem Rücken, mein Arm mit dem iPhone ist nicht lang genug. Ich habe immer nur Fotos von anderen mit ihm. Mir ist das Bizarre der Situation im Traum voll bewusst und kann sie trotzdem nicht beenden. Irgendwie ist irgendwann doch zu Ende, ohne Foto.

Es wird klar, dass dies ein Kongress an einer Schule ist, eine riesiger Campus, das Schulsystem an sich soll reformiert werden. Ich laufe über den Hof voller Schüler und Studenten, und finde den Kongress nicht mehr wieder. Der Hof leert sich, ich weiss nicht, wenn ich fragen soll. Wo fand das Meeting, zu dem der Kongress nun schrumpfte, überhaupt statt? Als ich endlich mit jemandem Kontakt habe, sagt dieser nur: ich bin hier für Versicherungen zuständig und kenne mich noch weniger aus, als sie.

Habe aufgegeben und gehe zum Ausgang. Treffe Andreas wieder, den ich vor über 14 Jahren das letzte mal bei einem Edelitaliener 400 Mark Weine habe trinken sehen und danach nur noch im Netz ab und zu sehe. Da ich immer noch zum Anschlussflug nach vom Beginn des Traumes muss, habe ich keine Zeit. Wir freuen uns sehr und wollen uns aber unbedingt verabreden, um uns upzudaten. Ja, lass uns gleich einen Termin ausmachen. Er schaut im Kalender nach und schlägt morgen zum Mittagessen vor, ich bin dann schon weg und kann doch nicht gleich am nächsten Tag zurück nach Frankfurt fliegen. Hast Du noch einen Alternativtermin? Nein, sagt er kalt und sehr geschäftsmässig professionell. Ich bin erschrocken und wache auf…

Boah, war das ein langer Traum. Mist, wenn man sich halb 4 in der Nacht Notizen macht und sich dann jetzt hier wirklich die gesamte Geschichte wieder ausrollen lässt. Manchmal gelingt es mir, das Traumgefühl in wenigen Worten konzentriert zu beschreiben, manchmal brauche ich dafür, so wie heute, einfach unglaublich viele Worte.

Ein paar Referenzen zu dem Traum fallen mir, das Auditorium erinnerte ich an Lyon in diesem April. Gestern bin ich in dem RX-8 eines Freundes hier mitgefahren, der hat einen Wankelmotor und hing fast so am Gas, wie der M3 in meinem Traum. Und Andreas, ja, der Unternehmensberater, der mich zu Beginn meiner Karriere sehr beeinflusst hat, sicher ohne es zu wissen. In meiner Erinnerung ein Gross- und Schnelldenker, dem Konzepte und Papiere zu produzieren ohne Mühe zufällt. Und nicht zu vergessen, er hatte weit vor mir einen Mac und mich überzeugt, dass es wirklich ohne Windows geht. Und das war zu Zeiten, als ich Dualboot, allerdings Windows und OS/2 auf meinem Thinkpad hatte…

Hier ist immer noch Urlaub! Viele Gedanken kommen und gehen wieder. Viele Sachen sortieren sich im Nichtstun. Obwohl das Laptop schon viel an ist, aber es ist in diesen Tagen mehr ein Zeitungs- oder Buchersatz als Arbeitsmittel.

Gestern Abend merkte ich, wie viel einsamer Zeitungs- oder Bücherleser sind. Sie sind allein mit ihrem Stück Papier, das zwar haptisch so viel toller ist. Aber es kann nicht einfach Notitzen aufnehmen, lässt sich nicht so einfach indizieren, merken, verbinden mit anderen Menschen und Dingen. Es ist einfach „nur“ Text auf Papier.

Es ermöglicht damit eine Intensität der Beschäftigung mit dem Text, die in der Einsamkeit der Beziehung Text und Leser begründet liegt. Es gibt nur den Text und den Leser. Mehr geht nicht.

Es ist wie mit dem Nichtstun, in dem Neues entstehen kann. Genauso kann in der ausschliesslichen Beziehung zwischen Text und Leser auch etwas Neues entstehen, zumindest Erkenntnis, Wissen, Einsicht. Aber sozial ist das Lesen von Texten auf Papier nicht oder nur in der nachträglichen Auseinandersetzung über die Texte mit andern Menschen. Die Tätigkeit selbst ist eher einsam, unsozial.

Ich beobachte den alten Mann von nebenan, der jeden Morgen mehrere Stunden lang mehrere Zeitungen liest und wohl auch immer wieder eindöst dabei.

Ich vergleiche das mit meinem „modernen“ Zeitungslesen im Laptop und damit wie viel mehr Möglichkeiten der Interaktion ich dabei habe, wie viel mehr Meinung ich zu den einzelnen Artikeln ich sehen kann.

Wenn ich mir dann mit wenigen Klicks einen besonders tollen Artikel ausschneide und den in mein Archiv klebe, dann sind wenig später oft schon kurze „Find ich gut“ oder die Meinungen meiner Bekannten und Freunde dazu da. Ich selbst mache das mit den Artikeln meiner Bekannten ja genauso.

Meine Zeitung ist damit nicht von einer Redaktion gestern zusammen gestellt worden. Sondern ich selbst habe die Redaktion, die Auswahl der Inhalte und Tools übernommen. Damit lese ich eher von und über mein Umfeld, welches im Netz in den letzten Jahren entstanden sind. Also von den Menschen, deren Updates ich folge, deren News und Artikel ich abonniert habe und eben von den Tools,  die ich benutzen gelernt habe.

Dabei lese ich doch vor allem jetzt im Urlaub auch gerne Spiegel Online, also die Übersetzung einer Zeitung ins Internet… es ist bequemer, einfacher dort. Es wird dort durch eine Redaktion für mich selektiert, bewertet. Aber ich bemerke, ich teile fast nie Artikel dort, fühle einfach nicht, dass ich dort etwas aufheben oder mir merken, etwas anmerken möchte. Ich like höchst selten Artikel, meist zu Netzthemen. Der Rest fühlt sich einfach künstlich an. Das sind für mich die News, deren ich müde bin und die ich so ähnlich vermisse, wie ich Zigaretten oder Alkohol vermisse.

So, nun ist das wirklich lang geworden, das Haus wacht langsam auf hier. Es gibt Frühstück und ich verabschiede mich lächelnd von Euch in den Sonntag…

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