Monthly Archives: August 2012

Berlin, 7:20, Tag 332

Habe mich heute Nacht in eine Wüste geträumt, vielleicht zurück in den Libanon? Es ist nur noch eine Szene wirklich in meiner Erinnerung geblieben, wie plötzlich ein riesengrosser Mensch zwischen den Zelten auftaucht und vorsichtig herumgeführt wird. Für die Wüstenbewohner völlig normal, dass jemand über 3m gross werden kann, für mich völlig absurd und auch spannend.

Mein gestriger Post schwingt noch nach, wenn ich hier jetzt wieder sitze. Beim täglichen Schreiben gibt es intensive und weniger intensive Tage, gestern war ein sehr intensiver Tag, nach gefühlten Wochen der Unordnung und Unlust und Blockade und Pause.

Mein Blog hier, ist ein Experiment mit mir selbst, mit meinen Fähigkeiten und Unfähigkeiten, mit meinen Leidenschaften und Abneigungen, mit der aus teils sehr privaten Gedanken entstehenden Öffentlichkeit, mit den sich ständig verändernden Werkzeugen und Plattformen. Es geht für mich noch weit darüber hinaus.

Das hier ist ein Teil von mir! Ich bin das hier, ich möchte und muss hier schreiben, jeden Tag, ein ganzes Jahr lang. Etwas ganz tief in mir drin, möchte das, möchte raus und findet hier, in den ersten Stunde jedes Tages Anerkennung und einen Ausgang, einen Abfluss.

Machmal, wenn ich versuche, mich mit Abstand zu betrachten, bin froh und auch stolz darüber, diesen Weg für mich gefunden zu haben. Es gab andere Versuche davor. Es gibt auch noch andere Versuche neben diesem Blog hier. Und es wird auch in Zukunft wohl immer wieder neue Versuche geben.

Ich glaube, dass diese Versuche alle irgendwie dazu dienen, mir die Frage zu beantworten, die ich mir im Februar 2009 hier schon einmal gestellt habe: was erwartet das Leben von mir? Das Buch von Frankl ist irgendwie auch der Ausgangspunkt für dieses Experiment hier.

Dafür dass ich das Leid und die Angst vorm Leid, welche ich sehr stark fühle(n kann) und welche ich gelernt habe, perfekt zu verdrängen und zu unterdrücken, dass ich dieses Leid endlich annehmen kann, dazu dient auch dieser Versuch hier. Denn, dass in diesem Leid und eben in dieser Urangst die Chance zu einer einmaligen Leistung steckt, habe ich erst durch Frankl wirklich verstanden.

Dann ist mir doch letzte Woche Jons Bok begegnet, welcher seine Nahtod-Erfahrung in einem Buch verarbeitet hat. Und dann ist mir doch gestern das Filmprojekt: Mut zum Leben begegnet. Und wie das alles zusammen passt, dass erzähle ich Euch einfach morgen…

Aso, wenn ihr den zweiten Teil morgen und alles was danach noch kommt, nicht verpassen wollt, dann könnt ihr übrigens einfach rechts oben auf Follow drücken. Dann kriegt ihr jeden Morgen oder Mittag oder Abend, wann immer ihr wollt eine Nachricht mit dem neuesten Beitrag.

Wünsche Euch von einem verregneten Morgen einen wunderschönen Tag!

Berlin, 7:24, Tag 331

Heute Nacht habe ich eine Szene nacherlebt, die etwa sechs Jahre her ist, allerdings in gänzlich anderem Umfeld, nur die Person und die Verhandlungsart stimmten überein.

In einer Art Uni war ich unterwegs, laufe durch Gänge, mit vielen Menschen, Studenten, an Eingängen zu Hörsälen vorbei, in die die Massen entweder herein oder herausströmten. Schliesslich ein ruhiger, dunkler Gang, ein Raum, wie ein Seminarraum, hier redeten wir.

Vorher hatte ich über zehn Jahre lang in einer defensiven, verteidigenden Position des gefühlt Schwächeren, des Juniorpartners, des Verkäufers, des Angreifers heraus mit ihm verhandelt. Aber in diesem Raum vor sechs Jahren, damals bei einem Italiener, heute Nacht in diesem Seminarraum der Uni habe ich mich das erste Mal frei gefühlt. Und ich fühle jetzt wieder und zwar so stark, so tief, dass mir beide Augen stark zu jucken anfangen.

Ich erinnere nur die Gefühle und das Umfeld in meinem Traum heute Nacht, die genauen Worte, der Inhalt sind verschwunden. Es ging um irgendetwas. Die anderen Beteiligten von damals standen ebenfalls in dem Raum oder auf dem Flur.

Und ich war die ganze Zeit ruhig,  das erste Mal seit zehn Jahren fühlte ich mich wirklich ernst genommen, fühlte mich als echter Partner und das auf Augenhöhe.

Und ich konnte das erste mal zu meiner Position stehen und konnte sie sogar durchsetzen.

Und ich sehe das verwunderte Gesicht von damals heute Nacht wieder, dieses plötzliche Erkennen in seinen Augen, dass sich etwas grundlegend geändert hat.

Und dann sehe ich dort Leere, Kälte und eine Härte, die ich immer schon gefühlt, aber deren Ziel ich bisher nie war.

Und es kommt Stille auf!

Und es kommt das unbändige, unglaubliche, wunderschöne Gefühl auf:

ich bin endlich frei.

Und mit diesem Gefühl von Freiheit und Weite stand ich heute morgen über den Dächern Berlins und schaute in einen glühenden, neuen Morgenhimmel…

Kennt ihr solche Momente des grundlegenden Wandels, der Veränderung, des Wachstums und der Befreiung von etwas oder jemandem? Momente, deren Bedeutung Euch vielleicht erst später klar wird und die Euch dann aber für immer begleiten und Kraft geben?

Berlin, 7:38, Tag 330

Wieder Bewegung geträumt, mit leichtem Touch von Horror. Habe einen Verletzten zum Krankenhaus gebracht, dabei nicht genau gewusst, wo und wie weit es noch ist. Immer den Verletzten auf dem Arm. Der Unfall vorher ist nur noch dunkel in Erinnerung: ihm ist jemand über die Füsse gefahren. Erst schien einer ab. Während des Tragens sah er aber immer besser aus. Als die Ärztin sich den Fuss in der Notaufnahme endlich ansah, war er fast wieder komplett heile. Ich wachte müde auf… wurde aber sogleich von einem schönen Himmel begrüßt, dessen Anblick mich gleich beruhigte.

Gestern viele Begegnungen, lange und bis spät Abends. Es ist keine Arbeit, es fühlt sich immer weniger so an, ab 10 bis abends 10 war ich laufend im Kontakt mit anderen. Zwischendurch immer mal wieder ein paar Mails, etwas Essen, etwas alleine sein. Ich schaffe, was ich schaffe, ich mache, was ich kann. Ich bin da. Ich versuche, nah bei mir selbst zu sein, ich versuche, ich selbst zu sein. Je mehr ich das tue, um so besser geht es mir, aber um so öfter kommt auch das schlechte Gewissen oder ist es vielleicht die Scham?

Unser Open Paten Data Projekt nimmt weiter Fahrt auf, unser Status Meeting war ein Highlight gestern. Ich habe das Gefühlt, dass wir nun kurz davor sind, unsere Triebwerke zu zünden, die Startvorbereitungen werden in den nächsten beiden Wochen abgeschlossen, dann gibt’s  so was wie ’nen heissen Ritt bis Dezember. Mal schauen, wo wir landen werden, denn runter kommt man ja immer. 😉

Es ist noch so viel mehr passiert, mein Kopf ist voll, ich bin da oben wohl grad sehr unsortiert! Deshalb beende ich mein wirres Tagebuchgeschreibe hier mal schnell und werde heute versuchen, das Chaos in mir durch noch viel mehr Begegnungen noch viel mehr zu vergrößern.

Und ich bin schon richtig gespannt, was dann passieren wird. Gibt es eigentlich ein zuviel Chaos? Und was kommt eigentlich nach Chaos? Ist Chaos das Ende?

 

 

Berlin, 7:40, Tag 329

Heute morgen bin ich aufgestanden und konnte nicht klar sehen. Vielleicht habe ich zu viel geträumt in meinem leichten Schlaf. Zuerst in einer Wohnung mit zwei Drillingen. Zwei Brüder, von denen der eine wieder zwei war. Ich sah Die Grenzen ihrer Körper von hinten verschwimmen, ineinander übergehend. Die Harmonie ihrer Bewegungen, die Schnelligkeit und ein absolutes gegenseitiges Wohlwollen bei den Entscheidungen zu einfachsten Dingen in ihrem Leben: hinsetzen, umdrehen, dann wieder aufstehen und umdrehen, Jacke anziehen. Das zu sehen, hat mich tief berührt.

Kurz danach tauchte ein cooler, schicker, scheuer Jemand auf und begann mir Ratschläge für meine kommenden Vorträge zu erteilen: wenn Du noch Folien brauchst, bist Du nicht vorbereitet. Das weckt mich halb 12 zum ersten mal auf.

Schlafe schnell wieder ein und flüchtete, denn jetzt muss ich einen Zug erwischen. Der Bahnhof hier ist geschlossen, weiss doch jeder, der einzige Bahnhof in Deutschland der einfach so geschlossen wurde, obwohl noch Züge auf den Strecken fahren, eine Sensation, ein Skandal! Zusammen mit vielen anderen Reisenden lachten und rannten wir zur S-Bahn, Rolltreppen hoch, durch Tunnel, enge Gänge entlang, auf der Baustelle und immer mit dem Blick auf die Uhr: noch 3 Minuten, das schaffen wir. Nein, zu spät, wir nehmen statt der S-Bahn einen andern Zug, der dort hinten abfährt. Auch den erreichen wir nicht, dann also mit einem Auto durch die Stadt, wenn ich den letzten Zug verpasse, nehme ich das Auto gleich für den ganzen Heimweg.

An einer Kreuzung biegt ein Tieflader vor mir ab. Der Fahrer sieht mich, ist gestresst vom Stau, der Flucht, die Massen. Er sieht den Bordstein, er sieht mich. In den Rückspiegel blickend, fährt er doch verzweifelt über den Bordstein, meine Motorhaube und auch fast über mich, tiefe Furchen hinterlassend. Ich springe zur Seite, und flüchte gleich weiter, ihn in seiner Schuld zurücklassend Und dann doch ein Zug, ja, der Richtige nach Aachen. Ich wache auf, es ist vier Uhr und ich freue mich erst, noch zwei Stunden weiter schlafen und träumen zu können.

Dann bin ich auch leicht erschrocken. Ich erfühlte sehr stark, den tiefen Zugang zu meinen Träumen. Über diesen See an Erinnerungen, Gedanken, Gefühlen in den ich jede Nacht eintauche, in dem ich unsteuerbar, nicht kontrollierbar , stark verwoben und verbunden mit dem Wasser und allem darin jede Nacht schwimme. Und der dabei immer noch so tief versteckt und verborgen in meinem Schlaf ist, dass ich meist nur wenige Momente beim Aufwachen habe, in denen mir das mir Unbewusste noch bewusst erscheint.

Wenn ich es dann später wieder erblicke, in der Meditation, beim Schreiben, beim Reden, beim Zuhören: die Wahrheit und Echtheit, das unbewusste Wissen darum erahnend… erinnere ich mich wieder an den Schreck, vielleicht habe ich nur Angst vor der Kraft die darin liegt?

Aufgeschreckt vom Wecker fotografiere ich überrascht einen friedlichen Sonnenaufgang. Dusche mich ganz heiss und setze mich ganz ruhig 40min zur Meditation hin, die wie im Fluge vergehen. Ich arbeitete viel an meinem Vortrag für Hamburg, immer wenn ich mich dabei ertappe, freute ich mich und kehrte zurück zu meinem Atem…

 

 

Zurück in Berlin, 7:08, Tag 328

Unspektakulär von einer Drogenparty geträumt, alle Clichés haben sich erfüllt. Die Unterhaltungen kreischend, die Blicke gehetzt abwesend, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. Unpassenderweise fand das alles in einer kleinen, hellen Wohnung zwischen Wohnzimmer und Küche statt. Ich beobachtete alles am Türrahmen stehend. Plastetütchen kommen immer näher, bevor mich der Strudel erwischt, wache ich eine halbe Stunde zu spät auf…

Der Traum und das späte Aufstehen hat mich meine Meditation gekostet. Nein, stimmt eigentlich nicht, denn ich hab nach dem Duschen heute morgen ganz kurz Mails, kurz Facebook gecheckt und bei Twitter und den #quotes hängen geblieben.

Und dann ist mir, wie öfter in den letzten Tagen bei Twitter Anil Dash über den Weg gelaufen. Und zum ersten Mal habe ich mir dann die Homepage angeschaut vom Angestellten Nummer 1 bei SixApart, die die Blogging Software Movable Type/TypePad gebaut haben. Und statt zu meditieren, habe ich mir das 20 min Video von Anil Dash über Werkzeuge und Netzwerke angeschaut.

Ich hab versucht zu verstehen, wie er den Blog strukturiert hat, welche Inhalte er selbst produziert, wie sein Selbstmarketing läuft, was er über sich schreibt und wie es zusammen passt. Der Vortrag ist gut und schlecht zu gleich, und genau nur diese Ambivalenz interessierte mich, und liess mich dran bleiben und es aushalten.

Und jetzt, versuche ich darüber zu schreiben und bin mit den Gedanken schon bei meiner Wochenplanung. Und ich bemerke, was ich da eigentlich gemacht habe: ich habe versucht zu lernen und zu verstehen, wie dieser Mensch tickt und versuche herauszufinden, ob und was für mich dabei ist, was ich auch so machen kann, was ich benutzen kann. Dafür habe ich mir ein echtes Beispiel angeschaut, also wie Anil in den letzten 10 Jahren das Web benutzt und was er dazu heute in der Öffentlichkeit schreibt und sagt. Und ich habe kein Buch über etwas gelesen, keinen Kurs für etwas besucht, keine Berater für etwas befragt. Oft will ich direkte Erfahrungen machen, anstatt die Erfahrungen anderer zu lesen.

Und eigentlich wollte ich doch über über Jon Erfahrungen schreiben, dessen Erfahrungen ich nicht unbedingt selbst machen möchte. Dessen Buch darüber habe ich gestern auf dem Flug hierher lesen können.

Er gibt mir auf einer der ersten Seiten schon einen Rat übers Schreiben, der mich sehr bestärkt hat. Erstens darin, weiter zu meditieren und sich dann eine Stunde in ein Café zu setzen, jeden Tag zu arbeiten, zu schreiben, einfach ich zu sein. Und zweitens natürlich, sein Buch weiter zu lesen…

Do we need to have any specific work routines?

I think that café was good. Don’t you agree?

Yes. It was very peaceful there.

Then that will be our routine. Go there every day. Your location is actually not so important, but you must sit alone, and you must set time aside for this. At least 1 hour each day. And begin meditating again. It is easier to get in connection with you then.

[…]

Write from love, not out of irritation. 

-Jon Schau, Jons Bok

Und dann wollte ich doch auch noch über schnelle Zeit schreiben. Und dann habe ich doch auch noch schöne Fotos während des Fluges machen können, dank eines Vaters, der neben seiner Tochter sitzen wollte und mir somit der ersehnte Fensterplatz doch noch zufiel.

Und eigentlich wollte ich doch meditieren…

Noch Silivri, 11:24, Tag 327

Ein schöner Spielfilmtraum, dessen Details verschwunden sind. Der letzte Morgen hier ist nun vorbei. All diese letzten Dinge, die man so macht, diese letzten Gedanken, die man so denkt, bekommen eine besondere Bedeutung. Aber nur durch die besondere  Aufmerksamkeit, die sie heute bekommen. Alles bekommt ein: oh, bald geht es los. Nur ein paar Minuten noch, dann ist alles wieder anders. Einen schönen Schlusssatz für die Zeit hier habe ich heute morgen hier gefunden.

‎“The amount of happiness that you have depends on the amount of freedom you have in your heart“ ~Thich Nhat Hanh

Wann immer ich mich frei fühle, frei vom Denken und Werten, von Zeit und Ort, dann sehe ich mein Glück klar und deutlich.

Nun wünsche ich Euch noch einen freien, glücklichen Sonntag!

Silivri, 9:07, Tag 326

Manchmal denke ich, dass ich schon von allem Fotos gemacht habe. Es gibt nichts Neues mehr, kein neues Bild, kein neuer Post, keinen neuer Titel, keine Nachbearbeitung. Es ist alles schon gezeigt. Die Motive sind doch immer die gleichen. Mein Leben führt mich an keinen neuen Ort, zu keinem neuen Abenteuer, zu keiner neuen Aufgabe. Es war schon immer so. Und ist es doch  immer schon alles vorhanden.

Manchmal denke ich, dass schon alle geschrieben worden ist. Es gibt nichts Neues mehr, keine neue Idee, kein neuer Post, kein neuer Titel, keine Korrektur. Es ist alles schon gesagt. Die Themen sind doch immer die gleichen. Ich sehe keine Entwicklung und jede Veränderung ist Regression.

Manchmal ahne ich, dass alles, aber auch alles mindestens zwei Seiten hat. Die eine Seite, die fotografierte, beschriebene, die bekannte, gewohnte Seite. Und die ungewohnte, unbekannte, noch nicht beschriebene, eben noch nicht fotografierte Seite von etwas.

Manchmal spüre ich meine Gewohnheiten, die mich blind gegenüber dem Neuen und dem Unbekannten machen.

Manchmal spüre ich den Sinn dieser Automatismen, die mich davon abhalten, meiner Angst, meinen Sorgen, meinen Problemen, dem Bekannten zu viel Raum zu geben.

Manchmal spüre ich den Sinn dieser Automatismen, die mich dazu bringen, mich meiner Angst, meinen Sorgen, meinen Problemen zu stellen und dem Unbekannten mehr Raum zu geben.

Manchmal schau ich mir selbst zu und plötzlich verstehe ich nicht mehr, wieso ich eigentlich hier bin. Wie habe ich es bloß geschafft, hier her zu kommen? Und was habe ich alles getan, um jetzt hier sitzen zu können? Mit dem Laptop im Garten am Meer…

…am letzten Tag hier für mich in diesem Sommer!