It’s the Real Thing…

Silivri, 7:10, Tag 317

Ganz zeitig heute. Zu Hause in Berlin ist es ja sogar erst 10 nach 6, da hätte ich noch 50min für irgendetwas, bis die Espressolounge aufmacht und ich meinen Blog dort beginne.

Heute wollte ich keine Zeitung hier lesen, kein News Update, keine neuen Artikel, keinen neuen Input. Manchmal nerven mich meine eigenen Rituale, die schuld sind an meiner Unzufriedenheit, die sofort gebrochen, geändert werden müssen. Nicht dazu gehört das Schreiben hier, auch nicht dazu gehört die Erinnerung an meinen Traum. Durch meine lange Übung weiss ich, dass ich immer, wenn es mal ganz schlimm wird, in 5min einen Pausenpost geschrieben habe, damit ist die Serie nicht unterbrochen und ich kann irgend etwas anderes machen.

Zu meine Träumen heute Nacht, das waren sehr komische Sachen, viel Interaktion mit mir unbekannten Menschen. Aber jetzt nach meiner 30min Meditation ist wirklich nur noch das komische Gefühl vorhanden, das zu meiner generellen Stimmung passt da und keinerlei konkrete Traumszenen mehr. Die sind schon wegsortiert, haben den Sprung raus aus dem Kurzzeitgedächtnis nicht geschafft.

Die Unruhe ist wieder da! Meine Unzufriedenheit mit allem, dieses Sehen und Wissen, was alles alles anders zu machen wäre, was anders, besser zu sein hat: vor allem bei mir selbst! Meine Unkonzentriertheit, meine Schwäche, jetzt die genau richtigen Dinge zu tun, meine Wertungen. Dann die Übertragung auf mein Umfeld, mit dem sofort entstehenden Wunsch, auszubrechen. Jetzt irgendwo anders zu sein, wo ich in Ruhe arbeiten kann, wo alles besser ist. Wo es einen Birnenbaum gibt, dessen Birnen schmecken. Wo immer schon der richtige Tee für diesen Moment gekocht in einer Kanne vor mir steht. Wo ich ausschliesslich liebevoll und zuvorkommend von allen behandelt werde. Wo immer all das schon vorhanden ist, was ich jetzt brauche. Die Texte, die Ideen, die Bilder, die Menschen, alles fügt sich und errät von ganz alleine, was dran, was jetzt zu tun ist.

Diese Unruhe steigert sich in mir schnell zur Verzweiflung, die alles verbrennen kann, was und wer um mich herum ist. Diese Verzweiflung hat etwas sehr zerstörerisches, negatives an sich. Sie ist brutal.

Es sind die Mücken hier! Obwohl ich doch eben eine volle Ladung Off über mich gesprüht habe, habe ich mindestens drei Stiche und ständig das Sirren im Ohr und vor dem Bildschirm. Es sind gaaanz kleine Mücken und warum sind die eigentlich schon so zeitig wach? Sie schweben über den Dämpfen, bis sie eine Stelle gefunden haben, die ich vergessen habe und zack: Frühstück! Und mein eigenes Frühstück liegt noch beim Bäcker.

Aufschreiben, drüber Reden, mir klar machen, was ich hier mit mir veranstalte, hilft da eigentlich fast immer. Es hilft nicht wirklich endgültig, die Anfälle von Unruhe, Unzufriedenheit und Unglück kommen immer wieder. Aber wenn mir klar wird, dass ich mich grade für die dunkle Seite entscheide, dass ich selbst die Entscheidung treffe, jetzt nicht zufrieden sein zu wollen, passt das ins Muster. Mir wird klar, dass ich eine Wahl habe. Ganz unruhig, verzweifelt und brutal mache ich mir selbst klar, der Grund mich unglücklich zu fühlen, liegt jetzt wirklich nur in mir. Es ist kein Pflaster auf der Wunde, es ist eher die Wundreinigung. Das genaue Betrachten, das Freilegen der Ursache des Schmerzes. Ein- und Ausatmen, das Leeren des Kopfes beim Meditieren, das Anfangen, das Starten, das Lächeln dass sind dann die Pflaster und Vitamine, die bei der Heilung helfen. Den Rest macht die Zeit, die für das Schliessen und Vernarben sorgt.

Solche Sachen hier in mein öffentliches Tagebuch zu schreiben, empfinde ich gerade als sehr egoistisch, fast schon egomanisch! Ein lilalugutelaune Post, ein neuer App Test, ein Ratschlag aus einem der vielen Bücher, ein schickes Bild, das reicht doch sonst völlig aus, warum muss es nun heute gerade die Selbstoffenbarung sein, dieser Verstärkung der dunklen Seite? Das will und sollte doch niemand sonst lesen.

Also gut, ich kann das hier wirklich nicht so stehen lassen. Aber ich kann es jetzt auch nicht mehr weg löschen. Ich kann es nicht, nicht posten. Als ich diesen Satz schrieb, kam mir ein Einfall, dem ich nachgebe: nun gibt als Trost noch eine kleine Übung zum Schluss, denn gerade als ich eben nach dem letzten Abschnitt etwas hing, fiel mir James Altuchers Blog wieder ein und sein gestriger Post über Was bin ich?

Diese Übung kenn ich schon länger aus den Anwweisungen für den Zenkoch, in dem Bernie das gleiche empfiehlt. Mach mit Bleistift (oder im Laptop:) eine Liste aller (Vor-)Urteile, also eine Liste mit allen Antworten auf die Frage: was bin ich? 

Und dann lösche langsam, Buchstabe für Buchstabe jeden einzelnen Eintrag wieder weg…

Write down all the things you are. Use a pencil and not a pen. How big can you make the list? Are you a husband? A good father? A bad friend? Maybe you are lonely? Are you an artist?

Did you write down the list? Hold it up in the air. Look at it carefully. Did you put everything? Are you a bad son? Are you on the side of those who favor nationalized health care? Or against? What college did you go to? Are you a jealous person? Are you Nigerian?

We all have a list of labels. I have a big list. Too big. I wrote it down just like I’m asking you to do. I had about 50 items on my list.

Then erase each item one at a time. Do it slowly. After each one close your eyes. Imagine what it’s like to not have that label. Imagine you will never have that label again. Maybe even imagine you never had that label to begin with. It’s just imagination.

Alleine, das zu Lesen hilft mir, raus zu kommen aus dieser Stimmung da oben. Und dann stolpere ich gleich noch über einen weiteren Post von James, der fast noch besser passt und zehn unübliche Ratschläge enthält, um wieder glücklich zu werden:

Our alien ancestors who created us also created simple tools (call them “triggers” if you will) so that we can reprogram our bodies to be happy. What does happy mean? It means various chemicals get manipulated throughout the body. Cortisol levels go down. Cortisol is the “fight or flight” hormone. So, like, when you are sitting at your desk staring at a computer screen and you are worried your boss is going to yell at you, your cortisol levels are going through the roof.

Fünf der Ratschläge habe ich eben ausprobiert, es hilft wirklich! James hat recht. Mein Oxytocin Pegel ist wieder zurück auf normal und ich lächle sogar mich selbst an gerade (ich habe meine Tochter gedrückt, hab gelacht, habe auf Facebook ein paar Likes verteilt, einen kurzen Spaziergang ums Haus gemacht und tief ein- und ausgeatmet).

Und dann in der Seitenleiste der letzte Post von James, fast schon ein Jahr alt, als krönender Abschluss. Es geht darum, welche sieben Dinge passieren, wenn man total ehrlich ist. Die Liste zitiere ich hier nicht, sondern nur das dort erwähnte Video aus dem meinem Geburtsjahr 1971:

Und was macht Ihr so, wenn Euch die Unruhe packt?

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