Istanbul, 7:35, Tag 344

Heute Nacht habe ich schön geträumt, aber ich bin zu aufgeregt aufgewacht, um ihn mir merken zu können. Statt dessen habe ich bei meinen 30 Minuten #Zazen vorm Aufstehen der Damen folgende Gedanken gehabt, die ich mit Euch teilen möchte.

Seit ein paar Tagen lese ich mit Aleyna zusammen Alexander Wolkows ‚Urfin und die Holzsoldaten‘. Ich habe ihr nie wirklich viel und auch nicht regelmässig vorgelesen, ab und zu sicher, aber nicht als Teil des abendlichen zu Bett Gehens. Dies versuche ich gerade zu ändern und merke, dass das am besten mit meinen eigenen Kinderbüchern klappt.

Als ich ihr gestern aus Urfin vorgelesen habe, habe ich mich aber plötzlich an Sätze und Details so konkret erinnert, dass wir beide sofort extrem von der Geschichte gefesselt waren. Aleyna schlief dann aber doch bald ein, ihr Tag war einfach zu lang, und ich musste alleine noch zwei Kapitel weiter lesen, bis auch mir die Augen zufielen.

Es ist bestimmt 30 Jahre her, dass ich das Buch vielleicht auch mehrfach selbst gelesen habe. Und trotzdem kenne ich zB noch die Schellen an Hüten mit den Krempen, die Blutegel, Gauko… Gaukomo und so weiter und so fort, alle Details sind noch da. Und es fühlt sich alles sooo vertraut, nach Heimat und zu Hause an.

Heute morgen dann beim Meditieren bin ich richtig erschrocken über diese Fähigkeit von uns Menschen, solche winzigen Dinge zu speichern, dann scheinbar zu vergessen und 30 Jahre später mit dem richtige Trigger wieder parat zu haben. Ich habe oft davon gelesen, dass unser Speicherbewusstsein alles, aber auch alles aufbewahrt, was unsere wir durch unsere fünf Sinne wahrnehmen. Aber wenn ich das dann selbst in aller Deutlichkeit erlebe, bekomme ich eine Gänsehaut.

Es ist übrigens beim Lesen genau so wie mit Orten. Ich kann sehr konkret fühlen, wenn ich an einem Ort schon einmal gewesen bin. Ich weiss es einfach, ohne dass erklären zu können. Das hilft natürlich bei der Orientierung ungemein. Wenn ich zB falsch abbiege fühle ich, dass ich an dieser Stelle noch nie war und kann umkehren oder gehe in den Entdeckermodus, bei dem ich mich dann nach Sonnenstand orientiere.

Nun erinnere ich mich aber auch daran, dass ich immer schon so lernen konnte. Ich las in Fachbüchern, strich mit Marker wichtige Stellen an und konnte mich später genau wieder daran erinnern, wie die Seite aufgebaut war, wo der Text, die Bilder, die Markierung war und wenn notwenig, kamen dann auch die einzelnen Worte und Sätze wieder.

Mir fehlt genau das übrigens sehr beim Lesen im Web oder mit dem Kindle. Durch sich das hier auflösende Seitenkonzept, fehlt mir die bisher so hilfreiche visuelle Orientierung, das Erinnern an konkrete Stellen auf konkreten Seiten.

Das wird sicher durch eine immer bessere Suchalgorithmen teilweise ersetzt, wobei das Suchen nach Textstellen andere Kompetenzen erfordert als das eher visuelle Erinnern an Orte. Hier ist viel mehr wichtig, zu wissen, mit welcher Struktur in welchen Tools man diese Informationen ablegt, um auf sie später wieder zugreifen zu können.

Langsam, ab und zu, bemerke ich auch hier im Web, dass ich mich an alles, aber auch alles, was ich hier gelesen habe erinnern kann. Entweder mit tiefer Konzentration wie bei der Meditation und aber mit einfachem Vertrauen, erlange ich Zugriff auf mein Unterbewusstsein/mein Speicherbewusstsein. Nicht, dass ich dass steuern könnte, aber wenn es (mir wirklich) wichtig ist, finde ich verloren geglaubte Artikel oder auch markierte Texte auf dem Kindle nach einiger Zeit wieder.

Ich mach mir mal eine Notiz im Kalender, dass ich heute in 30 Jahren darüber reflektiere, ob die These im letzten Absatz wirklich stimmt…

Mit dieser Möve auf dem Weg zum Frühstück, verabschiede ich mich ganz beschwingt von Erkenntnis in den Mittwoch!

Veröffentlicht von Herr Krueger

vater · ehemann · mitgründer der moving targets consulting gmbh · services, development und support · zazen · fotografie

3 Comments

  1. Urfin, jaaa, gefühlte hundert Mal gelesen und sehr geliebt als Kind. Da gab es doch mehrere Teile, wo sind eigentlich meine Kinderbücher abgeblieben… Muss ich dringend mal nachforschen.
    Ich erinnere mich auch an so viele Details und Begebenheiten, die schon zig Jahre zurück liegen und genau wie du weiß ich sofort, wenn ich irgendwo an einem Ort schon mal war. Auch wenn mein Orientierungssinn sonst gegen null geht.
    Ist schon echt ein Wunder, was unser Hirn so speichern kann.
    LG Doreen

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  2. Ich freu mich schon auf deinen Blog in 30 Jahren …. 😉

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  3. […] habe hier mal über das Speicherbewusstsein geschrieben, einem Begriff und Sichtweise aus der buddhistischen […]

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