Über die Anziehungskraft des Banalen…

Istanbul, 7:28, Tag 345

Heute Nacht habe ich mich in  ein Doppelhaus geträumt, die rechte Hälfte sollte weitervermietet werden, die bisherigen Bewohner mussten raus. Ich hatte sie in einer Bar eines Maritim Hotels kennen gelernt, dort fand eine Konferenz statt, auf der der Umzug für die Familie beschlossen wurde, irgendwas mit Geheimdienst oder Militär. Als ich später bei dem Haus ankam und es potentiellen Nachmietern zeigen sollte, kamen Böen auf, es flogen Blätter durch die Luft, der Eingang wirkte zugemüllt, die Fenster erblindet, das ganze Haus kurz vorm zerfallen, links oben war eine winzige Kammer, eigentlich für die Kinder, dort musste wollten die Neuen unbedingt hochkriechen und sich durch einen engen Durchgang schlängeln. Ich liess sie allein, dabei kommentierten Kathrin und Sascha die ganze Szene aus dem Off, geistreich und schnoddrig, witzig. Wegen einer Mücke im Schlafzimmer heute Nacht war ich eigentlich ständig wach…

Gestern habe ich soviel Lob für meinen Blog hier bekommen, dass ich mich heute völlig überfordert fühle und nicht weiss, was ich schreiben soll. Das Erste, was mir eingefallen ist, habe ich schon wieder gelöscht (ich wollte unseren grade zu unterzeichnenden Jahresabschluss 2010/11 kommentieren, aber der ist ja eigentlich schon so lange her, und macht irgendwie keinen Sinn hier).

Dann fiel mir ein, dass ich mir gestern Abend meinen tollen Tagesablauf hier in Istanbul vergegenwärtigt, und bemerkt, dass der mir sau gut tut. Die Ferien sind vorbei und einer hochkonzentrierten, produktiven Stimmung gewichen. Vielleicht schreibe ich das hier jetzt einfach mal auf. Obwohl, wenn ich das jetzt mache, dann war das gestern wohl der letzte Tag, der so ablief. Also lieber nicht!

Dann fällt mir die Debatte um Frau Wulff ein, und immer wieder eines ganz besonders auf: wie sehr ich mich für Andere schämen kann, jede Aussage von ihr, jedes über sie schreiben, erzeugt bei mir klassisches Fremdschämen. Die Banalität der Inhalte ihres Buches ist die eine Sache, dort stolpere ich natürlich  über Kommentare, wie das wollen wir doch eigentlich alles gar nicht wissen. Dabei erinnere ich mich an Satzfetzen aus dem Buch über dünne Wände in Hotelzimmern oder das Kennenlernen im Flieger, Kommentare ihrer Freundinnen, über ihre Exfreunde, über ihre Naivität bei Business Class Upgrades, ufff!

Es hört einfach nicht auf, die Artikel über die beiden schaffen es jedes Mal, dass ich mich für diese Einfachheit, diese Naivität dieser Gedanken schäme. Genau das macht wohl auch die Anziehung der Debatte um Wulffs und auch um Guttenbergs, etc. aus. Beide Paare stehen für eine Politikergeneration, die man nicht mehr für ihre Leistungen oder ihren Stil oder bestimmte Fähigkeiten bewundert, sondern für die ich mich eher schäme.

Die sind so normal, dass sie wohl jedem das Gefühl geben, das auch zu können: wenn so ein Paar Bundespräsident werden kann, dann kann ich das auch. Hoffentlich ist das bald vorbei und niemand schreibt mehr darüber oder ich schaffe es, solche Artikel nicht mehr zu lesen. Es tut mir einfach nicht gut!

Einen Tip habe ich übrigens für das PR Team von den Wulffs, sie dürfen nicht nur Google verklagen, sondern müssen das der Gerechtigkeit halber auch mit Microsoft tun. Hier schaut mal zu Bing, kein Wort über Bundespräsidentschaft, Buch, Karriere… die arme, arme, verleumdete Frau Wulff! Übrigens hätte ich versucht, solch absurde Gerüchte zu ignorieren. Nur getroffene Hunde bellen, sagt dazu nämlich ein Sprichwort aus meiner Kindheit.

Ich vergleiche mich ja sehr gerne mit allem was um mich herum passiert. Das ist eine der herausragendsten Fähigkeiten von mir. Ich kann sie nutzen, um mich schlecht zu fühlen, aber auch um Energie zu bekommen, um morgens aufzustehen, um etwas zu tun, etwas zu ändern.

Dabei vergleiche ich mich mit Dingen, Themen und Personen, die absolut überhaupt nichts mit mir zu tun haben. Ich kann zum Beispiel die Banalitäten und Naivitäten in meinem Blog hier, mit den babalen und naiven Wortfetzen aus Bettina Wulffs Buch vergleichen. Dann wird das Fremdschämen sofort zu einem Schämen, ohne Fremd.

Dabei versuche ich wohl nur, dieses schräge Prinzip von Öffentlichkeit, von Medienöffentlichkeit zu verstehen. Ich versuche zu verstehen, was daran für so viele Menschen so anziehend ist. Vielleicht ist es genau das gleiche, was viele Menschen grausame Videos immer wieder anschauen lässt?

Ist eine Sehnsucht in vielen von uns, uns mit fremden Leid zu verbinden und zu vergleichen, um das eigene Leben so besser ertragen zu können? Woher kommt diese Faszination und diese Anziehungskraft der dunklen Seite in uns allen?

Ok, es ist um 9, mein Tagesplan sieht vor, dass ich jetzt den Blogpost abschliesse und mich auf den Weg in mein zweites Büro an den Bosphorus mache.

Ich wünsche Euch einen tollen Tag, ohne all zu viel Vergleichen!

PS: Einige Bayern schämen sich gerade über ein Serious Game ihrer Staatskanzlei! Oh, kann ich das gut verstehen… 😉

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