Über vier Räume im Leben…

Berlin, 7:49, Tag 392

Heute Nacht war ich auf einer Konferenz mit Don Dahlmann, den ich gar nicht kenne, den ich noch nie getroffen habe und dessen Blog ich aber regelmässig lese. Er hielt einen Vortrag und kannte alle Leute, er war mehr Gastgeber, als Sprecher. Ich assistierte ihm, füllte ein paar Lücken und übernahm einen kleinen des Vortrages spontan selbst. Danach begrüßten wir die Teilnehmer an langen Tischen, Don per Handschlag und ich per Kopfnicken. Ich kannte einige der Teilnehmer, es schien eine meiner Patentkonferenzen zu sein. Ich bekam von einem ein dankeschön geflüstert, weil ich so viel engagierter beim Vortrag schien als Don… und wachte auf!

Heute hab ich leichte Schreibhemmung, es gibt eigentlich so viel zu berichten, aber ich sitze schon fast eine Stunde hier und arbeite so vor mich hin, schreibe Mails und lese Artikel zu verschiedenen Themen, warte auf meinen ersten Termin in 20 min, feile an meinen Präsentationen für morgen und nächste Woche. Überlege, was ich wie anschiebe, was ich wie umsetzen kann…

Na vielleicht gelingt ein kurzer Ausflug zum Thema Raum: ich habe verschiedene Experimentierfelder für mich entwickelt, eines ist die Quantified Self Bewegung, mit meinem FitBit, meiner Waage und Blutdruckmesser, meinem Meditationstimer und auch meinen Foursquare Check Ins einen Grossteil der Daten meines Lebens halböffentlich dokumentiere.

Ein anderes Feld, um das es jetzt gehen soll ist, ist das declutter my life Thema. Sascha und Kathrin schreiben dazu in ihrem neuen Buch Internet: Segen oder Fluch so darüber:

Es gibt etliche Hinweise darauf, dass sich in den westlichen Gesellschaften Merkmale von Status und Selbstdarstellung vom Materiellen ins Soziale verschieben.

Seit knapp drei Jahren experimentiere ich auch mit diesem Thema. Ich entrümple und entmaterialisiere ganz bewusst mein Leben und verlagere dazu viele meiner und der Firmen Anwendungen und Daten in die Cloud.

Alles hat damit angefangen, dass ich vor drei Jahren den Keller unserer letzten Wohnung in der wir fünf Jahre gewohnt haben, einfach komplett ungesehen(!) in einen 3-m³-Müllcontainer entsorgt habe. Möbel, Zeitschriften, Spielzeug, Bilder und wasweissichnicht alles an altem Krempel, den ich dort über die Jahre mit eingezogen, dann weiter rein geräumt und nie wieder angeschaut oder gebraucht habe. Es ging mir eine Wochen lang richtig komisch, ich fühlte mich leer und unsicher, aber dann begann ich, mich leichter und wie befreit zu fühlen. Eine tolle Erfahrung!

Im letzten Frühjahr habe ich dann einen weiteren grossen Schritt gemacht und vermiete meine Berliner Wohnung ab und zu an Bekannte manchmal auch an Bekannte von Bekannten. Vor allem, wenn ich in Istanbul bin, macht das ja Sinn.

Als ich gestern das obige Zitat las, merkte ich: Ja, stümmt! Mein Selbstverständnis, mein Selbstwert knüpfe ich immer weniger an materielle Dinge, wie an meine Wohnung oder die Einrichtung und Dinge darin, die ich als mein Privateigentum bezeichne.

Dafür, dass ich meine Wohnung hier echt vermiete, habe ich eben nicht nur zu meinem Rumpelkeller Tschüss sagen müssen, sondern eigentlich zu allen Dingen, die in meiner Wohnung sind. Ich habe sie nicht mehr exlusiv in meinem Besitz, sondern teile sie mir nun mit anderen. Mein Verhältnis zu diesen Dingen in der Wohnung ändert sich damit sehr stark. Sie sind nicht mehr ein Teil meiner Persönlichkeit, meiner Selbstdarstellung.

Etwas anderes kommt dazu: dadurch, dass ich meine Wohnung, wie mein Facebookprofil mit der Welt da draussen teile, definiere ich mich mehr über das Teilen, als über das exclusive Besitzen und Zeigen, von materiellen Dingen.

Aktuell schlafe ich in meinem Arbeitszimmer, einer kleinen 35m² Wohnung neben unserem grossen Büro hier in der Arndtstr. in Kreuzberg. Es ging nicht anders, eine Änderung in meinem Rhythmus führte dazu, dass ich statt in Istanbul in dieser Woche doch hier in Berlin sein darf.

Meine größte Herausforderung dabei ist aber nicht so sehr, dass ich grade keinen Zugang zu meiner Wohnung habe, sondern dass ich die Räume vermisse, die ich mit bestimmten Tätigkeiten verbunden habe. Mein Körper, mein Unbewusstsein hat Räume oder eher Orte in Räumen nämlich mit bestimmten Tätigkeiten verknüpft.

Es gibt ein Schlafzimmer für Erholung und Schlaf, es gibt eine Ecke in der grossen Wohnküche fürs Essen und Versorgen. Es gibt einen anderen Platz dort (an dem mein Meditationskissen liegt) für Reflexion und Besinnung und einen weiteren vierten Ort (mein Arbeitszimmer) für Aktion und Arbeit.

Diese vier Räume sind nun zusammengeschrumpft auf ein einziges Zimmer mit Miniküche und Bad. Am gleich Ort erhole, versorge, besinne und arbeite ich nun. Dadurch dass ich nicht mehr verschiedene Orte für die verschiedenartigen Tätigkeiten habe, werden mir die notwendigen Wechsel zwischen den vier Phasen meines Tages viel bewusster. Ich muss mir, um in Balance zu bleiben, die Wechsel zum Beispiel zwischen Versorgen und Arbeiten viel bewusster machen.

Das empfinde ich grade als eine wunderbare Übung und Herausforderung. Ein weiterer Schritt, mein Glück, meine Balance, mein Wohlbefinden unabhängiger von äusseren Umständen zu machen.

OK, das war jetzt doch ein ganz schöner Brocken für eine Schreibhemmung! War zwischen durch auch noch eine Stunde in einem sehr spannenden Termin.

Nun aber, zurück an die Arbeit…  😉

Der gerade Angekommene, der bald wieder Fahrende…

Berlin, 7:20, Tag 391

Heute Nacht habe ich erst von einer riesigen Baustelle einer Autobahn in einem Tal geträumt, auf der riesige Maschinen in Wasser standen, die Arbeiten gingen voran, wir fuhren daran vorbei. Aber ich musste irgendwohin zurück, G. will mich fahren. Wir kommen zu einem Hotel in der Stadt. Ich muss zum Flughafen, vorher noch meine Sachen holen. Wir krabbeln in einen Lift, der schräg nach oben fährt, wie eine Drahtseilbahn, eher eine Kiste aus Glas. Ein Seilzug im Boden zieht ihn hoch. Wir stocken, bleiben stehen. Eine geplante Reparatur auf halber Strecke, mir ist schwindelig. Ein Handwerker und ein Hotelangestellter beruhigen uns, ich klettere raus, schaue den Arbeiten zu, helfe und halte und schiebe den Lift wieder mit an. Schliesslich landen wir ganz oben… und ich wache auf.

So viel spannende, notwendige Dinge sind grade zu tun, in unterschiedlichen Gebieten. Ich stehe wie vor einem Berg. Verschiedene Ideen kommen auf, wie ich mit dieser Spannung umgehen kann.

Erstens könnte ich hier heute nicht schreiben müssen, dann habe ich ja mehr Zeit. Ich mach’s trotzdem und schreibe grade und nutz dabei die Zeit, meine Gedanken hier etwas sortieren und somit schon mal in den Machen- oder Erzeugenmodus komme.

Zweitens könnte ich mal schnell nachschauen, was so an Neuem im Netz passiert, da könnte es vielleicht Hilfe oder zumindest Ablenkung geben. Das hab ich aber schon gemacht heute morgen. Damit weiss ich schon mal, wie es durch Sandy in New York aussieht.

Drittens könnte ich meditieren und mich damit beruhigen und mich so selbst sortieren lassen, das hab ich sogar auch schon gemacht. Dabei habe ich wirklich eher gearbeitet, weil die wichtigen Termine und Herausforderungen auftauchten und ich sie vorbereitet, vorgedacht, vorgefühlt habe.

Viertens, könnte ich meinen Tag planen und einfach anfangen, die Dinge die anliegen abzuarbeiten. Aber welche Dinge sind das denn?  Und wann sind sie genau mit welchem Ergebnis fertig? Genau das sind die Fragen, die den Kern meiner Unruhe ausmachen.

Auf meiner Liste stehen heute zwei Meetings, die ich nie genug vorbereiten kann. Daneben am Donnerstag ein „Pitch“, eine Vorstellung unseres Projektes bei potentiellen Partner und Investoren, der nie gut genug vorbereitet sein kann. Daneben nächsten Mittwoch der nächste riesengrosse Vortrag vor 500 Leuten der europäischen Patentszene in Hamburg, der nie gut genug vorbereitet sein kann. Daneben noch ein super spannendes Beratungsmandat Ende November, für das ich nie ausreichend und gut genug vorbereitet sein kann. Daneben gibt es ja auch Tagesgeschäft bei mtc, das meine Aufmerksamkeit erfordert und davon nie genug bekommt. Und daneben gibt es noch so viele andere Dinge, die ich auch noch machen könnte und sollte…

Ich könnte jetzt für mich und die Firma die Dinge priorisieren und meine jeweils bis zu den vereinbarten Terminen verfügbare Zeit aufteilen und mich dann zu den Zeiten hinsetzen und dann „etwas“ machen, dass Notwendige, das Angemessene.

Aber in mir breitet sich Panik aus, es könnte sein, ich bin mal wieder im Revoluzzermodus: ich sehe, dass etwas (vielleicht ich?) nicht in Balance ist und ich suche, ich suche…

Es könnte sein, dass meine Seele noch nicht da ist, dass diese Panik jetzt, diese extreme Unruhe eine Folge des Reisens ist, des gestrigen Flugtages, der Umstellung. Ich erkenne ein Muster. Ich habe diese besondere Unruhe immer, wenn ich zurück hierher komme und wieder alleine bin und mich von Family First auf Business First umstelle.

Ich sehe dann andere Dinge, die mich stören, berühren, die mich aufregen und ärgern. Es ist ein anderer Blick. Es ist wieder der Blick von aussen auf mein Leben, auf meine Arbeit, meine Kollegen, meine Freunde, mein Umfeld hier. Dieser Blick von aussen ist dann besonders klar, wenn ich grade ankommen bin.

 

Der Blick verschwindet jetzt langsam in den nächsten Tagen wieder, ich passe mich an, ich passe mich ein, din dann nicht mehr der gerade Angekommene, sonder werde langsam wieder zum bald wieder Fahrenden…

Aufschreiben, wenn es uns richtig gut geht…

Noch Istanbul, 7:02, Tag 390

Heute Nacht mal wieder wild geträumt, erst mehrere Parties an einem Wochenende mit viel Alkohol, mein Vater war dabei und eine Bekannte aus einem Café in Berlin, die -wie sich später heraus stellte- das Catering übernommen hatte. Montag morgen, verkatert, dann die Nachricht, dass es am Nachmittag um 5 schon wieder weiter gehen würde. Ich fragte mich, wie sie die ganzen Servicekräfte wieder an den Start kriegen wolle, die grade erst in den Feierabend gegangen sind. Ich sah und roch die Partyreste. Dann ein Stall, ein Laufstall mit Kühen und einem klapperigen Bullen, der sobald er mich entdeckt hat, auf mich los sprintet, um sein Ego oder seine Kühe zu verteidigen. Ich hechte über einen Zaun, nur um direkt über/auf/neben einem riesigen schwarzen Schaf zu landen. Und wache weit vor dem Wecker auf…

Nun sitze ich hier schon wieder am Flughafen, wieder zwei Wochen allein in Berlin, nach nur einer Woche Istanbul. Dadurch dass ich zwei Arbeitswochen mit dem eingeschlossenen Wochenende in Berlin bin und nur eine Arbeitswoche mit den zwei umschliessenden Wochenende hier, fühlt es sich die Zeit in Berlin sehr viel länger an. Dabei stehen 10 Nächten in Istanbul „nur“ 11 Nächten in Berlin gegenüber.

Habe gestern ein wenig in alten Tagebüchern gelesen, die ich hier im Laptop geschrieben hatte. Meist ging es um meine Träume, von denen ich aber nur die wirklich beeindruckenden, langen Geschichten aufgeschrieben habe, das passierte nur so alle paar Monate. Dann habe ich früher nach Streits oft aufgeschrieben, was passiert war. Als Mahnmal, um nicht zu vergessen und daraus lernen zu können. Wenn ich mir das jetzt durchlese, kommt mir das alles ziemlich surreal vor, als ob das nicht ich war, der damals mit gestritten hat. Ich schaue auf die Automatismen, auf die Abläufe zurück und sehe vor allem, die sich immer wiederholenden Muster bei ihr und auch bei mir. Und ich sehe auch die Entwicklung, die unsere Beziehung genommen hat.

Aber nach drei Beschreibungen habe ich aufgehört zu lesen und beschlossen, dass ich solch ein privates Erlebnistagebuch in Zukunft unbedingt auch die tollen Momente enthalten muss. Ich möchte viel lieber die Automatismen und die Abläufe verstehen, wenn es uns richtig gut geht, wenn wir schweben und wir unsere Liebe zu uns und zum Leben so richtig spüren können. Zum Teil versuche ich das hier ja schon öffentlich zu machen, ich bemerke, wie selten und wie wenig ich mich hier über etwas aufregen möchte.

Wir können uns immer entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken wollen, was wir verstärken, betonen, besonders erinnern möchten. Es sind Kleinigkeiten, es sind nur kurze Momente, die wir notieren können, die wir irgendwo kurz festhalten. Meine Einsicht ist, dass wenn wir uns dabei etwas mehr auf die sonnigen Momente konzentrieren, wir uns selbst helfen, diese positiven Seite an uns und in unseren Beziehungen zu stärken.

Gestern zum Beispiel war ein sehr durchmischter Tag, meiner Seda geht es grade nicht so gut, wir haben viel mit ihren Problemen zu tun gehabt. Ich könnte jetzt nichts machen und den Tag einfach unter „nichts besonderes“ verbuchen, oder aber darüber jammern, dass unser letzter Tag dadurch verloren war oder aber, ich könnte hier einen der Momente aufschreiben, der schön war.

Gestern haben wir nach dem Aufstehen das erste mal zu Dritt zusammen meditiert. Nur  10 Minuten, aber die waren wunderschön. Ich hab den beiden geholfen, in dem ich sie durch die Meditation geführt habe. Wir waren ruhig, haben unseren Atem gespürt, unsere Unruhe und haben uns angelächelt und ich hatte das seltene Gefühl, dass sich der Raum in meinem Kopf, um mich herum massiv ausdehnt…

Dieses schöne Erlebnis möchte ich erinnern, dies möchte ich stärken! Die schönen Momente in unserem Leben geben uns die Kraft, um die Schwierigkeiten zu überstehen, zu bewältigen. Es gab noch viel mehr schöne Momente, die jetzt langsam alle wieder hoch kommen, der Brunch, das Basteln, das Abendessen. Überall gab es trotz der Probleme kurze Momente der Freude, des Lächelns. Und genau darum geht es im Leben, um unsere Entscheidung…

Ok. Jetzt ist Boarding, ich muss mich beeilen und drücke schnell ohne langes Korrigieren und Verbessern auf Senden!

 

Wünsche Euch allen einen ganz wunderbaren Start in die neue Woche…

Nach einer durchlesenen Nacht…

Istanbul, 8:37, Tag 388

Heute sind alle Träume weg. Ich war Essen mit Freunden aus Beirut, dann habe ich gelesen und nicht aufhören können mit „The Girl with Dragon Tattoo“. Um vier bin ich erst eingeschlafen, um sieben kam Aleyna und wir starteten gaaanz langsam. Jetzt ist schon Brot geholt, habe die fehlenden Filtertüten trotz geschlossenem Supermarkt bekommen und frischen Orangenmöhrengranatapfelsaft gibts auch. So kann ein Samstag anfangen.

Eine Nacht durchgelesen, das habe ich schon Jahre nicht mehr gemacht… nun ist aber der Tag schon in vollem Gange. Und für Euch hab ich nur ein paar gestrige Bilder: Sultanahmet und die Galatabrücke und die Fähren waren soooo voll, wie ich es noch nie hier erlebt hatte.

Dann kurz nach Sonnenuntergang auf dem Rückweg von Kadiköy.

Und abends kurz vorm Essen in Arnavutköy am Ufer die Angler, die bis nach Mitternacht dort geblieben sind…

Und zum Schluss die Ruhe kurz nach dem Sonnenaufgang in Gayrettepe.

Wünsche Euch allen ein ganz wunderbaren Samstag!

Über fachliche Führung…

Istanbul, 7:37, Tag 387

Heute Nacht war ich in einem Hotel ohne meinen richtigen Ausweis und immer in Gefahr auf dem Weg ins Parkhaus von Sicherheitskräften aufgegriffen zu werden. Ich kam durch und landete in einer Konferenzzone mit indischen Kollegen. Sie verpackten und verkauften dort Blumen, dem ich an einem grossen runden Tisch zuschauen konnte. Einer nahm mich beiseite und erklärte mir, das wirkliche Geld würden sie damit verdienen, da sie einen Weg gefunden hatte, Firmenlogos auf den Blütenblätter einzubrennen und das würde grade der absolute Renner sein, über 35.000 Blütenblätter könnten sie in einer Stunde mit dem Wunschlogo versehen, vor allem die Japaner seien verrückt danach. Der Wecker holte mich nach kurzer Nacht da raus…

Bin noch unentschieden, wie ich meinen aktuellen Zustand benennen soll: (wieder mal) unruhig, ungeduldig ist wohl am Einfachsten. Hier sind ja Ferien und es gelingt mir nicht, einfach mal die beiden Tage frei zu nehmen. Irgendwie darf das nicht sein, ist ja ungeplant, ich hab ja keinen informiert und eigentlich so viel zu tun. So lebe ich also mit einem schlechten Gewissen, kann den halb freien Tag nicht richtig arbeiten und auch nicht richtig geniessen, doof.

Ich fürchte, dass ich nächste Woche nicht genügend Zeit haben werde, mir das in der Vorbereitung fehlen wird, blablub. Das sind (meine) Probleme! 😉 Na, wenn’s weiter nichts ist, denk ich dann wieder und versuche mich zu entspannen und mein am Leben sein, zu geniessen ohne die ganzen Bewertungen.

Vorhin hatte ich einen Einfall, dass ich eines meiner aktuellen Themen hier mal etwas systematischer ausbreiten möchte. Vor ein paar Tagen hatte ich hier schon mal über Führungsstile geschrieben. An dem Thema hat es weiter gearbeitet in mir und mir lief eine Definition über fachliche Führung über den Weg, die die vier Stile noch gut ergänzt.

Und weil ich Fragen immer öfter viel spannender finde, als Antworten, habe ich versucht, die fachliche Führung durch Fragen zu definieren. Also los geht’s, fachliche Führung besteht aus

Inhaltlichem Coaching…

  • Wie kann man das machen?
  • Womit kann man anfangen?
  • Welche Wege gibt es noch?
  • Welche Möglichkeiten gibt es noch?
  • Was brauchen wir alles dafür?
  • Haben wir alles?
  • Wer kann noch helfen?
  • Wer hat das schon mal gemacht?

Abstimmung mit anderen Führungskräften…

  • Was machen die anderen?
  • Wo gibt es Zusammenhänge?
  • Welche Abhängigkeiten bestehen?
  • Welche Auswirkungen hat das?
  • Wie können wir helfen?
  • Wer kann uns helfen?

Verlässlichkeit im Team erzeugen…

  • Was genau ist gemeint und beabsichtigt?
  • Wann wird etwas fertig?
  • Wie werden Unregelmässigkeiten kommuniziert?
  • Wie gehen wir mit Abweichungen um?

Rollenklärung herbeiführen…

  • Wer ist verantwortlich?
  • Welche Rollen sind unbesetzt?
  • Sind alle Teammitglieder integriert?
  • Hat jeder einen, seinen Platz und Aufgabe?
  • Hat jede Aufgabe einen Verantwortlichen?

Transparenz herstellen…

  • Warum machen wir das?
  • Welchen Zweck verfolgen wir?
  • Welches Ergebnis wollen wir erreichen?
  • Was sind die Kriterien für den Erfolg?
  • Welchen Sinn hat das?
  • Welche Interessen werden berücksichtig?
  • Wie erfolgt die Kompensation?

Also ich werde meine Gedanken zur zukünftigen Entwicklung von emptysea.de hier in der nächsten Zeit öfter mal thematisieren, vielleicht lass ich dafür auch einen eigenen Menüpunkt oben springen.

So, und nun gebe ich meiner Unruhe nach und schliesse diesen Post nun schnell mit einem hektischen Lächeln ab.

Wünsch Euch einen tollen Freitag…

Zwei Fundstücke: Zen Pencils und Funders und Founders

Istanbul, 8:10, Tag 386

Heute Nacht habe ich den Schlüssel in meinem Cabrio auf dem Parkplatz stecken lassen und abends, nach der Arbeit, war er natürlich weg. Ich überlegte, was die Polizei wohl dazu sagen wird, wenn sie erfährt, dass ich den Schlüssel im Auto gelassen hatte. Den Tag verbrachte ich in einer Schule oder einem Krankenhaus zu Besuch bei Bekannten. Ein komischer Traum, in dem ich mich kurz vor dem Wecker befand.

Ein alter Post von 2008 über Randy Pauschs letzte Vorlesung ist mir heute morgen wieder in Erinnerung gekommen, weil ich bei den zenpencils.com die Comic Umsetzung eines meiner Lieblingszitate aus seiner Vorlesung gefunden habe.

Und hier bei den Funders and Founders habe ich auch noch schicke Grafik gefunden, die ich heute mit Euch teilen möchte. Ein paar Sachen benutzen wir bei emptysea.de ebenfalls intensiv seit Jahren, ein paar Sachen kannte ich noch gar nicht. So habe ich wieder mal die Chance, dem Team, unserem Projekt ein paar neue Impulse zu verleihen. 😉

Für später schreib ich doch mal gleich auf, was wir aktuell so alles bei uns benutzen.

  • Bug Tracking, Project Management: Jira, aber auch Basecamp und seit Neuestem auch scrum.do
  • Databases: MySQL, MS SQL und PostgresSQL
  • Frameworks: Django, .NET, Spring und seit Neuestem auch backbone.js
  • Editoren: viel Eclipse, ich spiel ab und zu mit Xcode rum
  • Storage: Dropbox, selten mal GoogleDrive und selbst
  • Web Hosting: AWS, Heroku und selbst
  • Version Control: Git/Github

Ein paar Sachen lass ich aber weg, da wir wirklich viel, eigentlich alles zumindest kennen und schon mal benutzt haben. Wir machen das ja auch schon eine Weile und fast jeder Kunde hat andere Anforderungen gehabt und sich im Laufe der Zeit auch weiter entwickelt. Unsere Toolentscheidungen überlasse ich sehr gerne dem jeweiligen Team und versuche nicht religiös an bestimmten Entscheidungen hängen zu bleiben.

Die ganze Türkei feiert heute das Opferfest, alle Läden sind geschlossen. Wir machen ganz ruhig auf Familie, haben uns gestern eingedeckt mit allem Notwendigen, um einen schönen ruhigen Tag zu verbringen…

İyi bayramlar!

Sechs Fragen zu Open Data und Patent Informationen…

Istanbul, 7:38, Tag 385

Heute Nacht habe ich einer unerfahrenen jungen Familie mit ihrem Baby geholfen. Ich wollte es füttern, aber bei der Zubereitung des Breis ging alles schief, statt eines gesunden Mixes liessen sich nur einzelne Bestandteile in die Schale befördern, so dass entweder nur Flocken oder nur Honig darin war. Sollte ich dem Baby nur Honig geben? Die Eltern waren mit ihrem Gepäck beschäftigt, ich wollte Fotos der ersten Stunden machen. Im nächsten Moment konnte das Baby schon erste Worte sprechen, ich wunderte mich sehr darüber. Mein Traum endete damit, dass ich einem Bekannten auf seiner Baustelle zusah, die sich an einer Mauer über einem Biergarten befand, den er dort illegal für die Handwerker betrieb. Ich hörte an der Mauer stehend ein Notstromaggregat brummen, aber scheinbar befanden sich die Gäste im Schallschatten… ich wachte wieder zeitig vor dem Wecker, trotz späten Zubettgehens, auf und freute mich über ein ruhiges Aufstehen. Heute hat Aleyna schulfrei.

Gestern habe ich einen Vortrag vorbereitet, den ich vielleicht Ende November halten darf. Mal was Neues für mich: denn es sind drei kurze Standup Acts geplant, beim jährlichen Abendessen des gesamten Managements eines Handelskonzerns und dann am nächsten Morgen die Auflösung in einem halbstündigem Vortrag mit Diskussion. Wieder zu meinem Thema Digitaler Wandel. Drückt mir mal die Daumen, dass ich den Auftrag bekomme.

Dann habe ich auch ein paar Fragen zu Open Data und Patent Informationen entwickelt, die -wenn ich Glück habe- in dem Super User Workshop auf der Patent Informations Conference des EPO auf die Agenda gelangen. Daneben gibt es noch eine eigene Open Data Discussion Round auf der Konferenz, bei dem wir sicher ganz ähnliche Fragestellungen diskutieren werden.

  1. Gibt es beim DPMA/in Deutschland Planungen für ähnliche Initiativen wie die data.epo.org Initiative des Europäischen Patentamtes?
  2. Gibt es Planungen seitens des BMJ in den verschiedenen eGovernment Initiativen des Bundes/der Länder die Patent Informationen zu positionieren, wenn nein, wie könnte dies erreicht werden?
  3. Sind Vertreter vom BMJ oder dem DPMA/dem EPO im IT Planungsrat vertreten? Wenn nein, wie könnte eine Teilnahme erreicht werden.
  4. Es gibt Planungen im BMI für ein ebenübergreifendes Online Portal für Open Data, dessen Prototyp im Januar 2013 bereit gestellt werden soll. Werden Patent Informationen, die elektronische Akteneinsicht oder andere Verwaltungsdaten des DPMA/Bundespatentgerichtes oder des BMJ in diesem Portal bereit gestellt werden? Wenn nein, wie könnte das erreicht werden. (s.a. Link zur Studie Open Government Data Deutschland)
  5. In der Studie wird das amerikanische Pilotprojekt „Peer to Patent“ als Beispiel für Bürgerbeteiligung bei der Bearbeitung von Patentanträgen zweifach erwähnt. Gibt es Planungen/Überlegungen für ein ähnliches Portal auf europäischer, deutscher Ebene? Wenn ja, wie und wo könnte eine solches Portal angesiedelt sein?
  6. Gibt es Überlegungen im DPMA, EPO, ARPAD, PUIG oder PATCOM sich in Vereinen wie Government 2.0 Netzwerk Deutschland oder Open Knowledge Foundation Deutschlandzu engagieren, die mit populären Initiaten wie Apps für Deutschland oder Frag den Staat bzw. mit Veranstaltungen wie den Münchner Open Government Day (MOGDy) mit organiseren?

Der Super User Workshop hat eine sehr große Aufmerksamkeit und Reichweite in der Szene, ich bin schon gespannt, wie das Thema in diesem Jahr in der Szene weiter vorankommt. Die Patent (Information) Professionals halten sich für Vorreiter der Open Data Bewegung, da die Patent Informationen schon seit Anbeginn öffentliche Daten sind, denn Patentschutz wird nur nach der Publikation der Details der Erfindung gewährt.

Und eigentlich wollte ich es heute mit meinem Traum bewenden lassen und nur zwei Bilder posten. Einmal von gestern Nacht: da gab es hier ein superlanges, lautes, helles Gewitter. Meine Aussicht ist nicht so toll und ich habe bemerkt, dass ich keine Ahnung von Gewitterfotografie habe. Beim einzigen, richtig nahen Blitz, habe ich vor Aufregung die Kamera verrissen.

Und das zweite, weil das Gerüst an unserem Haus endlich abgebaut wurde und ich wieder freie Sicht auf den Sonnenaufgang habe. Nun kann ich mich wieder aufs Möwen fangen konzentrieren.

So ist es nun aber irgendwie viel besser! Wieder mehr Stoff zum Nachdenken, wieder ein Stück Text mehr zu  meinem Thema in der Welt hier draussen zu lesen. Das mag ich!

Und mit einem vorfreudig, gespannten Lächeln wünsch ich Euch einen wunderschönen Tag!

Ein bebilderter Morgenspaziergang durch Istanbul…

Istanbul, 7:48, Tag 384

Heute Nacht habe ich Steine von einer Klippe auf einen Bus geschmissen. Eben sassen wir noch im Bus und haben Essen bestellt und gewartet und plötzlich fand mich oben auf einer Klippe wieder. Unten auf dem Busdach, die Einschläge waren brutal, kletterte ein Bekannter herum, er war nie in Gefahr getroffen zu werden. Ich wachte nach kurzer Nacht eine Stunde vor dem Wecker auf…

Heute gibt es nur ein paar Bilder. Fühle mich wie mit einem Kater nach dem lange, anstrengenden Post von gestern. Den Start macht der gestrigen Sonnenaufgang kurz vor Acht in Ortaköy. Das Wetter im Herbst wird dramatisch, ich freue mich schon auf die Novembernebel dort unten.

Weil ich so zeitig unterwegs war und die Cafés alle noch geschlossen hatten, habe ich die nächstbeste Fähre genommen, die mich nach Eminönu an die Galatabrücke gebracht hat. Dort gibt es die Neue Moschee, die Yeni Cami, die ich sehr mag und die sehr exponiert auf einem grossen Platz vor dem Gewürzbasar steht.

Es gibt alte Frauen und Männer in kleinen Häuschen, die Taubenfutter verkaufen. Es sieht schrecklich aus, wenn die Bürokratie ihr Werk getan hat und ein ehemaliger Nebenverdienst von cleveren Rentern nun ein „Business“ geworden ist. Hier im Schatten seht ihr drei der Häuschen.

Die Tauben vor der Treppe in die Moschee machen ganz schön Dreck, sind aber vor allem für Pärchen ein sehr beliebtes Fotomotiv.

Die Moschee selbst ist der Knaller, nicht so gross wie die Blaue Moschee, aber mindestens so schön und vor allem, sehr viel leerer.

Mein neues Weitwinkel ist doch ein tolles Objektiv, oder? Hier habe ich eine der Hauptsäulen nach oben ins Dach fotografiert.

Mit einem schnellen Umweg über den Gewürzbasar wollte ich mir ein neues Arbeitscafe suchen.

Aber hatte ich schon erwähnt, dass das Objektiv spitze ist? 😉

Am anderen Ausgang des Basars, habe ich einen Laden entdeckt bei dem Menschen nach Kaffee anstanden. Das hat mich kurz an ganz früher – an die Zeiten von Rondo Kaffee – erinnert. Bestimmt Zwölf solcher Jungs verpackten und verkauften an drei Fenstern frisch gemahlenen Kaffee in frisch verpackten Tüten an vornehmlich morgenmüde Einheimische.

Das ist wirklich mit normal Geschwindigkeit hier abgespielt… Hammer, oder?

Ein wenig Interesse, ein wenig Bewunderung für die Fingerfertigkeit und schon hat man neue Freunde, tauscht sich über Fussballvereine und über die Preise für Handys hier und dort aus. Dann gabs ein Gruppenbild…

Und dann gabs sogar ein Bild von mir mit einem nagelneuen Samsung Galaxy III aufgenommen und per Bluetooth an mein Handy übertragen. Man waren die Jungs stolz, als das klappte. 😉

Dann habe ich mich auf der Galatabrücke in ein Café gesetzt, bis Mittags der Akku vom Macbook alle war und ich zu Hause weiter gemacht habe.

So denn, hier sind nun schon mein Scrum Review und ein Vor und das richtige Scrum Planning durch. Es ist fast um 11 und ich verabschiede mich von Euch in den Dienstag mit einem Lächeln.

Aber nicht ohne ein Bild von heute morgen: diesmal Langzeitbelichtungen eines Gewitterleuchtens von überm Schwarzem Meer.  Das Gewitter war so weit weg, dass nicht einmal der Donner zu hören war. Es blitze nur indirekt die Wolkenunterseiten hell… schön und sehr beeindruckend.

Wünsch Euch einen tollen Tag!

Übers dienen und verdienen…

Istanbul, 6:54, tag 383

Heute etwas zeitiger aufgestanden, schon geduscht, meditiert, Frühstück vorbereitet und weil Montag ist, sogar mal wieder Kaffee und keinen Tee gekocht und schön geträumt. In einem Einkaufszentrum bin ich umher gelaufen, fast so wie am Alex, mit wunderschönen Rolltreppen, ich bin nur durchgelaufen, habe dann in einem kleinen Zimmer am Rande eine flammende Rede gehalten, gegenüber an einem Tisch, wie bei einem Verhör, sass Ex-bundespräsident Herr Wulff und musste meinen Worten über Redlichkeit zuhören, es war 1:22 als ich auf den Wecker schaute. Später brate ich Zwiebeln in zwei großen Brätern gleichzeitig für Meike und Sascha Lobo. Wir sind in einer Hütte im Märchenwald von gestern, aus was für Gründen auch immer. Die Zwiebeln sind fertig, schliesslich renne ich weg von der Szene und einer mir unbekannten Frau hinterher, die von einer Gruppe Männer verfolgt und mit Pfeil und Bogen angeschossen wird. Sie zieht sich die Bluse aus und betrachtet neugierig den Pfeil in ihrer Schulter, es scheint nicht weh zu tun. Wir kommen in einem Haus an und bitten jemanden, die Reputation der Herren mit dem Bogen zu überprüfen. In dem Moment haut der Wecker mich aus dem Traum raus…

Die meisten Türken verstehen Körpersprache, wie niemand sonst, die ich kenne. Die kellner im Manolya, in dem ich manchmal abends sitze, checken regelmässig mit ihren Blicken alle Tische: den Füllstand der Getränke, der Platz auf den Tellern, die Länge der Zigaretten, die Richtung der Blicke der Gäste. Zieht irgend etwas ihre Aufmerksamkeit an, setzen sie sich in Bewegung. Man kann so mit einem kleinen Fingerzeig auf sein leeres Teeglas, eigentlich mit einem Blick und einem Zwinkern einen weiteren Tee bestellen. Es gibt auch Fingerbewegungen für die Rechnung und welche fürs Abräumen.

Die meisten Restaurants in Istanbul sind hochgradig arbeitsteilig mit sehr viel Personal organisiert. Es gibt eigene Funktionen fürs Begrüßen, für die Bestellungen, für die Getränke, fürs Abräumen sowie für allgemeine Sauberkeit und die Kasse. Die erst- und die beiden letztgenannten Funktionen in einfacher Ausführung für das gesamte Restaurant, die anderen sind nach Tischgruppen sortiert mehrfach vorhanden.

Nach meiner Beobachtung ist die Aufmerksamkeit der unteren Hierarchien in günstigen Restaurants meist ausgeprägter, also bekomme ich viel eher Kontakt zu den Abräumern, die dann aber schnell Verstärkung anfordern, wenn man sie mit Aufgaben betrauen möchte, die ausserhalb ihres Zuständigkeitsbereiches liegen. In teuren Läden ist es umgekehrt, dort sind die Oberkellner eher Gastgeber und ausserordentlich zuvorkommend, aufmerksam und beweisen somit eindrucksvoll, dass sie ihre hohe Position jeden Abend zurecht verdienen.

Dagegen in Deutschland, da vermisse ich diesen grad an Aufmerksamkeit schmerzhaft. In meiner Heimat Berlin hat Service meist etwas mit der Einhaltung von Regeln, dem Abspulen von Prozessen, dem Befolgen von Anweisungen zu tun. Sicher, es gibt Ausnahmen. Die führen dazu, dass ich mir den Laden für eine Wiederholung merke, denn sie sind so selten.

Das bringt mich zu einer Geschichte, die ich letzten Donnerstag Abend im Kiez gehört habe. Es ging darum, mit welchen unterschiedlichen Konzepten man in Berlin Kreuzberg ein Café führen kann.

Das erste Konzept ist das Mehr Umsatz Konzept. Man hält alles, was man an Essen verkaufen möchte, in ausreichender Anzahl zur Verfügung, man kann also immer alles verkaufen, wann auch immer es ein Gast bestellt. Die Küche ist damit immer besetzt, der Service wird zu den Stosszeiten verstärkt. Man versucht, den Laden so lange wie möglich offen zu halten und macht guten Umsatz und vermutlich auch einen schönen Gewinn von sagen wir mal: 10% vom Umsatz. Bei einem Café in Kreuzberg könnten das also etwa 2.000€ durchschnittlicher Tagesumsatz sein, von denen dann 200€ hängen bleiben. Etwa 6.000€ pro Monat als Gehalt für den Besitzer, der davon ja auch noch die Investitionen in das Café finanzieren darf. Ich würde aber sagen, damit läuft der Laden richtig gut.

Das zweite Konzept ist das Mehr Gewinn Konzept. Dort schaut man sich an, welches Essen man überhaupt verkaufen möchte und vor allem, wie viel davon. Zum Beispiel werden früh 50 belegte Brötchen verkauft. Wenn die Brötchen gegen Mittags alle weg sind, gibt es keine neuen mehr. Damit kann man den Einkauf optimieren, man hat immer frischeste Ware im Angebot und man spart sich die Dauerbesetzung der Küche. Vermutlich macht man etwas weniger Umsatz, da nachmittags und abends nun kein oder nur noch haltbares Essen verkauft wird. Ähnlich verhält es sich mit den Öffnungszeiten, ein Café in dem es nur eine sorte Flaschenbier gibt, kann abends um 7 eigentlich schliessen. Damit wird man dann vielleicht nur 1.200€ Tagesumsatz machen, aber es bleibt ein Drittel, also 400€ übrig, was dazu führt, dass man mit diesem Konzept etwa das doppelte an Gewinn am Monatsende auf seinem Konto vorfindet: und das mit weniger Kunden, mit weniger Produkten, mit kürzeren Öffnungszeiten und mit weniger Personal.

Ich beobachte beide Konzepte in der Bergmannstrasse: Barcomis, Brezelbar und Coffee Cult fahren sehr wahrscheinlich nach dem ersten Konzept, der Umsatzmaximierung. Die Espressolounge und das Cucuma werden sehr sicher mit dem zweiten Konzept geführt.

Mein eigenes Unternehmen, die mtc, ist sehr lange mit dem ersten Konzept sehr gut gefahren. Egal, was ist, die erste Antwort gegenüber dem Kunden ist immer: ‚Klar, können wir das das. Klar, machen wir das‘ gewesen. So wurde ich in der Sparkasse und in den ersten Jahren meiner Berufstätigkeit ausgebildet. Diese Einstellung wurde für mich zum Inbegriff von gutem Service. So habe ich es später in als ich in meiner eigenen Firma arbeitete auch gehalten. Der Kunde hat immer recht. Einzig die Wünsche des Kunden zählen. Wenn der Kunde in einer Sparkasse Pizza bestellen möchte, dann greift man eben zum Hörer und bestellt Pizza. Wenn der Kunde eine unsinnige Funktion programmiert haben möchte, ein überflüssiges Konzept braucht: Klar, können wir alles machen, hier ist das Angebot, dort unten links bitte unterschreiben. Voilá.

In den letzten Jahren entdecke ich mehr und mehr, den Charme des zweiten Konzeptes. Vielleicht stellt sich diese Einsicht mit dem Alter ein, vielleicht mit andauerndem Erfolg (toi, toi, toi!). Vielleicht liegt es auch daran, dass ich aufmerksamer durch meine Welt laufe und mir viel mehr daran gelegen ist, Optionen und Alternativen zu dem scheinbar unvermeidlichem Arbeitsstress zu entwickeln.

Als ich donnerstags die Geschichte von mehr Umsatz vs. mehr Gewinn hörte, fand ich sie erstmal nur interessant.

Am nächsten morgen sass ich im Termin mit meinem größten Vertriebspartner und wir waren drauf und dran, wie immer eigentlich, zu überlegen, welche Features wir brauchen, wie wir Neukunden kriegen, was wir machen müssen, um weiterhin mit unserem Patent Informationsprodukt erfolgreich zu sein.

Mitten in der Diskussion bemerkte ich, wie mir plötzlich schlecht wurde. Vielleicht von der vielen Arbeit, die sich langsam vor uns auftürmte und mit jedem Satz, mit jeder Idee zunahm. Vielleicht auch von den Unsicherheiten, ob es denn diesmal besser werden würde. Oder vielleicht wurde mir schlecht davon, dass wir in den letzten sieben Jahren wirklich jeden Euro wieder in das Produkt, in Mitarbeiter, in Service investiert haben. Und wir alles probierten, um den Umsatz zu steigern oder zumindest zu halten, was uns auch unter vielen Schmerzen und begleitet von vielen Konflikten auch tatsächlich gelungen ist.

Ich schaute auf die Kekse auf dem Teller vor mir und mir fiel das Gespräch vom Vorabend ein und ich entwarf ganz spontant eine Alternative zum unvermeidlich erscheinenden Abrackern, besser, schneller, weiter, höher.

Ich sagte einfach: vielleicht sollten wir nach sieben Jahren einfach mal die Preise um 20% anheben. Wir werden vermutlich die Hälfte unserer Kunden verlieren. Wir werden genau die Kunden verlieren, die das Produkt nicht wirklich, nicht zwingend und nicht unbedingt brauchen, diejenigen, die nicht mal ungefähr wissen, wieviel ihnen unser Produkt wert ist. Die anderen werden den höheren Preis akzeptieren. Wir werden vielleicht keine Mio Umsatz mehr machen, vielleicht nur noch die Hälfte. aber wir werden vermutlich genauso viel Gewinn machen, wie heute auch. Und ich erzählte die Geschichte von den unterschiedlichen Cafés hier im Kiez.

Plötzlich bemerkte ich, dass sich zum ersten mal in sieben Jahren eine wirklich Alternative zu dem unvermeidlichen: wir tun alles für den Kunden und vergessen uns dabei fast selbst auftat. Mein Unwohlsein verschwand und ich bekam Hunger!

Aber egal welches Konzept wir in Zukunft bei uns stärker anwenden werden, eines weiss ich ganz genau: ich möchte, dass wir die türkische Art des achtsamen Dienens, des aufmerksamen Kommunizierens mit sparsamen Gesten bei uns stärken. Dies ist für mich der Schlüssel zu erfolgreichem Servicegeschäft, ohne das können beide Konzepte nur mittelmässig erfolgreich sein. Davon bin ich wirklich überzeugt. Und genau nur aus diesem Grund bin ich seit kurzem -nach über vier Jahren- nicht mehr gerne in der Espressolounge, sondern lieber im Coffee Cult. In der Espressolounge werde ich nur noch bedient, im Coffee Cult werde ich auch nur bedient, aber man geht dabei in Kontakt mit mir. Ein kleiner Unterschied, den viele vielleicht spüren aber nicht beschreiben können.

Versteht ihr, was ich meine?