Aus Ungeduld wird Achtsamkeit…

Istanbul, 7:31, Tag 364

Es drohte ein Albtraum zu werden, nachdem ich das Motorrad gekauft hatte. Endlich mal wieder, eine grossartige Maschine, in einer Werkstatt, die links von mir lag. Vor mir eine Art Bungalow, in den ich einziehen sollte. Warum ich nicht einfach weggefahren bin, keine Ahnung. Es braute sich etwas zusammen, es wurden schreckliche Dinge in der Werkstatt veranstaltet. Ich fing an zu planen, steckte eine Gabel ein, suchte nach dem Schlüssel, probierte ihn aus, um die Tür wirklich verriegeln zu können. Dann kamen die Opfer an und liefen durch die Werkstatt. Der Meister ahnte, dass ich etwas ahnte, was mich in grosse Gefahr brachte. Zum Glück wachte ich eine Minute vor dem Wecker auf…

Was schreibe ich denn heute, am vorletzten Tag meines 1-jährigen Tagebuches. Ich hab es tatsächlich fast geschafft. Jeden Tag, ein ganzes Jahr lang, egal was war. Oha, bin stolz und etwas überrascht! Habe ab und zu damit gerechnet, dass ein Unwetter, ein Streit, eine schlimme Erkältung, irgend etwas verhindern, dass ich hier posten kann. Ich hatte sicher auch riesiges Glück, bei aller Anstrengung, die es manchmal auch gekostet hat, ein Pausenpost ging immer.

Um eines klar zu stellen: ich werd sicher weiter jeden Tag schreiben und dokumentieren, was mir so im Kopf rum schwirrt, nachdem ich aufgestanden bin, wovon ich geträumt habe, wovon ich träume und was ich sehe, was mich beschäftigt. Ich möchte die vielen Sachen hier ein wenig aufbereiten, ein wenig sortieren, analysieren in den nächsten Tagen.

Ich denke jetzt an unser Fahrt aufnehmendes Open Patent Data Projekt und an all die Kollegen in Berlin, denke an die Vorträge und Reden und Workshops, die in den nächsten Monaten anstehen, an das Größer werden meiner Tochter, an das Größer werden der Liebe zu meiner Frau, an die vielen, vielen Optionen und Möglichkeiten, mein Leben zu leben, ich denke an die letzte Woche in Andalusien mit den Pferden und den anderen

Mein bloggen hier hilft mir sehr, mich auf das Schöne, das Gute, das Helle, das Leichte zu konzentrieren und es hilft mir, meine Ungeduld in Achtsamkeit zu wandeln. Ich reflektiere öffentlich, was passiert in meinem Leben. Ich nutze das öffentliche Wort, das laute Sprechen mit mir selbst, das Sprechen mit dem Universum, mit Gott, wenn Du willst.

Ich nutze das bloggen hier, um im Prozess zu bleiben, um mich zu ermahnen, nicht stehen zu bleiben, denn es geht immer nur ums tun, ums machen, ums los laufen, ums aufschreiben. Es geht immer nur darum, nur etwas zu tun. Denn unser Tun ist das einzige, was bleibt. E ist das einzige, was bleibt von uns, das einzige, was uns allein gehört. Unser Tun ist unser einzig wahrer Besitz.

Im übrigen stand Meine Ungeduld auf der verbrannten Hälfte des dritten Zettels vor drei Tagen am Strand.

Achtsamkeit stand auf der Hälfte des selben Zettels, die ich aufgehoben habe. Meine Ungeduld mit mir selbst und anderen, mein unwirsch sein, mein sauer werden, mein zickig sein, wenn etwas nicht so läuft, wie es laufen könnte. Ich sehe doch wie es sein könnte, wenn sie die anderen nur ein klein etwas mehr anstrengen würden.

Diese Ungeduld, mein größter Fehler und gleichzeitig mein stärkster Antrieb, versuche ich – auch mit Eurer Hilfe hier – in Achtsamkeit zu wandeln. Und ihr schaut dabei zu, ihr könnt mir -dank dieser genialen Erfindung Internet- dabei zu schauen, wie ich mich anstelle, egal wo ihr seid. Ihr werdet sehen, wie es mir mal mehr und mal weniger gut gelingt.

Ich sag heute schon mal danke für Euer treues Lesen, für die vielen Likes und Kommentare und die Mails, die ihr mir zu Aufmunterung, als Ansporn oder auch nur einfach so geschrieben habt. Danke, für jede Eurer Sekunden, für diese Unterstützung durch Eure Aufmerksamkeit, durch Eure Zeit, es macht mich stolz und glücklich und gibt dem Schreiben hier erst seine eigentlich Bedeutung. D A N K E!

Aber apropos Achtsamkeit: die kurdischen Jungs an unserem Apartment sind verrückt. Ohne Sicherung und ohne Leitern klettern die in dem Gerüst herum. Auf dem ersten Bild hieven sie die Bretter grade eine Etage höher.

Hier klettert einer der Beiden gerade runter in den Feierabend.

Ich habe kurz rausgeschaut und mir wurde fast schlecht, als ich mir vorstellte, hier einfach nur am Gestänge runter klettern zu müssen. Wir bewegen uns grade ganz vorsichtig in der Wohnung, um sie nicht durch plötzliche Bewegungen zu erschrecken.

Völlig verrückt! Auch hier spielt Ungeduld eine Rolle, die Ungeduld, schnell und billig fertig werden zu wollen.

Der Preis der Ungeduld ist eine extrem hohe Aufmerksamkeit bei den Arbeitern, deren Leben bei einem einzigen Fehltritt in grosser Gefahr ist.

Meine Ungeduld hat nicht die gleichen Konsequenzen, aber einen ähnlich hohen Preis. Es ist zwar kein Leben in direkter Gefahr, nur weil ich bei unseren Projekten Kosten sparen oder schneller fertig werden möchte.

Die Folgen meiner Ungeduld sind subtiler, sie kostet -ähnlich wie im Gerüst- einen ähnlich hohen Anteil an Aufmerksamkeit, der nicht für die eigentlich Tätigkeit zur Verfügung steht.

Da keine Energie verloren gehen kann, ist der Gesamtpreis für die Wärmedämmung am Haus oder für unsere Projekte immer gleich hoch, hier zu Lasten der Gesundheit der Arbeiter. Ähnlich ist es in unseren Projekten, meine Ungeduld entzieht dem Team Energie zu Lasten ihrer Produktivität, ihrer Kreativität.

Wenn man es schafft, seine Ungeduld zu transformieren, dann steht ganz einfach mehr Energie für den eigentlich Job zur Verfügung. Für eine höhere Achtsamkeit, etwas zu tun, ohne es zu bewerten, ohne zu ver- oder zu beurteilen, um einfach schauen zu können, was jetzt dran ist, was das Team jetzt von einem braucht, was man jetzt selbst tun kann.

Jeder möchte etwas Tolles machen in seinem Leben, in seinem Job, etwas worauf man selbst und worauf sein Umfeld stolz sein kann, wenn man es zeigt, wenn es fertig wird.

Aber all zu oft dämpfen wir unsere Ungeduld, dieses ständige Werten und Vergleichen und Ahnen und Wissen, wie es hätte sein können. All zu oft, klettern wir dann ohne Seil im Gerüst herum und nutzen einen Grossteil unserer Kraft fürs Nicht Fallen. Das muss nicht sein!

Ich ahne, wie es geht. Der Abend am andalusischen Mittelmeer gab mir einen Hinweis darauf. Ungeduld kann transformiert werden, Ungeduld ist Achtsamkeit!

Wünsche Euch einen tollen Tag voller Achtsamkeit.

2 thoughts on “Aus Ungeduld wird Achtsamkeit…

  1. B I T T E 🙂
    Lieber Arne, jede Sekunde die ich mit Deinem Blog und meinen Gedanken dazu verbracht habe, waren und sind wertvolle Sekunden.
    Nicht jedes Thema trifft und nicht jeder Gedanke bleibt unwidersprochen, aber so manches geht unter die Haut und ein paar Dinge gehen direkt ins Herz!
    Ich lächel in die Sonne und denk an Dich 🙂
    Herzliche Grüße von mir zu Dir!

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