Berlin, 6:18, Tag 379

Heute wurde ich ausnahmsweise von meinen Mädels in Istanbul geweckt, die zeitiger wach geworden sind als ich. Geträumt habe ich, da ich mir keine Notizen beim kurzen wach werden halb fünf gemacht habe, ist mir entglitten, worum es ging. Es war ein schöner Traum, das weiss ich noch.

Zuerst mal, mein Vortrag gestern lief ganz gut. Das Instant Feedback aus dem Publikum und danach war sehr positiv, der Funke sprang zu einigen sicher über. Ein schöner Konferenzabschluss, sagte mir zumindest der Veranstalter der Konferenz. Und ich habe mich getraut und wurde schon sehr persönlich, hatte aber auch einige Schwächen bei den Übergängen und auch ein paar Hänger.

Habe einen qualitativ sehr guten Audiomitschnitt erhalten und auch die ersten 11 Minuten auf Video, dann hat sich meine Kamera von selbst abgeschaltet. Ich sollte vielleicht doch mal das Handbuch lesen, denn das ist mir schon einmal passiert. Vielleicht setze ich mich nächste Woche mal hin und versuche, ein Video mit den Slides und nur dem Ton zu erstellen. Ihr werdet es hier erfahren.

Alles in allem eine gute Generalprobe für den grossen Auftritt vor 500 Leuten in Hamburg in drei Wochen. Etwas mehr Fokus, ein paar klarere Aussagen, deutlichere Metaphern, Feinschliff eigentlich.

Danach war ich sehr erleichtert und habe das abklingende, abfliessende Adrenalin gespürt, mich ohne Laptop, ohne Stress einfach eine Stunde ins Cafe gesetzt und aus dem Fenster geschaut und nichts gemacht und mich dann mit lieben Kollegen stressfrei, anspruchslos unterhalten.

Eines aber kam eben wieder hoch. So wie hier eine kleine Öffentlichkeit an meinem Leben teilnehmen kann, so veröffentliche ich in der Präsentation ja teilweise Arbeitsergebnisse aus unseren Forschungsprojekten. Es ist nicht das Publizieren von etwa im eigentlichen Sinne, um das es mir geht. Eher darum, dass ich gestern schon darauf angesprochen wurde, ob ich denn keine Angst hätte, dass andere die Screenshots nehmen und daraus Anwendungen bauen. Seit dem denkt es in mir darüber nach.

Und nein, ich habe keine Angst, dass jemand anders mit unserer Arbeit erfolgreich ist. Genau durch diese Nichtangst drückt sich der geänderte Zeitgeist aus. Ich glaube nicht daran oder besser, es gehört nicht zu den von mir gemachten Erfahrungen, dass ich nach einer langen Arbeit im Geheimen, das Ergebnis *tataaaaa* nach Fertigstellung erst der Welt zeige (und vorher vielleicht ein Patent darauf angemeldet habe). Das vorweg!

Eine erste Antwort: ich kann doch niemals jedes Detail meiner Arbeit oder Lebens veröffentlichen, es gehören doch tausende, millionen Umstände dazu, das etwas Neues entstehen kann. Wenn ich also einen Teil davon der Welt zeige, und das andere inspiriert, etwas eigenes zu schaffen, so ist das genau in meinem Sinne.

Und denkt ja nicht, nur weil ich hier meine Träume und Gedanken aufschreibe, mir Privatsphäre nicht extrem wichtig wäre. Wenn ich nicht daran glauben würde, dass die Entwürfe hier auch wirkliche Entwürfe sind, die nur für mich sichtbar sind, würde ich nicht hier bei WordPress bloggen, sondern auf einer anderen Plattform.

Und natürlich gibt es grosse Bereiche meines Denkens und Fühlens und Erlebens, die ich hier nicht ausbreite, auch wenn die Grenze sicher anders verläuft, als bei anderen.

Und natürlich veröffentliche ich nicht jedes Detail meiner Arbeit, der Projekte. Nur sehr wenige der Schwierigkeiten und Erfolge, die wir tagtäglich erleben und feiern finden hier ihren Weg ins Internet. Sicher viel mehr, als bei anderen, aber doch niemals alles. Es ist immer auch etwas Marketing, immer etwas Selbstinszenierung, Vorführung dabei.

So wie im wahren Leben auch, warum zieht man sich denn schick an, warum fährt wann man U-Bahn oder wann nimmt man ein Taxi, all diese kleinen Entscheidungen des Was und Wie finden hier auch im digitalen Teil meines Lebens statt, wenn ich schreibe.

Aber ich beobachte, wie mein Denken sich dabei verändert. Ich glaube mehr und mehr die Menschen zu verstehen, die heute Teil der Open Source oder Remix Bewegung sind, die Digital Natives oder besser Digital Residents. Es gibt meiner Meinung nach wirklich eine Alternative, zur Angst und Neid: echte empathie gesteuerte Zusammenarbeit! Nicht alle Menschen haben Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird oder wollen sich vor anderen Menschen einen Vorsprung verschaffen, um das Rennen (um was eigentlich, um Geld und Ruhm?) auf diese Weise für sich entscheiden zu können. Es gibt eine Alternative!

Gestern hat Christoph mit diesem Artikel aus der Welt über europäisches Entsetzen über Google meinen Vortrag eingeleitet. Google führt Daten verschiedener Dienste in einer Datenbank zusammen, die dazugehörigen Regeln und Kontrollmöglichkeiten kritisieren europäische Datenschützer und fordern auch in meinem Namen mehr Kontrolle und Transparenz. Soweit so gut!

Mir fiel eben beim Duschen eine Analogie dazu: ich habe genau so etwas ähnliches wie Google heute, in einer ostfriesischen Sparkasse, Anfang der neunziger Jahre auch schon gemacht. Wir haben Kundendaten und Kontodaten aus verschiedensten Diensten (Giro, Spar, Kredit) in einer Datenbank zusammen geführt und uns aufgrund der Erkenntnisse aus dieser Zusammenführung neue Werbemaßnahmen für potente Kunden überlegt. Ich weiss nicht mal, ob so etwas im Kleingedruckten erlaubt war. Ich weiss, nur noch dass es verbreitete, langjährige Praxis war, dass alle Kundendaten natürlich auch fürs Marketing verwendet worden sind.

Dazu kam, dass ich in der Sparkasse -als Auszubildender schon- mit wenigen Abfragen ein umfassendes Nutzerprofil über jeden unserer Kunden anlegen konnte. Es gab Anweisungen, dass wir das natürlich nicht für Bekannte, neue Freundinnen oder nicht mit Kollegen aus privaten Interessen heraus machen dürften, aber das hat den Reiz es doch mal zu probieren, auf mich zumindest, noch etwas erhöht.

Was ich damit sagen möchte, wir verdrängen und vergessen mit der Zeit unsere Ängste vor dem Neuen, vor dem Unbekannten und neue technologische Möglichkeiten sind irgendwann nicht mehr neu. Am Anfang hat uns dass noch erschreckt oder wie in dem obigen Artikel empört. In anderen Bereichen stört uns das gleiche schon lange nicht mehr noch weniger empören wir uns darüber.

Wir verstehen nicht mehr, dass sich das Vorgehen von Kreditkartenunternehmen und Banken in den 70igern-90iger und vermutlich auch heute noch, beim Einsatz neuester technologischer Entwicklungen, sich gar nicht so sehr davon unterscheidet, wie heute eben Google neueste technologische Entwicklungen in seinen Produkten benutzt und versucht, Bessere zu entwickeln, besseres Marketing zu machen, Entwicklungen besser abschätzen zu können, ihre Nutzer besser kennen und verstehen zu lernen und natürlich Geld zu verdienen und somit das eigene Weiterbestehen zu sichern.

Ok, jetzt mach ich mir Frühstück, setz mich zu meiner Morgenmeditation, mach ein Foto und komm gleich zurück, um Korrektur zu lesen und noch ein paar Bilder einzufügen. Bis gleich…

So, jetzt hat mich in der Zwischenzeit mein Arbeitstag schon eingefangen. Deshalb verabschiede ich mich hier mit diesem . ich finde . motivierenden Bild von Euch und wünsch Euch einen grossartigen Donnerstag!

Veröffentlicht von Herr Krueger

vater · ehemann · mitgründer der moving targets consulting gmbh · services, development und support · zazen · fotografie

2 Comments

  1. Lieber Arne, das war gestern wirklich in toller Vortrag von Dir. Well done !!!! Bitte sende mir noch die Charts als pdf, dann kann ich Deinen Vortrag auch auf meiner Webseite zeigen. Ein Teilnehmer aus Indien hat schon bei facebook gepostet, dass er sich die eine oder andere Webseite genauer ansehen will, wenn er zurückin Indien ist …. es hat also nicht nur mir gefallen.
    Bis bald in Hamburg. Christoph

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  2. Hallo Arne! Ich kann mich Christoph nur anschließen und dir zu dem Vortrag gratulieren. Und Christoph muss man für die gelungene Choreographie mit deinem Talk als Abschluss der Veranstaltung gratulieren. Es sind auch jene Kinofilme die besten, aus denen man mit einem Kopf voller Ideen und Inspiration rausgeht, anstatt durch ein vorgefertigtes Ende nur in eine Leere fällt. In diesem Sinne wünsch ich dir das Beste für die EPO Konferenz. lg Michael

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