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Über vier Räume im Leben…

Berlin, 7:49, Tag 392

Heute Nacht war ich auf einer Konferenz mit Don Dahlmann, den ich gar nicht kenne, den ich noch nie getroffen habe und dessen Blog ich aber regelmässig lese. Er hielt einen Vortrag und kannte alle Leute, er war mehr Gastgeber, als Sprecher. Ich assistierte ihm, füllte ein paar Lücken und übernahm einen kleinen des Vortrages spontan selbst. Danach begrüßten wir die Teilnehmer an langen Tischen, Don per Handschlag und ich per Kopfnicken. Ich kannte einige der Teilnehmer, es schien eine meiner Patentkonferenzen zu sein. Ich bekam von einem ein dankeschön geflüstert, weil ich so viel engagierter beim Vortrag schien als Don… und wachte auf!

Heute hab ich leichte Schreibhemmung, es gibt eigentlich so viel zu berichten, aber ich sitze schon fast eine Stunde hier und arbeite so vor mich hin, schreibe Mails und lese Artikel zu verschiedenen Themen, warte auf meinen ersten Termin in 20 min, feile an meinen Präsentationen für morgen und nächste Woche. Überlege, was ich wie anschiebe, was ich wie umsetzen kann…

Na vielleicht gelingt ein kurzer Ausflug zum Thema Raum: ich habe verschiedene Experimentierfelder für mich entwickelt, eines ist die Quantified Self Bewegung, mit meinem FitBit, meiner Waage und Blutdruckmesser, meinem Meditationstimer und auch meinen Foursquare Check Ins einen Grossteil der Daten meines Lebens halböffentlich dokumentiere.

Ein anderes Feld, um das es jetzt gehen soll ist, ist das declutter my life Thema. Sascha und Kathrin schreiben dazu in ihrem neuen Buch Internet: Segen oder Fluch so darüber:

Es gibt etliche Hinweise darauf, dass sich in den westlichen Gesellschaften Merkmale von Status und Selbstdarstellung vom Materiellen ins Soziale verschieben.

Seit knapp drei Jahren experimentiere ich auch mit diesem Thema. Ich entrümple und entmaterialisiere ganz bewusst mein Leben und verlagere dazu viele meiner und der Firmen Anwendungen und Daten in die Cloud.

Alles hat damit angefangen, dass ich vor drei Jahren den Keller unserer letzten Wohnung in der wir fünf Jahre gewohnt haben, einfach komplett ungesehen(!) in einen 3-m³-Müllcontainer entsorgt habe. Möbel, Zeitschriften, Spielzeug, Bilder und wasweissichnicht alles an altem Krempel, den ich dort über die Jahre mit eingezogen, dann weiter rein geräumt und nie wieder angeschaut oder gebraucht habe. Es ging mir eine Wochen lang richtig komisch, ich fühlte mich leer und unsicher, aber dann begann ich, mich leichter und wie befreit zu fühlen. Eine tolle Erfahrung!

Im letzten Frühjahr habe ich dann einen weiteren grossen Schritt gemacht und vermiete meine Berliner Wohnung ab und zu an Bekannte manchmal auch an Bekannte von Bekannten. Vor allem, wenn ich in Istanbul bin, macht das ja Sinn.

Als ich gestern das obige Zitat las, merkte ich: Ja, stümmt! Mein Selbstverständnis, mein Selbstwert knüpfe ich immer weniger an materielle Dinge, wie an meine Wohnung oder die Einrichtung und Dinge darin, die ich als mein Privateigentum bezeichne.

Dafür, dass ich meine Wohnung hier echt vermiete, habe ich eben nicht nur zu meinem Rumpelkeller Tschüss sagen müssen, sondern eigentlich zu allen Dingen, die in meiner Wohnung sind. Ich habe sie nicht mehr exlusiv in meinem Besitz, sondern teile sie mir nun mit anderen. Mein Verhältnis zu diesen Dingen in der Wohnung ändert sich damit sehr stark. Sie sind nicht mehr ein Teil meiner Persönlichkeit, meiner Selbstdarstellung.

Etwas anderes kommt dazu: dadurch, dass ich meine Wohnung, wie mein Facebookprofil mit der Welt da draussen teile, definiere ich mich mehr über das Teilen, als über das exclusive Besitzen und Zeigen, von materiellen Dingen.

Aktuell schlafe ich in meinem Arbeitszimmer, einer kleinen 35m² Wohnung neben unserem grossen Büro hier in der Arndtstr. in Kreuzberg. Es ging nicht anders, eine Änderung in meinem Rhythmus führte dazu, dass ich statt in Istanbul in dieser Woche doch hier in Berlin sein darf.

Meine größte Herausforderung dabei ist aber nicht so sehr, dass ich grade keinen Zugang zu meiner Wohnung habe, sondern dass ich die Räume vermisse, die ich mit bestimmten Tätigkeiten verbunden habe. Mein Körper, mein Unbewusstsein hat Räume oder eher Orte in Räumen nämlich mit bestimmten Tätigkeiten verknüpft.

Es gibt ein Schlafzimmer für Erholung und Schlaf, es gibt eine Ecke in der grossen Wohnküche fürs Essen und Versorgen. Es gibt einen anderen Platz dort (an dem mein Meditationskissen liegt) für Reflexion und Besinnung und einen weiteren vierten Ort (mein Arbeitszimmer) für Aktion und Arbeit.

Diese vier Räume sind nun zusammengeschrumpft auf ein einziges Zimmer mit Miniküche und Bad. Am gleich Ort erhole, versorge, besinne und arbeite ich nun. Dadurch dass ich nicht mehr verschiedene Orte für die verschiedenartigen Tätigkeiten habe, werden mir die notwendigen Wechsel zwischen den vier Phasen meines Tages viel bewusster. Ich muss mir, um in Balance zu bleiben, die Wechsel zum Beispiel zwischen Versorgen und Arbeiten viel bewusster machen.

Das empfinde ich grade als eine wunderbare Übung und Herausforderung. Ein weiterer Schritt, mein Glück, meine Balance, mein Wohlbefinden unabhängiger von äusseren Umständen zu machen.

OK, das war jetzt doch ein ganz schöner Brocken für eine Schreibhemmung! War zwischen durch auch noch eine Stunde in einem sehr spannenden Termin.

Nun aber, zurück an die Arbeit…  😉

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