Berlin, 7:22, Tag 393

Heute Nacht habe ich von gestern Abend geträumt, aber der Traum ist verschwommen und verschwunden, als ich nach kurzer Nacht vom Wecker geweckt worden bin…

Dank Michael konnte ich gestern zum 32. Mediengipfel in Frank Gehry’s beeindruckender, wunderschöner DZ Bank am Potsdamer Platz gehen. Draussen sassen in der Kälte die hungerstreikenden, demonstrierenden Asylbewerber des #refugeecamps, drinnen gab es Häppchen und Sekt bei einem Treffen der Werbe- und Marketingleute.

Eigentlich sollte Amir Kassaei dort auf dem Podium sitzen, der hing wegen #Sandy in Brooklyn fest. So moderierte Hajo Schumacher (auch bekannt als Achim Achilles) nach einer respektlosen ich-bin-sooo-toll-kauft-alle-schnell-diese-super-Heizdecken-Präsentation des Gastgebers ein Podium mit vier Don Drapers der Agenturszene: Martin Blach (Zum goldenen Hirschen), Prof. Matthias Spaetgens (Scholz & Friends), Daniel Simon (Greenkern) und Frank Dopheide (dmarken).

Nur mal so vorweg: der Link der Ankündigung zum Mediengipfel auf der Homepage von media.net führte eben noch zu einer 404. Drei der vier Panelisten habe ich grade auf Twitter mit einer Google Suche Vorname Nachname Twitter partout nicht gefunden. Aber noch was: ich bin ja kein Werber und hatte wirklich keine Erwartungen an den Abend. Amir ist mit ein Begriff, vom Rest wollte ich mich überraschen lassen.

Nach dem ich durch die Heizdecken schon in leicht gereizter Stimmung war, stellte Amir kurz per Skype drei technologische Trends vor. Erstens die digitale Vernetzung, die die Grenzen zwischen Online und Offline aufheben wird. Dann einen sozialen Trend, bei dem er geänderte Wertesysteme, und Ansprüche der Menschen gegenüber Produkten und Marken beobachtet, einen stärkeren Wunsch nach Ehrlichkeit. Und drittens einen ökönomischen Trend, eine Notwendigkeit für ein neues Wirtschaftssystem und einen Kapitalismus der ein qualitatives, substantielles und nachhaltiges Wachstum erzeugt.

Es könnten meine Worte sein! Wenn die Trends eintreffen, wird die Welt auf den Kopf gestellt, auch die des Marketings.

Sein Fazit für den Start der Diskussion lautete: Marken müssten es in Zukunft schaffen, ein Netzwerk (kein Soziales Netzwerk!) für die Marken aufzubauen, um an jedem Punkt des Kontakts zum Konsumenten und Nutzer eine relevante, substantielle Erfahrung zu bieten. Also nicht nur etwas versprechen, sondern das auch bei jedem Kontakt echt einhalten. Kreativität in Agenturen kann nicht mehr eindimensional gesehen werden, sondern solle breiter gefasst werden: Marketing der Zukunft würde bedeuten, dieses Netzwerk zwischen Produzent und Konsument, zwischen Anbieter und Nutzer aufzubauen. Full ack!

Habe gerade wie zur Bestätigung das hier  in meinem Newsfeed gefunden:

Blind consumerism driven by spoon-fed corporate advertising is on its way out. Consumers are starved for a new type of corporate engagement, a new form of capitalism. We are realizing that there is little correlation between owning „stuff“ and being happy.

und war voll bei der Sache und freute mich sehr auf den Abend, zumal Hajo äusserst eine grossartige und witzige Moderation ablieferte.

Dann passierte das hier:

 

Die Podiumsteilnehmer gaben einfach Kontra, widersprachen und machten deutlich, dass sie von Amirs Thesen (also eher von ihm persönlich) nichts halten würden und das doch alles ok ist, alles schon bekannt sei und sich gar nichts gross ändern würde. Ja, es könnte sein, dass heute für Budget von 20mio niemand mehr erreicht werden würde. Ja klar, man müsse auch Online machen, aber das sei doch nur weiterer Kanal. Konvergenz sei nur ein weiteres Buzzword. Ja, in China passiert was, die kommen bald zu uns und fressen alles. Ja, Marken müssen ehrlich sein, aber das doch aber schon immer so,… etcblabla.

Aber wo war das Neue? Ich dachte, ich höre nicht richtig! Hajo mühte sich ab, wenigsten ein Stück weit dem Motto des Abends: Stürmische Zeiten/was ist Zukunft des Marketings zu entsprechen. Aber alle vier sahen wenig bis nichts Neues. Einer sagte gar: jetzt im Oktober stehen die Budgets fürs gesamte nächste Jahr doch schon fest… ein anderer wir machen doch Werbung für Produkte, die vor zwei Jahren entwickelt worden sind. Ich war entsetzt!

Nach einer Stunde war es vorbei, Hajo beendete das Drama mit der Frage nach dem Leitmedium der vier und legte mit Spiegel Online vor, weil der erste Befragte sich dumm stellte und nicht antworten wollte. faz, waz, handelsblatt, etc, alles print, seien ja schliesslich unsere Kunden. Einer erzählte erst gar, dass er jede Woche zwei grosse Einkaufstüten mit Altpapier der vielen von ihm abbonierten Leitmedien aus dem Haus tragen würde.

Hajo faste in seinem Schlusssatz sarkastisch zusammen: Print ist nicht tot! Die anderen nickten zustimmend. Oha!

 

Also für mich haben sich diese vier Agenturen dort oben als reine Handwerksbetriebe positioniert und sie waren stolz drauf und zufrieden damit.  Irgend etwas neues oder zukunftsweisendes ist von diesen vier Kreativen nicht zu erwarten. Als Vertreter der Kreativwirtschaft predigen sie ihren Kunden, man müsse sein Markenversprechen halten und sie zeigten gestern Abend das genaue Gegenteil. Meine Herren, sie haben mich gelangweilt! Aber ich muss zugeben, vor allem durch Amir und Hajo und die Gesellschaft von vielen Gleichgesinnten im Publikum habe ich mich trotzdem grossartig amüsiert… wenn sie mich lassen, werde ich wohl nächstes Jahr wieder dabei sein auf dem Mediengipfel! 😉

Veröffentlicht von Herr Krueger

vater · ehemann · mitgründer der moving targets consulting gmbh · services, development und support · zazen · fotografie

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