Über Betonzäune…

Istanbul, 7:30, Tag 411

Heute Nacht wieder mal in einem Hotel, leere Flure, kalte Buffets, keine Menschenseele. Ich fliege durch die Stadt, durch die Strassen, sitze in einer S-Bahn, sehe die Sonne untergehen zwischen Kirchtürmen für ein traumhaftes Foto, kann die Spiegelungen der S-Bahn im Wagenfenster für eine Sekunde verschwinden lassen und bin dann zurück im Hotel. Fahre rückwärts in einen Tunnel, immer bereit zur Flucht, sehe die Fahrbahnmarkierungen, rote Ampeln, aber ich will wissen, was am anderen Ende ist, ich will wieder zurück in die Stadt und wache auf…

Heute morgen lese ich bei Richard Gutjahr übers Zeitungssterben, einen sehr plakativen, lauten, negativen Post voller Vereinfachungen, Geschichten und gefährlicher Vergleiche. Aber recht hat er ja irgendwie! Die Krise der schreibenden Zunft ist uns so viel näher, als die Krise der Lehrer, die Krise der Drucker, die Krise der Patentrechercheure, die Krise der Vertriebler, die Krise der Einzelnhändler, die Krise der Schraubenhändler, die Krise der Buchhändler. Sie alle können nicht so viel und laut schreiben über ihre Sorgen, sie missbrauchen ihre Macht aber auch nicht und tapezieren ihre Läden nicht mit hilflosen, verzweifelten Aufrufen zu ihrer eigenen Rettung.

Dann folgte ich den Links von Richard und landete hier bei Peter Hogenkamp, der über die Insolvenz der Frankfurter Rundschau schrieb, schon nicht mehr ganz so reißerisch, schon viel reflektierter und voll beladen mit den Sorgen des noch zu gut funktionierenden Tagesgeschäftes. Dann ein erstes wirkliches Wundern, darüber dass Wolfgang Blau der Die Zeit intensive Diskussionen hier bei Facebook führt… jaaaa, genau, kapiert!

Immer wenn ich so etwas lese, dann ziehe ich Vergleiche zu meiner Firma mit ihrer nun auch schon fast 15jährigen Geschichte und ihren eingefahrenen Umsatzströmen, die zu verteidigen und auszubauen seien. Ich denke daran, wie auch wir es nicht wirklich schaffen, uns immer wieder neu zu erfinden, einfach weil der Motor schnurrt, der Wagen rollt… und es bitte schön noch lange so bleiben kann und soll!

Und vorher habe ich vom Neuen gelesen, von einer jungen Bloggerin aus San Francisco und was sie übers Schreiben schreibt, was Schreiben für Sie bedeutet und was es alles mit ihr macht. Leute der Zeitungen: so etwas würdet ihr mir niemals nicht erzählen, oder? Und wenn ihr Sie einstellt, dann würde sie nicht mehr so schreiben, oder?

Und in ihrem PS habe ich vom grossartigen Mat Inman gelesen ung geklickt und einen Comic übers Schreiben, übers Kreativ sein im Internet gelesen, der einige der Veränderungen thematisiert, den schlechten Ruf der schlechten Bezahlung, die schrecklichen Kommentare, der Unterschied zwischen im Auftrag und dem freiem Schreiben…

Institutionen, eigentlich jede Organisation entwickeln ein Eigenleben. Es gibt einen Grund für ihre Existenz, der in der Vergangenheit liegt. Das Internetz verändert diesen Grund nicht. Aber es schafft neue Räume, neue Gründe für das Entstehen von neuen Organisationen, die natürlich anders sind, die anders sein müssen!

Und natürlich versuchen wir, dass was wir kennen, auch dort zu machen. Wir versuchen, Zeitungsabos ins Internet, aufs iPad zu bringen und wir wundern uns, warum es nicht funktioniert, warum es sich so komisch anfühlt. Wir versuchen erst mal, das was wir kennen auch dort zu machen.

Mir fällt jetzt auch ein Vergleich ein, der -ach egal- hier jetzt rein muss: denn es ist wie bei bei Betonzäunen, die versuchen, wie gemauert oder gedrechselt auszusehen!

Foto: Betonzaun-SALGRI

Wir erfinden etwas Neues und versuchen aber immer erst mal, das Bekannte mit dem Neuen zu machen. Wir versuchen, dass was wir kennen, zu behalten und zu bewahren, vielleicht weil wir Angst haben, uns unwohl fühlen mit dem Neuen! Aber der Beton sieht hier nur billiger aus, und ist sicher auch billiger, als das Original. Ich weiss nur eines, ich will kein solcher Betonzaun sein. Ich möchte nicht jemand sein, der versucht, wie jemand anders auszusehen! Und ich will auch niemals einen solchen Fake haben…

 

Wünsch Euch einen tollen Start in die neue Woche…

One thought on “Über Betonzäune…

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