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Was wir vor uns selbst verstecken…

Istanbul, 7:29, Tag 412

Heute Nacht habe ich eine Uhr auseinander gebaut und beim Zusammenbauen nicht gemerkt, dass die Schrauben unterschiedlich lang waren und sie so verwechselt und so die Gewinde fast zerstört. Hab es einfach zu spät gesehen, obwohl ich wieder mal magisch rein zoomen konnte und Schraube, Werkzeug und Uhr in riesengross kriegte. Der Freund, dem die Uhr gehörte schaute interessiert zu und war überhaupt nicht sauer, als er den Schaden bemerkte. Diesen Traum träumte ich zwischen dem zweiten und dritten Wecker klingeln. Und ich erinnere mich noch deutlich an eine intensive Abschiedsszene im Bad meiner Kindheit, am Eingang des dunklen, langen Raums im Traum davor…

Während meiner Sitzmeditation heute morgen habe ich fast nur darüber nachgedacht, was ich während meiner Schreibmeditation später behandeln möchte: Ehrlichkeit, Post Privacy, Starke Meinungen, Extreme Positionen, Filterbubble, Konzeptbubble, Filtergraben habe ich mir notiert. Nun zu jedem Punkt einen Absatz?

Aber los gehts damit, dass Matze mir letztens mal sagte, er liest nicht so gern übers Bloggen Geschriebenes. Ich meinte, er meinte die öffentliche Selbstreflektion, Selbstbefriedigung, also Selbstgespräche übers Schreiben. Es machte Klick und jetzt denke ich jedesmal an diese Meinung, wenn ich hier über mein Schreiben schreiben will. Nun hatte ich gerade gestern zwei Posts zu diesem Thema verlinkt, denn klar, gibt es auch in mir ein starkes Bedürfnis, über diesen wichtigen Teil meines Lebens gleich hier zu schreiben und zu reflektieren.

Dann hatte ich überlegt, wie sehr eine falsch verstandene Ehrlichkeit verletzen kann und wie sehr ich alles bewerte und verändere in meinem Kopf. Alles, was ich denke ist auf eine Art sehr ehrlich und genau so unehrlich. Das Konzept Ehrlichkeit ist ein sehr komisches, und noch dazu ein sehr veränderliches, vom Kontext und den Umständen abhängiges. Und was ich hier schreibe und was ich hier nicht schreibe, hat nicht viel mit Ehrlichkeit zu tun. Aber ja, auf eine Art bin ich hier sehr, extrem ehrlich, denn ich erfinde keine Geschichten, denke mir nichts aus, lüge keine Fakten zusammen, erzähle bewusst nichts falsches. Aber doch lasse ich Sachen bewusst weg, erzähle zu bestimmten Themen einfach mal gar nichts. Ist nun so eine bewusste Selektion, dieses Filtern eigentlich schon Unehrlichkeit?

Hatte vor ein paar Tagen mal das hier zu Post Privacy gefunden und mich durch die Slides geklickt, in der eine neue App für irgend ein Problem vorgestellt wird. Ok, ich geb mir mehr Mühe: so, wie ich das verstanden habe, möchte @mrschtief in seiner Post Privacy Welt trotzdem irgendwie die Kontrolle über „seine“ Daten behalten. Das habe ich jetzt bestimmt falsch verstanden! Nochmal: er möchte allen im Netz erzählen, mit wem er sich so trifft und er stört sich an den Privacy Einstellung der anderen. Hmh, das ist es auch noch nicht! Ha: er prangert die scheinbare Privatheit an, die gar keine mehr ist, weil alles, was man im Internet (und im übrigen auch sonst so) macht, nur scheinbar Privat sei.

Ihr merkt schon, dass ich dieser Diskussion gerade gar nichts abgewinnen kann, was mich zum nächsten Punkt starker Meinungen und extremer Positionen bringt. Diese beiden Begriffe sind heute morgen nur deshalb aufgetaucht, weil ich gestern eine Stunde lang einem Vortrag von Linus Torvalds über git gelauscht habe. Dort beschimpft er sein Publikum, vor allem die mit abweichender Meinung heftig als falsch, dumm und hässlich. Er entschuldigt sich immer damit, ein Mensch mit einer starken Meinung zu sein. Trotz dieser -mir sehr unsympathischen- Eigenart, habe ich viel gelernt über Tools für die Zusammenarbeit in grossen, verteilten Netzwerken. Unter anderem wieder mal: Speed changes Everything! und Sicherheit funktioniert nur in/mit/durch Vertrauen. Und dass Vertrauen bedeutet, die Entscheidungen anderer zu akzeptieren.

Was mich sofort zu den letzten Punkten bringt: Filterbubble. Ein Freund schickte mit folgendes am Wochenende. Algorithmen filtern unsere Wahrnehmung im Netz und weil wir nicht wissen, was sie uns vorenthalten und wie sie funktionieren, leben wir mehr und mehr in einer Art zensierter Filterblase.

Gestern habe ich über Betonzäune geschrieben, die gestalterisch alten Holzzäunen nachempfunden sind. Dabei erinnerte ich mich aber vor allem an diesen Artikel hier, der so unglaublich grossartig die Auswirkungen neuer Technologien auf Design beschreibt. Dort wird gesagt, dass wir mit neuen Technologien immer erst das Bestehende schneller, leichter, billiger machen möchten, ehe wir langsam die wirklich neuen Dinge und Wege entdecken können.

Und ich bin gerade an dem wirklich Neuen interessiert und nicht so sehr daran, etwas Bekanntes, also das Vorhandene schneller, leichter und billiger zu machen.

Was aber nun passiert, ist folgendes: ich erzeuge mir meine eigene Filterbubble. Ich lese nur noch Artikel, die diesen Interessen entsprechen, rede nur noch mit Leuten, die ähnliches Interesse haben und ich kann plötzlich Betonzäune nicht mehr leiden.

Es geht also darum, dass ich selbst mein Umfeld so stark filtere, dass es meinen Vorstellungen, nur noch meinen Konzepten entspricht und mich bestärkt in meinen Meinungen und meinen Vorurteilen. Die Filter im Netz, von den Eli Pariser spricht, als er den Begriff Filterbubble prägte, sind für mich also eher die Konzepte, Gedanken und Werte, auf deren Basis die Algorithmen geschrieben worden sind.

Es geht nicht darum, was das Internet vor uns versteckt, sondern immer nur darum, was wir vor uns selbst verstecken!

Es ist für mich nicht so sehr eine Blase, mehr ein Graben, in den ich rutsche. In diesem Graben bin ich Spezialist für etwas, die Anzahl der Menschen, die mich verstehen, die mir neue Impulse, also Bestätigung geben können, sinkt, je tiefer ich in den Graben hinabsteige. Über Post Privacy kann ich mich gerade noch mit Post Privacy Experten unterhalten, ich finde ihre Meinungen zwar abgehoben und ihre Probleme entsprechen nicht meiner Lebenswirklichkeit, denn ich halte mich nicht für einen Experten für Post Privacy. Mich interessiert das Thema nicht wirklich und deshalb filtere ich meine Umgebung nicht so stark, deshalb fische ich nicht nur Artikel zu diesem Thema aus dem Netz.

Mich interessiert Wandel, technologischer, ökonomischer und sozialer Wandel gerade viel mehr, deshalb fällt mir alles Konservative, alles Bewahrende auf. Ich steige hinab in den Graben meiner Wahrnehmung und finde zum Beispiel Instagram grade extrem langweilig, weil es sich in den letzten zwei Jahren kaum verändert hat und im Gegensatz dazu, finde ich Foursquare und LinkedIn sehr viel spannender, weil sie sich in dieser Zeit so sehr und so schnell verändert haben.

Mir macht es dabei sehr viel Spass, am Rande des Grabens zu stehen ab und zu ein paar Fackeln hinunter zu werfen, um bestimmte Themen näher zu beleuchten und sie den oben vorbei laufenden immer besser und schneller erklären zu können. Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Landwirt und ich liebe es, Anderen etwas zu erklären und ich liebe es, beim Wachsen zu helfen und zu zu schauen…

Wünsche Euch allen einen grossartigen Tag!

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