Über Selbst und Wirklich sein…

Istanbul, 7:58, Tag 436

Wieder fühle ich mich komisch, dass ich meine Träume nur noch fühlen, aber nicht mehr erinnern kann. Das passiert mir grad mit vielen Dingen. Der Vergleicher und Werter in mir ist wieder mal aktiv, denn die Woche hier verlief nicht so, wie erwartet. Nicht so produktiv, wie gedacht. Ich bi nicht so motiviert, wie erhofft. Nicht so strukturiert, wie geplant.

Eigentlich passiert das ja immer.

Es läuft niemals genau so wie erwartet, gedacht, erhofft oder geplant. Wenn man ehrlich ist, dann ist heute immer irgend etwas anders, als wir uns gestern vorgestellt haben. Aber wir sind super clever darin aus unserer Umgebung, unseren Interaktionen mit anderen uns immer nur nur genau das heraus zu picken, genau nur das zu erinnern, was wir in unserer aktuellen Situation gebrauchen können. Um die Meinung, die wir gerade haben, zu bestätigen. Um die Gefühle, die wir gerade fühlen, zu erklären.

Wir bauen uns mit Hilfe vieler kleiner und grosser Wahrnehmungsfilter unsere eigene Realität zusammen.

Mir fällt das gerade hier sehr auf. Raus aus meinem Berlin Arbeitsalltag fällt mir hier immer wieder, welche Filter alle bei mir aktiv sind. Mir fällt auf, wie eben in Berlin noch super dringende Themen hier ihre Bedeutung verlieren. Die andere Umgebung, der abrupte, vollständige Wechsel meines Umfeldes machen die sonst sorgsam weg gefilterten Lücken darin erst sichtbar. Erst wenn die Möglichkeit realer Treffen grade nicht besteht, kann ich die Eigenarten und Eigenheiten mancher Beziehungen erst wirklich empfinden. Nur weil der Takt des Tages hier so anders ist, kann ich die vielen ineinander verwobenen Dynamiken kurz begreifen.

Mein Vergleicher und Werter in mir sucht verzweifelt nacht dem Ähnlichkeiten in den Umgebungen. Das Verfolgen der Wetternachrichten, das ständige Wissen, wie viele Grad wärmer oder kälter es ist, wieviele Minuten die Sonne eher oder später aufgeht, das hilft mir einfach.

Verzweifelt vermisse ich die nahtlose Fortsetzung der durch 1.300km Luftline unterbrochenen Beziehungskommunikation, registriere all die feinen Unterschiede bei Qualität, Verfügbarkeit und jede kleine Verzögerung bei Telefon, Skype, Facebook, eMail, benutze sie alle, um die Andersartigkeit der Kommunikation hier, der Beziehung dort zu rechtfertigen, das hilft mir einfach.

Streng beobachte ich meine Produktivität hier, vergleiche sie mit meiner Leistung dort und benutze das Ergebnis, um zu werten, der unterbrochene Flow, das abgelenkt sein, die mehr Zeit und die Ruhe für mich das sind alles Dinge, die ich hier im Überfluss habe und dort vermisse, das sollte mir eigentlich helfen?

Dann folge ich irgend einem Link und lese von jemandem, der alle 201 Länder der Welt besucht hat (nur 193 davon sind UNO Mitglied), ohne ein Flugzeug zu benutzen. Ich lese davon, dass er unendlich dankbar ist für all die Begegnungen, all die Hilfe und sei es nur, ihm die richtige Richtung gezeigt zu haben:

The main feeling today is just one of intense gratitude to every person around the world who helped me get here, by giving me a lift, letting me stay on their couch or pointing me in the right direction.

Für meine Reise, für meine Aufgabe, für mein Leben gilt das gleiche, eigentlich für jede Reise, Aufgabe oder für jedes Leben. Wir sollten dankbar sein, für alles und jeden, der uns geholfen hat, hierher zu kommen. Für alle, die uns einen ein Stück auf unserem Weg begleitet haben (lift) oder die etwas von ihrem Besitz (couch) oder ihrem Wissen (direction) mit uns geteilt haben.

Ich lese davon, dass es natürlich Momente gab, in denen er aufgeben wollte, Momente in denen er sich gefragt hat, warum er das überhaupt alles macht. Und er schreibt davon, dass es aber immer auch einen Grund gab, um einfach weiter zu machen.

„But there was always a reason to keep going.“

Für mich wird aus dieser dürren Meldung etwas anderes, viel größeres. Ich filtere mir selbst solche banalen Artikel! Ich lese dort: es lässt sich immer ein Grund finden, um weiter zu machen. Denn dort steht weiter, dass sich selbst das schrecklichste Ereignis als Motivation für die eigene, persönliche Reise nutzen lässt.

Wie viel Kraft in uns steckt, wenn wir uns selbst verwirklicht sehen können?

Wir sehen solche Geschichten um uns herum, uns zieht das magisch an, wir erzählen uns davon, wir rezitieren die Sätze, wir schauen die Bilder an, wir träumen uns an seine Stelle. Wie wäre das, wenn ich mein Ziel erreicht hätte, wenn ich mein Äquivalent von -alle 201 Länder besuchen- vollendet hätte. Wie würde ich mich dann fühlen?

Würde ich die gleiche Dankbarkeit empfinden, für alles und jedes, was mich auf meinem Weg begleitet hat? Warum braucht es dafür die Vergleiche und Wertungen mit den Extremen? Warum gelingt es uns so selten, in unserm täglichen Leben die ganzen Weltrekorde, die Besonderheiten und auch nur unsere die ganz persönlichen Rekorde und Extreme zu finden und zu würdigen?

Je mehr wir durch die digitale Vernetzung in der Lage sind, am Leben von anderen Menschen teil zu nehmen, je mehr Informationen zu uns finden, je mehr Informationen wir filtern können, nach genau den Schnipseln, die wir jetzt brauchen, um so mehr werden wir hoffentlich verstehen, dass es gar keinen so grossen Unterschied gibt.

Wir werden dann verstehen, dass der Unterschied erst von uns selbst gemacht wird, und dass dieser Unterschied bisher meist das Ergebnis der Filterung eines anderen(!) Menschen ist. Eines anderen Menschen auf dieser Welt, jemand der es für berichtenswert hält, dass jemand anders alle 201 Länder dieser Welt besucht hat. Jemand dessen Job es ist, solche Nachrichten zu erstellen und zu verbreiten.

Wir könnten versuchen, auch von solchen Menschen gefunden zu werden um auch solche Nachrichten zu produzieren. Wir könnten versuchen zu verstehen, wie wir in den Filtern von solchen Menschen hängen blieben, welches Extrem heute in Mode ist, welche Regeln ich brechen sollte, welchen Rekordversuche ich wagen sollte, um die Aufmerksamkeit anderer Menschen auf mich zu ziehen.

Oder aber wir könnten uns selbst unseren ganz eigenen, ganz persönlichen Grund suchen, warum die 24h unseres heutigen Tages für uns ein Rekord bedeuten. Warum es uns feiernswert ist, dass wir heute so alt geworden sind, wie wir noch an keinem Tag vorher in unserem Leben waren. Warum wir heute dankbar sind, für alle die uns bis hierhin geholfen haben, für alle, die uns ein Stück mitgenommen haben, und die uns auf ihrer Couch haben übernachten lassen und dankbar auch für alle, die uns die Richtung gewiesen haben…

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Wenn wir uns selbst verwirklichen, wenn wir selbst und wirklich sind, erst dann leben wir unser Leben. Wünsche Euch allen einen wirklich schönen Freitag!

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