Ganz von Sinnen…

Heute Nacht sind mir meine Turnschuhe geplatzt. Ich robbte durch eine Wohnung zum Balkon, sehr tief über den Boden. Ich fütterte den Hund mit Rührei und gab mit Tino und Dennis zusammen ein Interview. Meine Oma wachte auf und reichte mir etwas herüber und sagt dazu, tief überzeugt, sie sei doch die geborene Offenheit. Danach passierte es! Ich pumpte meine Turnschuhe auf, bis sie platzten. Der eine vorne, der zweite an der Seite. Ich fragte nach Klebstoff, bekam natürlich nur Aleynas Bastelkleber, statt Daddies Zwei-Komponenten-Superglue. Aber es ging komischer weise, ich klebte und verteilte dabei großzügig und rollte mir dann die Klebstoffreste von meinem Finger und wachte auf…

Heute sitze ich schon im Zug nach Hamburg, ein anderer Reisetag. Gleich ist das Netz weg. Nein, es ist schon weg, kaum, dass wir aus Spandau raus sind. Ich schreibe trotzdem weiter, in den fünf Minuten vor Hamburg kann ich den Beitrag dann posten. Zwischen Hauptbahnhof und Spandau habe ich hochkonzentriert bereits die Bilder hochgeladen. Ich schaue auf ganze drei Dutzend Windräder da draussen, sitze in einem ICE3 der schon fast 200 fährt und der Schaffner bietet mir ne Zeitung an. Meine Zeitung funktioniert hier nicht, meine Werkzeuge zur Kommunikation mit der Welt gibt es zwar, nur funktionieren sie hier nicht.

Und ich denke an eine der letzten Kolummnen von Sascha Lobo, die ich natürlich grade nicht verlinken kann, es gibt kein Internet zwischen Berlin und Hamburg. Dort stand sinngemäss, dass der Kern des Erfolges von Deutschland in seiner effizienten Infrastruktur liegt, dass in reichen Ländern auch die reichen Menschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren würden.

Aber wenn doch nur alle verstehen würden, was alles möglich wäre, wenn wir überall schnelles LTE – Breitband bis in die letzte Ecke hätten. Wie sehr sich die Welt ändern würde, wie stark wir die Welt verändern könnten. Aber es gibt dafür hier einfach keine Mehrheiten. Ach was bin ich froh, dass ich halb in der Türkei lebe und es wenigstens dort anders ist. Ich sehe dort, dass es anders geht. Dort fährt Turkcell zu größeren Veranstaltungen mit mobilen Funkmasten, damit die Leute weiter im Netz kommunizieren können. Hier kümmert es scheinbar keinen, wenn die Netze überlastet sind.

Das hat man hier in Deutschland nicht nötig. Die Leute sollen doch einfach mal die Ruhe geniessen, diese ständige Erreichbarkeit kann ja auch ein Fluch sein. Aber mir kommt es vor, als ob mir jemand die Luft nimmt, die den Schall überträgt und dazu sagt: geniess doch einfach mal die Ruhe, dieses ständige Sprechen und Verstehen kann ja auch ein Fluch sein. Und dann wird auch noch das Licht ausgeschaltet und dazu gesagt: geniess doch einfach mal die Dunkelheit, dieses ständige Sehen kann ja auch ein Fluch sein. Freu Dich doch über die paar mehr Stunden der Ruhe und Besinnlichkeit, Du kannst jetzt ja schlafen.

Wann kann man denn schon mal, in unserer hektischen Zeit am Tage ein paar Stunden schlafen?

Nun bin ich kein Diskriminierungsexperte, aber ist es nicht so, dass die alte Sichtweise auf Behinderungen als Behinderungen als überholt gilt? Dass wir nicht mehr nach Behindertengerechtigkeit, sondern nach Barrierefreiheit rufen? Ist es nicht so, dass die Stigmatisierung von Behinderungen immer mehr verschwindet, dass der Kampf um Gleichberechtigung auch hier schon erste Früchte  trägt? Also, deshalb trau ich mich: ich fühle mich, als ob mir eine Fähigkeit genommen ist, wenn ich kein Netz habe, früher hätte ich wohl gesagt: ich fühle mich wie behindert!

Für mich ist das Netz und mein Smartphone eine Erweiterung meines Körpers. So schräg das manchen vielleicht erscheint, aber es ergänzt meine Sinne und ermöglich die Verbindung mit anderen Menschen und es ermöglicht mir sogar den Zugriff auf die Erinnerungen anderer Menschen.

Wer dies einmal so erlebt und verstanden, dies einmal verinnerlicht hat, der möchte seine schärferen Augen, seine feineren Ohren, seine lautere Stimme nicht einfach beim Besteigen eines Zuges wieder abgeben müssen. Jeder Brillenträger kennt das Gefühl doch, jeder der ein Hörgerät hat, weiss doch, wie sich diese Stille anfühlt. Ich fühle mich nicht krank mit dem Netz, ich fühle mich krank ohne das Netz! Ich habe mich an diese Prothesen bereits so sehr gewöhnt, dass ich mich unvollständig fühle, wenn die Verbindung unterbrochen ist. Erst wenn ich verbunden bin mit allen und allem, dann kann ich mein ganzes Potential auschöpfen, dann kann ich mein Leben voll leben.

Für meine Tochter gibt es kein Zeit ohne Netz, keine ohne Smartphones. Achtung, jetzt kommt der nächste Grossvergleich: es ist so, wie es für mich keine Zeit des Krieges gab, wie ihn alle meine Grosseltern erleben mussten. Ich weiss, dass es das gab, ich habe es in der Schule gelernt, habe die Bilder und Filme und Bücher, die Gedenkstätten und Mahnmale gesehen, ich habe mit Menschen gesprochen, die ihn erlebt haben. Aber ich kenne keine Zeit des Krieges und bin sooo glücklich damit. Aleyna wird keine Zeit ohne Netz und hoffentlich auch keine Zeit des Krieges mehr erleben müssen. Für Sie, werden das die Geschichten der Alten sein.

Ok, genug des Pathos und der Dramatik! Es ist schon in Ordnung, sich mal auszustöpseln. Ich versuche, meine Unfähigkeit hier ins Netz zu können, in eine selbstbestimmte Unwilligkeit zu verwandeln. Wisst Ihr was, im Zug will ich gar nicht ins Netz. Ich sehe es als eine Übung an. In dieser Zeit schalte ich einfach mal freiwillig meine neuen Sinne ab. Dieser Gedanke hilft mir, das anzunehmen, was und wie es jetzt grad ist: hier im Zug bin ich allein und unverbunden, aber ja zum Glück nicht einsam. Und ich hoffe einfach, dass das Netz noch geht, wenn ich in Hamburg ankomme 😉

Wünsch Euch noch ganz verwegen lächelnd einen wunderbaren Tag!

2 thoughts on “Ganz von Sinnen…

  1. Lieber Arne,
    ob Du es glaubst oder nicht, sogar ICH verstehe, was Du meinst! Wobei ich nicht weiss, wen von uns beiden das mehr überrascht 😉
    Herzliche Grüße,
    Antje

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