‚Vorfahrt hat man nicht, Vorfahrt bekommt man gewährt.‘ /danke und /cc @saschalobo

Berlin, 7:49, Tag 518

Heute Nacht habe ich geschlafen. Und dann bin ich aufgewacht, wollte über Erwartungen schreiben. Darüber, welche Erwartungen wir an die Zukunft, an uns, an andere haben und darüber, was wir denken, was andere von uns heute und in Zukunft erwarten. Das wird das Thema unserer diesjährigen Strategietage werden.

Aber eine andere These, die der dieswöchigen Sascha Lobo Kolumne, verdrängte eben alles und muss zuerst behandelt werden. Ich zitier und kommentier hier mal ganz frei und selektiv, um meiner Begeisterung für dieses in Deutschland völlig vernachlässigte Thema Ausdruck zu verleihen. Ich könnte die ganze Kolumne neu mit meinen Worten schreiben. Das, was ich bei meinem TEDxESCP Auftritt versucht habe, ging genau in diese Richtung: Offenheit, seinen Fehlern gegenüber zu entwickeln. Das Scheitern nicht nur einzukalkulieren, sondern sich seine Fehler einzugestehen, aufzustehen und schneller und besser neue Fehler machen.

„Hier ruht Herr Müller. Er hatte Vorfahrt.“ überschreibt Sascha das Kapitel über die deutsche Netzkrankheit. Und ich werde ständig gefragt, wie wir denn mit opd Geld verdienen möchten, wie hoch der ROI sein wird, was genau das Business Modell ist, wenige fragen nach der Zielgruppe oder dem Markt und noch weniger fragen nach dem Problem, welches wir versuchen zu lösen und noch noch keiner hat gefragt, was wir denn dabei lernen wollen.

Das ist die deutsche Netzkrankheit: digital nur zu tun, was vermeintlich sicher funktioniert und so das wichtigste Erfolgsrezept des Internets zu missachten, also die ständige Neu- und Weiterentwicklung, die kleinteilige, experimentelle Überprüfung, Mut zum Dauerversuch und Dauerirrtum.

(…)

Das perfektionistische Bestreben, jeden Fehler schon vorab auszuschließen, hat so zweifellos zu hervorragenden Industrieprodukten geführt.

Ich kämpfe jeden Tag mit meiner eigenen Planlosigkeit, nur langsam höre ich auf, mich dafür zu entschuldigen bei meinem Team, meinem Partner, meiner Liebsten, bei potentiellen Multiplikatoren. Statt dessen möchte ich meiner Begeisterung für die Idee Ausdruck verleihen, die ungebrochen ist.

Im Netz heißt es, dass der fehlerfreie Plan für eine neue Plattform zu 50 Prozent fertig ist, wenn die Idee anderswo schon zehnmal umgesetzt wurde und neunmal davon mit wertvollen Lerneffekten gescheitert ist.

Es handelt sich um ein Problem des Umgangs mit neuen Informationen, eigentlich also ein Lernproblem. Learning by doing gilt in Deutschland als beinahe unseriöse Praktik, wie kann jemand ohne Diplom sich erdreisten zu jodeln?

Wenn man etwas Neues versucht, lernt man immer dazu, sonst macht man doch nichts Neues. Das gilt für Institutionen und Organisationen, genau wie für kleine Prozesse, sogar für unsere Gewohnheiten. Etwas verändern führt zu Unsicherheit, führt zu Fehlern, zum Lernen und das erzeugt erst das neue für jeden Teilnehmer.

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ ist der nächste Spruch, der mich sehr berührt hat und den ich auch langsam versuche, abzustreifen. Es gibt kein Ende des Lernens, keinen Beginn des Erntens irgendwann mal. Alles ist ständig im Fluss und wechselt sich immer ab, ständiges Lernen führt zu ständigem Ernten.

Dieser dämliche Spruch sagt viel über das gewachsene, deutsche Verhältnis zur Bildung aus: Es gibt eine Scham des Lernens. Der deutsche Lernende schämt sich dafür, dass er noch nicht alles weiß.

Das aber wirkt katastrophal in digitalen Zeiten, die von ständiger Veränderung geprägt sind, in denen „lifelong learning“ der einzige Weg ist. Es lässt sich kaum lebenslang lernen, wenn man danach strebt, endlich mit dem Lernen fertig zu sein. Damit die Herrenjahre beginnen.

Ich bin genau so erzogen, wenn man etwas nicht weiss, bekommt man eine schlechte Zensur. Das wurde mir 13 lange Jahre, ich war sehr jung und aufnahmebereit, in der Schule vorgelebt. Das hat Spuren hinterlassen. Etwas nicht zu wissen, für etwas nicht hart zu arbeiten, ist dadurch mit Scham und Versagensängsten besetzt.

Und nun wieder den Schwenk aus diesem Tal zu finden, den Ausweg aus diesem anerzogenen Panzer aus Gefühlen und Denkgewohnheiten, ist nicht einfach. Für mich bietet sich unter dem Stichwort „Agiles Vorgehen“ genau solch ein Ausweg. Ein Baukasten an Methoden, die es ermöglichen dieses tiefe Trauma anzugehen und zu transformieren. Wir versuchen das innerhalb unserer Organisation, innerhalb der gewachsenen Strukturen aufzubrechen und uns anzupassen, an eine veränderte Welt:

Der Begriff „Perpetual Beta“ bezeichnet die ständige, kleinteilige Weiterentwicklung von Software und Netzplattformen, das digitale Produkt ist nie fertig, sondern wird als ständiges Experiment begriffen, dessen Fehler die Verbesserung ermöglichen. Die großen Netzkonzerne entwickeln sich nach diesem Verfahren quasi minütlich weiter, weil das Facebook von 2009 im Jahr 2013 so viele Leute interessieren würde wie StudiVZ.

Und weiter geht es in der Argumentation, die sicherlich etwas einseitig nur aufs Internet schaut. Aber es ist zulässig, ich halte das Internet ähnlich wie die Mathematik für eine Querschnittsfunktion, das durch alle Bereiche, Themen und Schichten hindurch Wirkung ergo Veränderungen erzielt.

Die Ära des Internets ist die historisch bisher ungünstigste Zeit für eine Veränderungs- und Lernresistenz. Dabei hat diese Resistenz wenig mit technischem Fachwissen zu tun, sondern ist eine Haltungsfrage. Die meisten bundesdeutschen Angestellten müssen einfach nur in die EDV-Abteilungen ihrer Unternehmen gehen, um die erbittertsten Kämpfer gegen neue Entwicklungen der digitalen Sphäre zu finden: Facebook? Teufelszeug. Tablets? Spielerei. Eine neue, hocheffiziente Programmiertechnologie? Erst, wenn sie sich tausendfach bewährt hat und dann noch mal fünf Jahre warten. „Das haben wir schon immer so gemacht, das geht nicht anders“ – diese Einstellung ist auch unter Technikapologeten weit verbreitet. Es fällt weniger Sachkundigen nur nicht so stark auf.

Ich könnte diese Sätze nehmen und ausdrucken! Die Ausdrucke würde ich dann per Hand kolorieren und signieren, danach den Briefumschlag und die Marke mit meiner Spucke anlecken und zukleben und persönlich ein paar Menschen in die Hand drücken, mit denen ich im letzten Jahr die heftigsten Diskussionen hatte.

So, heute bin ich etwas ärgerlich merke ich grade! Und unser All Hands geht ja gleich los, heute wird unser Nachbar Diébédo Francis Kéré seinen Vortrag bei uns halten, über die schönsten Schulen der Welt, die er in seinem Heimatdorf Gando in Burkina Faso baut. Einen Link zum Google Hangout füge ich gleich hier ein, dann könnt Ihr mit oder später auch dort nachschauen, wie es war!

2013-03-06 07.10.17-1

Wünsch Euch einen entspannteren Tag.

PS: Übrigens hat mein sehr strenger Fahrlehrer zu mir schon 1994, als ich den Busführerschein machen durfte, immer wieder gesagt: Arne, Vorfahrt hat man nicht, Vorfahrt bekommt man gewährt. Dieses (un)angenehm Anders sein hat sich mir wohl eingeprägt und ich zitiere diesen Spruch seit dem immer wieder, wenn’s ums Recht haben geht…

One thought on “‚Vorfahrt hat man nicht, Vorfahrt bekommt man gewährt.‘ /danke und /cc @saschalobo

  1. Meine Großtante hat mich als Kind mit diesem Spruch sehr verwirrt: „Wir Menschen lernen solange, bis unsere Finger alle gleich lang sind!“
    Ist bei mir haften geblieben!
    🙂 Antje

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