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Ich bin süchtig, also lebe ich…

Istanbul, 6:29 CET, Tag 538

Heute Nacht habe ich mit Bradley Manning zusammen versucht, die Öffentlichkeit über Mißstände bei der Army aufzuklären. Als er versuchte seinen Vorgesetzten zu küssen, um ihn davon abzulenken, rutschte mir das Herz in die Hose. Aber der Offizier liess es geschehen. Alles klar, wir hatten einen Verbündeten gewonnen. Ich wachte auf, ohne dass ich erfuhr, was mit unserem rausgeschmuggelten Kassiber passiert wäre…

Ich bin ein zur Sucht neigender Mensch. Früher war Sucht gleich Krankheit. Und alles, was ich heute tue, hat auch immer auch einen Anflug von Abhängigkeit und Missbrauch, der modernen Definition von Sucht.

Ich versuche immer an meine Grenzen zu gehen und darüber hinaus. Und ich versuche, die Grenzen von Themen und Dingen zu erforschen und noch weiter. Ich versuche all-in zu gehen und nicht zu viel huschhusch, nebenbei und auch das noch zu machen. Ich möchte spüren, wie es ist ganz und gar zu leben. Und ich möchte meinen Körper dabei spüren, wie fühlt es sich an, am Leben zu sein? Wo ist das Gefühl? Was macht das Gefühl mit mir? Davon bin ich abhängig. Und von so viel mehr.

Ohne Luft, ohne Sonne und Licht, ohne Liebe und Anerkennung ohne zu essen und zu trinken kann ich nicht leben. Ich bin auch abhängig davon, gesund zu sein. Und ich meine körperlich, emotional und geistig gesund zu sein.

Ich brauche Menschen um mich, die mich respektieren, die sich für mich interessieren, wie der Säufer den Schluck. Ich brauche einen Ort zu Leben, an dem ich mich wohl fühle, wie der Junkie den Schuss. Ich brauche einen Sinn bei meiner Arbeit, einen Grund zu leben, genau wie der Raucher den nächsten Zug.

Es gibt aber auch Menschen, die davon abhängig sind, sich zu bewegen, immer schneller, immer weiter. Sie brauchen das Runnershigh, wie ich früher den Rotwein jeden Abend. Es gibt andere Menschen, die sind abhängig davon sich zu vergleichen, sich zu erheben über andere. So müssen besser sein, schneller sein, erfolgreicher, reicher, cooler sein oder auch einfach nur anders sein. Ohne den ständigen Vergleich zu ihren Gunsten, werden sie nervös, wie ich früher vor der nächsten Zigarette. Es gibt Menschen die tun alles, um ihre Macht zu behalten. Sie sind abhängig von ihrem Titel, ihrer Position, ihrem Einfluss, letztlich abhängig von ihrem Recht im Zweifel legal Gewalt ausüben zu dürfen. Sie müssen über anderer Menschen Zeit, Ort und Themen bestimmen dürfen, sonst verhungern sie, wie ich heute ohne zu essen. Es gibt andere Menschen die sind abhängig von Geld, sie müssen es besitzen, immer mehr und immer mehr. Sie wollen kaufen und konsumieren und der Welt zeigen, dass sie es zu etwas gebracht haben. Sie berauschen sich daran, wie ich früher bei einem Zug vom Joint.

Ich habe all das probiert. Ich kann es verstehen. Vieles ist verführerisch. Vieles ist möglich. Vieles ist positiv und manches aber nicht. Denn die Grenze zum Missbrauch ist schwammig. Ob von Stoffen oder von Verhalten ist immer eine Frage der Perspektive, eine Frage der Position. Ich kann mich nicht frei entscheiden, ob ich abhängig von Luft sein möchte oder nicht. Wenn ich leben will, muss ich Luft atmen und Mengen davon verbrauchen, die für kleine Katzen tödlich wären.

Wie wäre es wohl, wenn ich nicht süchtig wäre? Ich würde nicht existieren. Mich würde es nicht geben. Wir sind alle abhängig von etwas. Wir können nicht allein, autark, unabhängig leben. Wir sind eingebettet in ein Netz, in eine Welt von Abhängigkeiten, von Verbindungen und Bindungen, die uns letztlich erst erschaffen.

In der buddhistischen Psychologie gibt es eine Metapher vom giften Baum, mit der sich ganz gut illustrieren lässt, was ich hier mit Missbrauch meine. Wenn man in seiner Umgebung einen giftigen Baum entdeckt, dann ist die erste Reaktion meist, dass man ihm bekämpfen oder fällen möchte. Sie wie viele Menschen und Staaten auch, Süchte von Substanzen oder süchtiges Verhalten bekämpfen und vernichten möchten. Man fürchtet den Schaden, die Vergiftung und den Schmutz und will die Ursache, den Baum am liebsten aus der Welt entfernen.

Irgendwann merkt man vielleicht und hoffentlich, dass auch der giftige Baum einen Teil des Lebens darstellt und dazu gehört und man zäunt ihn ein, stellt Warnschilder auf und klärt auf, was passiert, wenn man von seinen Früchten nascht. Wir machen auch das zum Beispiel mit den Warnungen und Bildern auf Zigarettenschachteln. Die Sprache der Angst und des Kampfes wandelt sich. Es gibt mehr Verständnis und Respekt vor dem Leben.

Und vielleicht versteht man am Ende einmal, dass gerade Probleme und Gifte unsere besten Lehrer sind. Man sucht den vergiften Baum dann auf, um seine Früchte medizinisch zu nutzen. Man versucht damit aufzuklären und das Leiden zu heilen. Wir suchen die geheilten Süchtigen und lesen ihre Bücher, lassen uns berichten, was passiert ist, um daraus für uns zu lernen.

Irgendwann begreifen wir vielleicht, dass erst aus der Konfrontation mit unseren Abhängigkeiten, mit unseren Süchten und dem Missbrauch wirkliches Verstehen, also Einsicht und dann Unabhängigkeit möglich wird.

Wünsche Euch einen fantastischen Tag!

 

  1. Anonymous #

    Hallo Arne,

    hier ein interessanter wissenschaftlicher Beitrag der zu deinem letzten Artikel ber Sucht pat. Er beschreibt gut warum es so ist wie es ist und warum wir so ‚funktionieren wie wir sind. Viel Spa, Detlef

    Die moderne Hirnforschung hat nun etwas wesentlich tiefgreifendes nachgewiesen, und zwar, dass es bei lnger anhaltenden Gefhlszustnden zu einer Neuordnung der dafr zustndigen Nervenzellenverbindungen im Gehirn kommt.

    Das Gehirn baut sich also um und sendet andere Hormone und Neurotransmitter aus, so genannte Katecholamine; durch die permanente Ausschttung von Katecholaminen werden die Strukturen und die Funktionen von Organen verndert.

    Das heit, das Gehirn reagiert zum Beispiel auf unsere Sorgen und ngste, auf Glcksgefhle und Euphorie also auf alle unsere Gefhle und berzeugungen und bringt unseren Krper durch die Ausschttung von anderen, neuen Katecholaminen dazu, sich zu verndern. Wenn wir also beginnen, anders zu denken, zu fhlen oder wahrzunehmen, und zu neuen berzeugungen kommen, entsteht mit Hilfe unseres Gehirns eine andere, neue Wahrnehmung, so wie ein anderer Bauplan in unserem Krper, der sich exakt nach unseren neuen Vorstellungen ausrichtet. Gleichzeitig ziehen wir neue andere Ereignisse in unser Leben. Unser Leben kann sich also vollstndig ndern wenn wir es wollen.

    Modern brain research has now proven something very profound, that with prolonged emotional states, reorganization of nerve connections in the brain occurs. The brain constructs itself differently and sends other hormones and neurotransmitters, called catecholamines. By the permanent, varying release of catecholamines into the organs, their structures and functions change. That means, the brain reacts to our fears and anxieties, feelings of happiness and euphoria – all our feelings and beliefs – and transforms our bodies through the release of new catecholamines. If we begin to think, feel or perceive differently, and come to new beliefs, our brain creates a new belief system and different perception, as well as a new blueprint in our body that aligns exactly according to our new ideas. We also draw other, new events into our lives. Our lives can change completely – if we want.

    @E. Saugstad ** **

    ***************************** Detlef Radntz

    Aikidojo Berlin http://www.aikidojo-berlin.de

    phone: 0049 (0)162-2108556 0049 (0)30 6141652

    e-mail: detlef.raduentz@t-online.de

    *************************************

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    27. März 2013
  2. Andreas W. Tautz #

    Sich helfen, weil man anderen (MitMenschen) hilft.

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    27. März 2013

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