Wenn ich mich schäme…

Istanbul, 5:26 CET, Tag 539

Heute schäme ich mich für meinen Traum. So etwas darf ich einfach nicht träumen, ungehörig, falsch, gemein, ein wenig aufregend, etwas spannend, aber eben vor allem moralisch nicht in Ordnung.

Letzten Freitag sind wir zu viert mit in einander verknoteten Händen auf der Brust, extrem langsamen Schrittes, bei minus 10 Grad durch das Ferienhausdorf geh meditiert. 50min brauchten wir für eine Runde, für die man normal keine 10min brauchen würde.

Erst quiekten und lachten und tuschelten die beiden Kinder im Nachbarhaus hinter uns her: was machen die da? guck mal. gnhihiii.. Dann streiften uns die professionell desinteressiert starrenden Blicke der Servicekräfte, die von einem Haus zum nächsten auf ihre Golfkarts rollten. Dann ignorierten uns mit verwunderten Blicken bestimmt fünf Pärchen, die Händchen haltend zum Restaurant oder Spa liefen. Offen starrten uns die Fahrer und Beifahrerinnen der bestimmt sieben Autos an, die sich an uns vorbei drückten.

Ich musste jedes mal unwillkürlich lächeln. Ich schaute sie an, grüßte sogar leicht entwaffnend. Nein, wir machen nichts böses, wir sind nur voll schräg drauf. Wir laufen hier nur super extrem langsam, tief in uns versunken durch einen öffentlichen Raum. Mann, war mir das peinlich. Eine Frau versteckte ihr prustendes Lachen über unser komischlangsamen Gang sogar hinter ihrem Mann, als sie uns entgegenliefen.

Mich hat das an früher erinnert. Meinen ersten Liebeskummer. Wie peinlich das war, offensichtlich nicht mehr gemocht zu werden. Und das, nach dem man sich geküsst hatte! Sie wusste doch, wie ich mich angestellt habe und erzählt das jetzt bestimmt all ihren Freundinnen. Warum mag sie mich nicht mehr?

Oder als ich lernen sollte, komische Verrenkungen an der Reckstange zu machen. Keine Zeit allein zu üben, immer standen alle drum herum, der Lehrer erklärte. Einer von uns 20 konnte es natürlich auf Anhieb. Fünf wurden gar nicht erst gefragt und die 14 anderen machten sich zum Affen.

Und mich hat das wieder an das Gefühl vor meinen Vorträgen erinnert. Diese komische Angst zu versagen. Dass mich keiner versteht, dass ich ausgelacht werde, dass ich abfällige Blicke ernte, ausgebuht werde, mir die Stimme versagt, mir nicht mehr einfällt, was ich eigentlich sagen wollte.

All diese Dinge sind bei mir, in unserer Gesellschaft mit Scham besetzt. Wir glauben im Boden zu versinken. Wir entblößen uns, unsere Seele, wir werden erkannt, wie wir wirklich sind und dafür schämen wir uns (manchmal). Wir bedecken unsere Scham, kichern über FKK, wenn wir etwas dummes sagen, uns falsch anziehen, over oder underdressed sind, wenn wir verlieren, uns dumm anstellen, dann kommt so etwas wie Scham auf. Ein für mich schwer zu fassender Begriff, der mich zum Lächeln bringt.

Soll ich mit Fremdschämen weitermachen? Ihr kennt das vielleicht, wenn der Partner sich betrunken hat und rummlallt oder nicht mehr gehen kann, schämt ihr Euch dann? Wenn Euer Kind etwas nicht so gut kann auf dem Spielplatz, in der Schule, ist das nicht auch mit Scham besetzt?

Wo kommt das her, warum sitzt das so tief? Wer hat uns das beigebracht, uns zu schämen, uns in die Ecke zu stellen, wenn wir etwas nicht gut genug gemacht haben, wenn wir nicht gut genug sind? Können wir das überhaupt überwinden?

Meine Frau kennt keine Scham. Sie ist in einer anderen Kultur aufgewachsen, in der Türkei. Dort gibt es keine Scham, dort gibt es Ehre. Wem hier passiert, von dem ich oben schreibe, der läuft Gefahr, seine Ehre zu verlieren, entehrt zu werden. Sie versteht meine Schamgefühle einfach nicht. Wenn ich möchte, dass wir uns draussen vor Leuten zu benehmen haben, sagt sie mir: warum denn? Aber wenn ich anderen Frauen gestatte, mit mir zu flirten… holadiho! Selbst wenn ich mich zu neugierig umschaue, Interesse zeige, manchmal sogar, wenn ich mich bedanke, ist ihr Ruf, ihre Ehre in Gefahr. So benimmt sich kein Türke, Arne! Hast Du keine Ehre? Nein, die hab ich wirklich nicht. Zumindest nicht so viel, wie Scham.

Als wir letztes Jahr bei meiner Trainerausbildung über Lampenfieber sprachen, hatte unser Trainer Frank einen seltsamen Vorschlag: wer sich schämt auf der Bühne zu stehen, wer Versagensängste hat, sollte sich einfach komplett nackt ausziehen und vorne auf den Stuhl setzen. Die anderen würden instruiert sein, ihre abschätzenden Blicke über den gesamten Körper wandern zu lassen. Ganz langsam, von oben über die Mitte nach unten. Huuuuuuihhhh! Die Holzhammer Methode. Wer das überstanden hat, der verliere jegliche Scham, so seine These. Zum Glück für mich blieb er bei theoretischen Ausführungen.

Ich hab früher -im Rausche- Dinge getan, für dich ich mich nüchtern mehr als schämen würde. Ich verdrängte sie am liebsten mit dem nächsten Schlucke. Aber auch daran erinnerte ich mich, als uns Frank seine Holzhammer Methode gegen Lampenfieber vorstellte. Aber trotzdem wurde ich ruhiger. Stimmt, wer sich einmal bis auf die Knochen blamiert hat, dem fällt es später leichter. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. sagt der Volksmund wohl dazu.

Als ich letzten November meinen ersten wirklichen Blackout vor 40 Managern bei einem Vortrag hatte und mir die Hitze ins Gesicht stieg, mir der Atem stockte, ich stammelte und ich mich dann letztlich aufgab. Als ich mir eingestanden habe jetzt endlich, wirklich versagt zu haben, erkannt worden zu sein, als das was ich wirklich bin…

… in genau dem Moment nach diesem inneren Eingeständnis konnte ich weiter sprechen und meinen Vortrag beenden. In genau diesem Moment der größten Scham, bin ich ganz nah dran an mir. Dann bin ich offen, real und wirklich am Leben, danach befreit, erleichtert und beflügelt, fast euphorisch. Auch dieser Teil in mir, der da zutage kam, der ist nicht hässlich, der ist nicht klein. Der gehört dazu, der macht mich aus! Ohne diesen Teil, hätte ich keine Seele. Ohne diesen Teil, könnte man mich nicht lieben. Ohne diesen Teil, könnte ich mich nicht lieben. Jeder, bis auf Türken, haben das! 😉

Kurz vor dem Ende unserer Gehmeditation schwebte eine gelbe Mülltüte vom Hafen über die verschneite Wiese auf mich zu. Ich folgte ihr achtsam mit meinen Blicken. Ein Windzug trieb sie direkt auf mich zu. Ich konnte nach ihr greifen, so nah war sie. Sie blieb an der Birke neben uns hängen, flatterte im Wind. Als ich langsam auf sie zusteuerte, um sie in den Müll mit zu nehmen, frischte es wieder auf. Die nächste Böe liess sie hochsteigen in die Sonne und hinter den Häusern verschwinden.

Mit ihr verschwand meine Scham vor meinem Versagen. Das stellte ich mir vor. Und ich lächelte ganz anders, befreit und glücklich. Lasst uns unsere Schwächen, unsere Lücken, unsere Fehlern und unser Versagen, die dunkle Vergangenheit, den wunden Punkt akzeptieren. Lasst uns nicht in Scham versinken, wenn wir erkannt werden. Im Gegenzug erhalten wir das schönste Geschenk, was uns das Leben machen kann… probiert es aus!

 

2 thoughts on “Wenn ich mich schäme…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s