Zum Inhalt springen

Über meinen Autopiloten…

Istanbul, 6:38 CET, Tag 549

Heute Nacht habe ich einen Workshop auf einem Schiff ins Wasser fallen lassen. Weil ich mich mit jemandem allein unterhalten wollte, habe ich alle anderen rausgeschickt. Keine Chance. Es kamen ständig Leute rein: holten etwas, wollten vorbei, waren nur Gast, der Käpt’n, Touristen, Freunde. Alle wussten, dass ich allein sein wollte, alle störten die Ruhe, ignorierten den Wunsch und hatten doch für sich jeweils gute Gründe, die ich verstand und akzeptierte.

Will meinen Ärger, meine Wut, meinen Frust akzeptieren. Ich merke zu selten, dass diese Gefühle nicht angenehm sind. Steige drauf ein, springe an, starte, rede und meist kommt nichts Gutes bei raus.

Ein einfaches, unverfängliches Beispiel: gestern wollte ich den letzten Schritt der Freischaltung meines Telefons hier gehen. Dazu musste ich in einen Turkcell Laden. Vorgestern habe ich das schon versucht, aber derjenige der das konnte, war grad Essen. Es gab 5 andere in dem Laden, die keine Kunden waren und das nicht konnten. Ich drehte mich dankend um und ging. Gestern bin ich zurück zu dem Laden, in dem ich die SIM Karte gekauft hab. Zeigte stolz die Quittung über die bezahlte Gebühr. Der Typ sagte nur genervt, dass ich einen anderen Laden gehen müsse. Es war voll, er war zwischen zwei Gesprächen, viele wollten etwas von ihm. Ich kann gut verstehen, wenn man dann genervt und unfreundlich ist, vor allem wenn man Ausländer bedienen muss, die einfach nicht wissen und nicht begreifen, dass man nicht in dem Laden die Freischaltung beantragen kann, in dem man die Karte gekauft hat. Ja, ich bemerkte meinen Ärger. Wendete mich sofort ab, diskutierte und fragte nicht nach. Und sagte schon im Gehen wieder unfreundlich: Teşekkür ederim, bye, bye.

Als ich draussen auf der Strasse stand, dachte ich kurz: lass Dir doch davon nicht die Laune verderben. Aber ich brauchte ein paar Minuten des ruhigen Gehens, des Abstandes, ehe ich mich wieder beruhigt hatte, also ehe der Ärger über die Unfreundlichkeit nicht mehr meine Schrittgeschwindigkeit und meine Gedanken bestimmt hat.

So geht es mir sehr oft. Ich bemerke das in diesen Tagen ganz besonders. Irgend etwas löst in mir positive oder solch negativen Gefühle aus. Irgend was macht mich wütend, ärgert mich, verstimmt mich auch nur. Das passiert genau so oft, wie mich etwas erfreut, ich etwas bewundere, etwas schön finde oder das einfach mag.

Je mehr ich mir klar über meine Gefühle bin, die ich habe, ob ich sie nun haben will oder nicht, um so mehr wird mir klar, was mich auch antreibt.

Eben, als ich mir noch einen Kaffee gemacht hab, habe ich gesehen, was die Verbindung zu Scham, dem Thema von letzter Woche ist. Bei Menschen, denen man nahe steht, mit denen man lebt, die man meint zu kennen ist die Schwelle zur Scham ein ganz andere, als bei fremden Menschen, wie dieser Turkcell Angestellte von gestern.

Man glaubt, direkter und ehrlicher sein zu können, man erklärt sich vielleicht, man will den anderen vielleicht dazu bringen, sich doch zu kümmern. Und wenn ich das aus einem Impuls des Ärgers heraus mache, dann ist Streit oder zumindest eine leichte Eskalation mit einem gegenseitigen Übertragung des Unwohlfühlens das Ergebnis.

Zum Glück sind wir normalerweise im Autopiloten.

Wir merken überhaupt nichts davon, von dem ich hier oben geschrieben habe. Wir ärgern uns eben über den Typen. Wir vergessen es meist gleich wieder. Wir sehen, hören, riechen, denken an etwas anderes und schon gibt es ein neues Gefühl, von dem wir wieder nichts merken.

So fliegen wir, wie die Schmetterlinge von Blüte zu Blüte.

Wir haben unsere Routinen, mit denen wir halbwegs Ruhe in unseren Alltag bekommen. Wir kennen unsere Reaktionen auf unsere Routinen sehr gut. Wir fühlen uns wohl, wenn alles so ist, wie immer. Wir gehen lieber wieder zu dem Laden, in dem der freundliche Mitarbeiter bedient.

Wir stürzen uns in Abenteuer, verlassen genauso gerne unsere Routinen, um wieder mal „wirkliche“ Gefühle zu haben. Vielleicht machen wir dann eine Weltreise, wir laufen durch Istanbul, wollen den Job wechseln, mal wieder ein spannendes Projekt haben oder wir lesen einfach die News, sind mal ganz spontan. Einfach damit wir uns über etwas freuen, über etwas aufregen, über etwas glücklich oder unglücklich sein können.

Zum Glück sind wir normalerweise im Autopiloten.

Wir merken überhaupt nichts, von dem ich hier eben geschrieben habe. Wir sind eben glücklich. Dann vergessen wir es meist gleich wieder. Wir sehen, hören, riechen, denken an etwas anderes und schon gibt es eine neues Gefühl, welches unsere Handlungen bestimmt.

Ich bin ein zur Sucht neigender Mensch.

Gestern habe ich diese Sucht benutzt, um mich wieder aufzuraffen und mich zu bewegen. Ich mag das Spiel Ingress sehr, es motiviert mich zur Bewegung. Die paar Aufgaben, die paar Punkte kann man in dem Spiel nur sammeln und bekommen, wenn man sich zu den Orten hin bewegt. Um in dem Spiel also belohnt zu werden, muss ich mich bewegen.

So etwas zu verstehen, hilft mir, von meinem Autopiloten befreit zu werden.

Ich fühle mich erst dann wirklich frei, wenn ich verstehe, was mich antreibt, was mich motiviert, was mich anzieht und genauso, was mich zurück hält, was mich demotiviert, was mich abstösst.

Wenn ich das verstehen kann, wenn ich das beobachten kann, wenn ich die Konzentration und die Ruhe habe, meine Gefühle zu bemerken, meine daraus resultierenden Gedanken und Handlungen zu erkennen, dann steigt automatisch mein Freiheitsgrad. Dann erst habe ich die Chance, mir vorzunehmen, etwas zu ändern beim nächsten Mal, etwas neues zu probieren, mich weiter zu entwickeln.

Eben hab ich Wäsche aufgehangen. Dabei ist mir eingefallen, dass wir vielleicht versuchen, Umweltbewusst zu sein.

Ich schlage vor, vor allem unser Gefühlsbewusstsein zu entwickeln.

Statt einer Möve, einer Krähe, Taube oder eines Spatzes flog mir heute eine dicke Fliege vor die Linse. Wenn das kein Zeichen ist.

Wünsch Euch einen Sonntag voller Freiheit!

Bisher keine Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s