Der Job des Traktorfahrers…

Berlin, 7:20, Tag 551

Heute Nacht hat ein kleiner Traktor einen großen Anhänger an mir vorbei gezogen. Die Strasse ging bergab, fast überholte der Anhänger den Trecker auf der nassen Fahrbahn. Es gab zwei Gruppen von Menschen in meinem Traum, die Achtsamen und die Unachtsamen. Ich gehörte zu den Unachtsamen und litt sehr darunter. Ich sah die anderen und wurde neidisch. Ich wachte langsam um 4 auf und duselte und meditierte über zwei Stunden vor mich hin.

Die Flexibilisierung meiner Morgenroutine gefällt mir sehr, ich kriege kaum noch negative Gefühle, wenn ich mal länger liegen bleibe oder mal gleich aufstehe oder die Mädels mal vor mir wach sind und unterhalten werden wollen oder noch müde vor sich hin grummeln, wenn sie mich aufstehen hören.

In meinem Dorf starb einmal ein Traktorfahrer. Er schaltete an einem Abhang zu spät runter. Der schwere Anhänger schob von hinten. Der Traktor wurde schnell und schneller. Er konnte keinen Gang mehr in das unsynchronisierte Getriebe einlegen, um die Motorbremse zu nutzen. Alleine die Trommelbremsen des 52er Russen hielten die Tonnen des Anhängers nicht auf. Und der Abhang war auch zu steil für die Auflaufbremse des Anhängers. So nahm das Unheil seinen Lauf und der Trecker überschlug sich mit schrecklichen Folgen für den Fahrer.

Vorhin wollte ich über die Anziehungskraft von Vergangenem schreiben, mich beschäftigt das mehr und mehr in diesen Tagen. Bei manchen Menschen, Themen und Orten habe ich das Gefühl, dass sie zu einer alten, anderen Zeit gehören. Dass sie zu einem anderen Arne gehören. Manchmal denke ich mit Wehmut an die alte Zeit, also sehnsüchtig, festhaltend. Dann wieder erinnere ich mich an den Kampf und das Leid bei allem und fühle mich traurig, fast verbittert in meiner Ablehnung.

Wenn ich mich davon distanziere, also von mir und meiner Vergangenheit, wenn ich auf mich zurück blicke als eine dritte Person, dann kann ich die Lernerfahrungen sehen. Dann sehe ich, wie mich das alles geformt hat. Wie es gute und schlechte Zeiten gab, wie beides immer zusammen gehört.

Wenn ich mich davon distanziere, sind aber auch die Gefahren des Vergleichens und der Wertung am Größten. Ich schaue rückblickend gerne auf alle meine Fehler und Schwächen zurück. Genau wie ich den teilweise hohen Energieeinsatz erkennen kann, den ich manchmal investiert habe, um etwas Bestimmtes zu erreichen: Ziele, Erfolge, Projekte, Geld, Anerkennung.

Und genau an dieser Stelle fühle ich mich dann abgestossen und eine Trauer schwappt über mich hinweg, wie eine grosse Welle kühlen Wassers. Manche Menschen die ich kenne, können diese Trauer und innere Ablehnung erkennen.

Die meisten können (und wollen) das nicht erkennen. Sie vermuten dann vielleicht nur, dass ich sie nicht mehr leiden kann. Sie vermuten vielleicht weiter, dass ich plötzlich irgend etwas gegen sie habe. Das Schlimmste für mich daran ist, dass ich ahne, was ich tun muss, damit sie wieder denken, dass ich sie leiden kann. Ich müsste mich nur wie der alte Arne verhalten und schon gäbe diese Irritationen nicht.

Je mehr ich mein Leben selbst in die Hand nehme, je mehr ich mir selbst bewusst werde, um so mehr solcher Gedanken mache ich mir. Ich meine zu verstehen, warum ich diesen bestimmten Termin absage, diesen einen Artikel nicht schreibe, diese Telefonnummer nicht mehr so oft anrufe. Es scheint, als ob das einfach zu meiner Vergangenheit gehört und nicht zu meiner Zukunft. Ich hab das Gefühl, mich nicht zu entwickeln, nichts Neues zu erleben, wenn ich also meine Zeit, meine Energie, meine Ideen mit manchen Menschen, Themen und an den Orten verbringe.

Dabei fehlt mir oft noch ein klares Bild von meiner Zukunft. Mir ist oft nicht klar, wie ich sie möchte. Mir ist nur meine Ablehnung des Vergangenen, meine Trauer dabei bewusst.

Nun möchte ich lernen, wie ich besser darauf hören kann, was mich anzieht, was in mir positive Gefühle auslöst, was mich euphorisch werden lässt und woran das jeweils liegt. Diese neue Woche hier in Berlin ist eine gute Gelegenheit, das zu üben. Der Wechsel zwischen den Kulturen und die große Distanz zwischen Berlin und Istanbul helfen mir dabei.

Mir meiner Vergangenheit bewusst zu sein und mich gleichzeitig davon frei zu machen, das ist meine Aufgabe. Ich möchte die Vergangenheit als Schubkraft nutzen, ohne mich davon überholen -also bestimmen- zu lassen.

Sich vom Anhänger nicht überholen zu lassen, das ist der Job des Traktorfahrers.

2013-04-09 06.42.55-1

 

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