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Ich bin ein Glückskind…

Berlin, 7:59, Tag 564

Heute Nacht bin ich im Dolmuş zum Flughafen gefahren. Der Fahrer schaltete, ohne zu Kuppeln. Ich sah von hinten seine Füsse, die Pedale fehlten. Ich entdeckte die Pässe meiner Liebsten in meinem Rucksack. Wie können sie jetzt nachkommen? Tilo, ein Mitschüler aus alten Zeiten, war völlig betrunken. Ich wurde sanft geweckt.

Mein Tee duftet herrlich. Wir planen den Sommer. Der Himmel ist blau. Und ich bin nicht zufrieden. Ich spüre, wie vieles was ich mir vornehme, mich überfordert. Ich möchte etwas anderes sein, als ich grade bin: schlauer, erfolgreicher, strategischer, mitreissender, motivierender, fleissiger, genügsamer, glücklicher, fröhlicher, zufriedener.

Warum möchte ich etwas anderes sein, als ich gerade bin? Warum habe ich solche Ansprüche?

Ich wollte am Wochenende so viel schaffen. Am Samstag Morgen habe ich meine ToDo Liste sortiert und aufgefüllt und nichts davon geschafft. Es ist doch so wichtig, manches davon. Es war wohl nicht dran. Ich fühle mich schlecht. Kriege einen heissen Kopf vor Schlechtigkeit. Was war das? Warum musste ich am Samstag so weit laufen, ich wollte doch früh nur zum Tag der offenen Tür zur Bahnhofsmission, warum den ganzen Tag? Warum musste ich gestern statt zwei Stunden für ganze vier Stunden den Reiseführer für fremde Menschen spielen? Was zieht mich dort an, was hält mich hier ab? Ich verstehe es nicht.

Es kam der Gedanke: Wochenende ist Wochenende, da wird nicht gearbeitet. Die Anderen machen doch auch Blau. Montag reicht auch noch. Wenigstens sind mein Schreibtisch und die ToDo Liste aufgeräumt.

Es kam der Gedanke: so viele kriegen das nicht auf die Reihe, warum sollte ausgerechnet ich glücklich und zufrieden bei allem sein, was ich mache. Wenigstens hab ich was für meine Gesundheit getan und war an der frischen Luft.

Es kam der Gedanke: vielleicht bin ich im falschen Film, vielleicht habe ich mir das Falsche vorgenommen und ich muss alles umschmeissen, alles ändern, mit allem neu anfangen. Wenigstens hinterfrage und reflektiere ich, was ich tue.

Es kam der Gedanke: vielleicht hilft ein Neuanfang, vielleicht ist woanders alles besser, vielleicht sollte ich noch mehr wegwerfen, noch mehr sein lassen, um mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wenigstens habe ich meinen Sommer nun geplant.

Als ich gestern an der Mauer in der Bernauer Strasse stand und von meinem Vater und seiner LPG erzählte und meinem Leben im Osten, da fiel mir etwas auf. Wir sind nicht weggerannt, als viele in Ungarn einen Ausweg sahen. Nein, wir wollten, das was da ist besser machen und nicht davonlaufen. Wir sind auch nicht hingerannt, als sich die Mauer in Berlin öffnete. Nein, ich konnte meine 120 Kühe nicht erkranken und verhungern lassen. Es war immer schon so.

Auch heute will ich nicht losgehen, nicht wegrennen, nicht in der Fremde mein Glück versuchen. Meine Probleme und mein Glück gehören doch zusammen. Egal, wie weit ich laufe durch die Stadt, die Arbeit muss doch erledigt werden. Wir suchen doch so oft nach der Abkürzung, dem Enden allen Leidens, nach Geld ohne Arbeit, nach Glück ohne Leid. Deshalb, stehen wir am Lottoschalter an. Deshalb, verfallen wir denen, die uns den Himmel auf Erden versprechen. Deshalb wollen wir die Hoffnung nicht verlieren.

Nun ist es gleich um 9 und ich hab immer noch nichts von meiner Liste erledigt. So sehr vertraue ich darauf, dass schon alles gut wird. So sehr vertraue ich, dass alles einen Sinn hat. So sehr vertraue ich.

Ich bin ein Glückskind. Mein Tee duftet herrlich.

2013-04-22 06.03.00-2

Wünsch Euch einen schönen Start in den neuen Tag, in die neue Woche!

 

 

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