Nicht gesehen werden…

Berlin, 7:14, Tag 567

Heute Nacht habe ich einen Hubschrauber in einem Haus im Wald gejagt und am Heckrotor abgefangen. Dann ging es mit einer Katze weiter, das war schon schwerer. Dann telefonierte ich mit einem krebskranken Freund, wollte ihn trösten und spürte doch nur die Trauer des Loslassen müssens.

Dies könnte ein Post werden, vor dem ich Euch warnen möchte, meine Gedanken scheinen dunkel und schwer. Wer keine Lust hat, sich in den Strudel zu begeben, sich zu verbinden mit meiner dunklen Seite, der hat jetzt die Gelegenheit. Sagt nicht, ich habe Euch nicht gewarnt.

So, jetzt kann ich befreiter weiter schreiben.

Meine Zähne tun mir rechts oben weh und ich habe eine leichte Erkältung. Ich fühle mich von allem ausgenutzt. Und bin gereizt und noch leichter reizbar. Gestern schon war ich lieber still, statt meine Laune laufen zu lassen, zu zeigen, was ich wirklich denke. Ich ahne, dass dabei meine destruktive, dunkle Seite aktiv ist.

Eigentlich suche ich dringend Hilfe im Aussen. Jeder ist willkommen. Jedem kann ich meine Zähne in den Hals schlagen und anfangen das Blut, die Energie auszusaugen. Ich fühl mich grad leer gelaufen. Da ich das weiss, vermeide ich, kontrolliere ich mich, wende mich schnell ab, weiche aus. Zum Schutz der anderen, zu meinem scheinbaren Schutz.

Es gibt solche Phasen. Es geht vorbei, ich weiss das ja. Es ist nur kurz. Ein tiefes Eintauchen kann es schnell beenden, ein Ausweichen und Ignorieren leicht verlängern. Dabei gibt es keinen konkreten Anlass, keinen echten Grund, zumindest fällt mir keiner ein. Es gibt Situationen und Momente, des gerade nicht loslassen könnens, des festbeissens, des unbedingt dies, genau dies jetzt klären, haben, verstehen, vergessen, lösen wollens…

Die mich lange kennen, machen nun besser einen Bogen um mich. Was hat er jetzt wieder? Achso, seine übliche Phase. Vielleicht liegt es daran, dass ich zu viel gelaufen bin. Das Ding ist, niemand und nichts kann diese Stimmung beenden. Nur ich selbst kann mich da raus ziehen.

Ich spüre, es ist schon fast so weit, gleich vorbei. Mein Schreiben hier, das Eingestehen des Scheisse drauf seins, hilft dabei grad irgendwie. Es fliesst schon ab. Es fliesst schon wieder. Um die Stirn weht ein Lufthauch, die Kiefer lockert sich. Ich spüre, ich kann doch lächeln.

Bin immer noch nah dran, am Abgrund, am wahren Kern. Nah dran an den Themen, die man selbst nicht wahr haben möchte. Nah dran an den Eigenschaften, die man selbst nicht wahr haben möchte. Nah dran am Punkt der Entscheidung: weiter so und irgendwie sterben. Oder rein und durch und irgendwie woanders weiter…

Das Blinis ist eines der Gedankenfelder, bei dem ich manisch hängen bleibe. Heute bin ich aus Angst vor mir selbst-allein-zu-haus hier her. Bin weg gerannt vor meinem Büro hierher. Das erste Mal seit letztem Samstag. Na Fremder, sagte der Architekt eben zu mir, ein Scherz unter Stammgästen.

Ich reihe Gedanken und Sätze aneinander. Es schwirrt die Erkältung in meinem Kopf, grade puckert es rechts oben über der Augenbraue. Der Zahn zieht auch noch. Die Nase ist frei, wie meist beim Meditieren, auch beim Schreibmeditieren.

Heute morgen hab ich ein schönes TEDdirector Video gesehen über Tests zu unserer Arbeitsmotivation, etwas langatmig und etwas zu langsam für meinen Zustand. Ihr wisst, die Unruhe und Gereiztheit kann sich alles als Anlass nehmen, um sich aufzuregen und nach Energie, nach Aufladung zu schreien.

Es ging darum, wie neben der Bezahlung, auch die Bedeutung, das Machen, die Herausforderung, Verantwortung, Identität, Stolz, etc. für unsere Motivation verantwortlich ist. Es wird als der Ikea Effekt beschrieben. Wir lieben die Möbel mehr, bei deren Aufbau wir geschwitzt haben oder auf die wir lange warten mussten, als das schnell verfügbare, das Einfache, das Beliebige. Ariel stellt in dem Video mehrere Experimente vor, die diese Erfahrung bestätigen.

Er erzählt, dass in Bücher übers Bergsteigen nur von den Mühen, den Schmerzen, Frostbeulen und der übermenschlichen Anstrengung geschrieben steht. Alles für den Moment auf dem Gipfel. Alles nur um nach dem Abstieg, den nächsten Aufstieg zu planen. Er erzählt auch von dem Studenten, der zwei Wochen lang hochmotiviert an einer Präsentation für eine Fusion seiner Firma sass die am Tag der Fertigstellung abgesagt worden ist. Und der in eine tiefe Depression fiel. Er erzählt auch von Microsoft, die ein Forschungsprojekt einstellten und dabei die zweihundert Entwickler tief enttäuscht zurück liessen, weil sich niemand dafür interessierte, was sie geschaffen hatten. Diese Erfahrungen und Ahnungen verifizierte Ariel durch Verhaltensexperimente: ein einfaches gesehen werden, ein kurzes anerkennen dessen was ist reicht oft aus, um uns in der Spur und bei der Stange zu halten.

Sisyphos leidet, weil sein Stein und Berg, seine Aufgabe, als Ausdruck von Beliebigkeit interpretiert wird. Meditation hilft mir normalerweise, selbst in dieser Beliebigkeit einen Sinn zu erkennen, mich darüber zu erheben. Aber in diesen Tagen der dunklen Gedanken zweifle ich…

Vielleicht habe ich gar keine Erkältung, sondern nur Heuschnupfen. Vielleicht habe ich gar keine dunkle Phase, sondern… möchte nur mehr gesehen werden?

2013-04-25 06.08.41-1

Wünsch Euch einen hellen, sonnigen, luftig leichten Donnerstag… 😉

 

2 thoughts on “Nicht gesehen werden…

  1. Du bist immer Deine Gedanken und wenn Du das, was Dir Deine Träume Erzählen als Wahrheit annimmst, so hat das einen starken Einfluss auf Deinen Alltag. Die Lösung ist wie immer inner Distanz, Dich selber nicht mit Deinen Gedanken identifizieren. Deine Gedanken sind nich Du, sie sind ein Produkt Deines Unterbewusstsein. Du musst sie zur Kenntnis nehmen – mehr nicht – und wieder loslassen.
    Liebe Grüsse in den Tag zentao

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    1. danke dir, lieber zentao… deine worte berühren mich, treffen den punkt! das loslassen fällt mir manchmal schwerer, mal ist es leichter. mir selbst mehr zu vertrauen, darum geht es auch. dann geht das, was du mir rätst besser…

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