Eine eiskalte Seifenblasenshow…

Istanbul, 6:05 CET, Tag 570

Heute Nacht hat eine Ex versucht, mich wieder zu kriegen. Wir hatten eigentlich ein gutes, entspanntes Verhältnis bis ich die kleinen Hinweise bemerkte, wie sie auf Kontakt mit mir wartete. Ich kam in der WG an und bis zum nächsten Morgen übersah ich sie, hoffentlich verstand sie nun. Einmal sah ich, wie Säulen für einen Palast aus Bäumen, die horizontal in der Erde wuchsen, geschnitten wurden und ich wachte ruhig vor dem Wecker auf…

Eigentlich doch eine tolle Idee: Sonntag Mittag, trotz besten Wetters für eine Stunde eine Seifenblasenshow in den Trump Towsers um die Ecke hier, 10min zu Fuss weg? Klar, das machen wir…

Ich kannte das dritte Untergeschoss schon von einem Spaziergang vor einem halben Jahr. Die Türken haben in den neuen Einkaufszentren fast immer eine ganze Etage nur für Kinder gebaut, mit Stunden-Kindergarten, Kino und allen Geschäften für Kindersachen, Spielzeug, etc. Man könnte meinen, das sei Kinderfreundlich, ist es aber nicht: es ist doch nur Shoppingfreundlich.

Gestern also sind wir in die Bubbleshow dort. Unglaubliche 60 TL Eintritt pro Person, der erste Schock, aber wir konnten ja nicht wieder umdrehen. Das Theater, in dem das statt fand vielleicht zu einem Drittel gefüllt. Eine junge Dame, Amerikanerin mit noch schlechterem türkisch als ich, macht alleine auf der Bühne Seifenblasen. Das konnte sie ganz gut, die Tricks und die Effekte funktionierten alle ganz wunderbar. Und es gab ein paar tolle Effekte und Überraschungen incl. einer wirklich gut gemachten Lasershow gegen Ende.

 

Das was mich aber erschreckt hat, war das unverholene Marketing mit und auf Kosten der Kinder. Für drei Tricks mit riesigen Seifenblasen wurden insgesamt 6 Kinder auf die Bühne geholt, die in quälend langen Minuten aus dem Publikum ausgesucht wurden, ein schönes Lächeln sei das entscheidende Kriterium, sagte die Dame.

Die Kinder wurden hoch geholt, in Ganzkörperseifenblasen gesteckt, am Ende bekamen Sie ein in Plastik verpacktes Seifenblasenspielzeug: diese Geschenkübergabe wurde als Teil der Show auf der Bühne zelebriert, schön viel Aufmerksamkeit, Beifall und Scherzen und vorherigem Fragen nach Name und Alter, damit es auch jeder mitbekam, wie toll das alles ist.

Von den vielleicht 100 Kindern im Theater waren nun 94 frustriert, dass sie nicht ausgewählt wurden, auf die Bühne konnten und ein Geschenk bekamen. Das ganze passierte drei mal hintereinander, damit es auch wirklich jedes Kind mitbekam und verstand, was hier passierte.

Nach einer halben Stunde gab es eine Pause in der ich bemerkte, was ich beim Reingehen übersehen hatte: die Tische voller in Plastik verpacktes Seifenblasenspielzeug und eine Fotoecke, bei der man sich für erneute Zahlung von 25 TL in einer Seifenblase fotografieren lassen konnte, was exakt dem auf der Bühne eben 3-fach gezeigten und mit Applaus und Geschenk belohnten Vorführung entsprach.

Ihr könnt Euch vorstellen, wie einige der 96 frustrierten, nicht ausgewählten Kinder ihre Eltern malträtierten um ein wenig auszugleichen, dass sie eben nicht ausgewählt worden sind, obwohl sie doch ein so tolles Lächeln hatten und es so sehr wollten.

So perfekt, so perfide und so offensichtlich hatte ich eine amerikanische Marketingmaschine noch nicht erlebt.

Es ging nicht im geringsten um die Kinder oder um das Erlebnis. Die gesamte Veranstaltung war wie eine Maschine, die nur darauf ausgerichtet ist, jedem möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Alle die dort mitarbeiteten, ahnten das. Ich sah es ihren gelangweilten Gesichtern an. Selbst der 21-jährige Amerikanerin mit ihrem perfekten Lächeln, entglitt selbiges ab und zu und ich sah, dass es nur ihre Maske war, die Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit versteckte. 

Sie verkaufen ihre Zeit, ihren Körper und ihre Seele und machten das nicht aus Liebe oder Leidenschaft, sondern weil sie den Job und das Geld brauchen und die Macher der Show damit reich, sehr reich werden.

Es ging nicht darum, dass wir eine tolle Zeit hatten. Es ging den Machern darum, möglichst viel zu verdienen. Es ging nicht, um die Kunst zu fragen, um den Austausch, das Geben und Nehmen zwischen Künstler und Publikum. Hier wurden nur die Kinder manipuliert, damit der Umsatz stimmt.

Abends dann, nachdem alle schon im Bett waren, habe ich noch ein wenig in den TED Talks gestöbert und das zweite Video war das hier, von Amanda Palmer, über die Kunst zu fragen. Das passt wieder mal so unglaublich:

Die Macher der Gazillion Bubbleshow beherrschen die Kunst zu Fragen eindeutig nicht (mehr)! Oder besser mit Amanda Palmers Worten: Sie haben die Frage beantwortet, wie sie Menschen zu bringen, für die Show zu bezahlen, statt es den Menschen nur zu zeigen!

I think people have been obsessed with the wrong question, which is, „How do we make people pay for music?“ What if we started asking, „How do we let people pay for music?“ ~Amanda Palmer at TED2013

 

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