Verschleierte Klarheit…

Istanbul, 6:09 CET, Tag 572

Heute Nacht bin ich ganz locker mit dem Fahrrad über eine Bierbank gefahren und habe anerkennende Blicke hinter mir gespürt.Eigentlich wollte ich einparken am Mehringdamm. Wir hatten zwei kleine vollgestellte Zimmer und ein Bad frei in unserer Wohnung. Ich habe mich an Stehtischen betrunken und beobachtete die Wirkung. Ich wachte weit vor dem Wecker auf, aber ich blieb liegen.

Jetzt wird es langsam kritisch. Am Tag der Arbeit. Ich habe das Gefühl, mein Leben driftet in eine neue Richtung. Ich weiss nur nicht, in welche. Mein Selbstbewusstsein schwankt wie ein Baum im Wind. Meine Intuition scheint mich zu täuschen. Ich will dran bleiben, weiter machen. Ich trickse mich selbst aus, finde Gründe, warum anderes wichtiger ist, warum alles ok ist, warum alles richtig ist, nur damit ich nicht weiter machen brauche.

Die Klarheit kann ich weiter verschleiern. Welche Klarheit denn, als ob man das jemals wüsste. Mein Umfeld, mein Netzwerk, meine kommunikatorischen Fähigkeiten, alles war schon mal besser. Ich kriege dann Angst. Es ist genau diese Angst, die einen manchmal früh ganz zeitig wach werden lässt. Man weiss eigentlich, was zu tun ist. Man weiss eigentlich, was gut für einen ist. Man weiss eigentlich, was man nicht mehr möchte. Und man kann es nicht. Man kriegt es nicht hin. Man trickst sich weiter aus, nachdem man aufgestanden ist.

Man verschleiert weiter, wenn man erst mal wieder am Schreibtisch sitzt. Man begründet sich sein Weitermachen mit irgend einer passenden Erinnerung. Man ruft die Jasager an und lässt sich die Erinnerung bestätigen. Man weicht den Neinsagern aus und vermeidet so die Konfrontation mit Alternativen. Und vor allem hofft man, dass -wenn man nur diesen Tag übersteht und man Morgen früh ausgeschlafen ist- dann, ja dann alles ganz anders aussieht. Man hofft, dass wenn man nur lange genug wartet, einen schon die Muse mit der Lösung küssen wird.

Auch kann man schön lange im Draussen nach Gründen suchen. Ich fang dann an zu laufen, ist ja auch gesund. Auch fang ich an, zu entwickeln, zu basteln, um zu bauen. Hauptsache etwas tun, dessen Ergebnis und Konsequenzen man sofort spüren kann. Vielleicht koche ich uns heute Abend was Schönes.

Eben wollte ich aus allen man in den letzten beiden Abschnitten ein ich machen. Es ist nicht man, es bin ich, um den es hier geht.

Im Rückblick sehe ich all die vertanen Chancen, die verpassten Gelegenheiten, die versteckten Sollbruchstellen. Ich denke zurück an die vielen Meetings, an die unzähligen Gespräche und hunderte eMails, in denen ich es versucht habe und es gekonnt hätte.

Dann habe ich das starke Gefühl, noch mehr selbst machen zu müssen, mit mehr Klarheit, mit noch mehr Entschlossenheit. Es rollt an wie eine Welle. Ich muss es einfach tun, es gibt keinen Weg dran vorbei. Was würde ich denn tun, wenn ich völlig frei in all meinen Entscheidungen wäre. Was würde ich tun, wenn ich völlig frei von dem Verantwortungsgefühl für andere wäre? Was würde ich tun, wenn ich keine Ausreden mehr hätte?

Warum tue ich es nicht, was hält mich zurück? Warum denke ich, dass ich noch genug Zeit habe, um abwarten zu können?

2013-05-01 06.37.23-1

Wünsch Euch einen klaren ersten Tag im Mai!

 

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