Über Motivation, Möglichkeiten und Auslöser…

Noch Istanbul, 5:54 CET, Tag 577

Heute Nacht schön, dramatisch, intensiv geträumt und beim Aufwachen noch ein paar Zipfelchen davon zu fassen bekommen und beschlossen, sie dem Vergessen zu überlassen.

Gestern habe ich mich für meine Familie entschieden. Und nun fühlt sich ein Teil schrecklich in mir. Wir haben hier eine Situation, die ich nicht näher beschreiben möchte. Vielleicht schaffe ich es, mal drüber zu sprechen, aktuell ist das so ein Schamthema: darüber spricht man nicht, das erzählt man niemandem, das braucht keiner zu wissen. Selbst das hier zu erwähnen ist eigentlich schon viel zu viel. Ich sollte es einfach ignorieren und es gar nicht erst erwähnen. Einen fröhlichen Pausenpost schreiben oder zu einer kleinen Notlüge greifen und es ganz geschickt umschiffen oder noch besser, Euch etwas anderes verkaufen. Beliebt ist auch, meiner Begeisterung für irgend ein anderes Thema freien Lauf zu lassen und über neue Tools, Games oder Apps zu schreiben.

Ouch, er jetzt schon wieder, werdet ihr vielleicht denken. Soll mich doch nicht mit solchen Sachen belästigen. Aber genau diese Einstellung -des lieber nicht Hinschauens- bei mir selbst, die meine ich!

Ich habe mich also entschieden, dass ich mich um meine Familie kümmern möchte, dass sie meine Anwesenheit braucht. Eigentlich wäre ich jetzt schon auf dem Weg nach München, um dort auf einem Podium über die Motivation von Forschern zu sprechen und mit welchen Anreizen, diese ihre Ideen offenlegen und teilen sollen. Meine Präsentation ist fertig. Nun fühle ich mich etwas traurig, dass ich meine Thesen nicht dort vertreten kann, nicht diskutieren kann, dass ich nicht die Gelegenheit habe, damit in Interaktion mit anderen zu treten. Dazu kommen Wellen der Scham des Versagens und die Ahnung, vielleicht, eigentlich ganz sicher, jemand anders enttäuscht zu haben.

Mit einer Krankheit wäre es einfacher. Es ist gesellschaftlich akzeptierter, sich krank zu melden, als zu sagen: meine Familie braucht mich heute. Ich habe mich entschieden, die Prioritäten sind klar, ich sehe und trage die Konsequenzen meines Handelns, meiner so kurzfristigen Absage. Es kostet mich wahrscheinlich einige oder gar viele Beziehungspunkte. Meine Reputation, mein Ruf ist in Gefahr. Oje! Auf der anderen Seite fühle, ahne und weiss ich, dass es sehr wichtig war, hier zu bleiben, mich zu kümmern, über meine Prioritäten nicht nur zu reden und zu schreiben, sondern auch danach zu handeln.

Mein Ruf, meine Reputation ist mein Kapital, es sorgt für meinen Lebensunterhalt, ermöglicht Zusammenarbeit, Aufbau und es macht irgendwie Sinn, darauf zu achten. So wurde es mir beigebracht. So funktioniert unsere Gesellschaft.

Mir fällt ein, dass meine Unzuverlässigkeit schon immer der Knopf war, mit dem ich einfach zu manipulieren bin. Ein enger Freund und langjähriger, väterlicher Ratgeber verbreitete zum Ende unserer geschäftlichen Beziehung über mich, dass man ja bei mir nie so genau wüsste, wann ich mich entscheide, Teppichhändler in Istanbul zu werden. Mit ein paar Jahren Abstand habe ich das als Kompliment betrachten können.

Dann habe ich mich heute Morgen sitzmeditierend an den cholerischen Herrn H. erinnert. Ich bin zuverlässig wie ein Uhrwerk, drei Tage die Woche zwei lange Stunden von Berlin nach Hannover mit dem Zug gefahren. Nur um mir genau um 7 Uhr anhören zu dürfen, wie unzuverlässig ich sei. Danach bekam ich als Gelegenheit zur Wiedergutmachung neue unschaffbare Aufgaben in meine Kladde diktiert und damit gab es am nächsten Morgen wieder genug Futter für den nächsten cholerischen Anfall.

Das habe ich wochenlang, ja monatelang mit mir machen lassen, bis ich eine Fluchtmöglichkeit entdeckt habe. Ich habe jemanden eingestellt für den Job, der nur eine halbe Stunde Zug fahren musste und bin selbst in Berlin geblieben. Wir haben das Projekt nur zwei Jahre später komplett an die IBM verloren, aber dafür einen neuen Grosskunden in Berlin gewonnen, den wir heute noch haben.

Nun fliege ich also mit meiner Familie heute nach Berlin, statt gestern allein oder mit ihnen nach München zu fliegen. Es ging wirklich nicht anders, ich habe alles versucht, es gab keine Flüge, keine andere Möglichkeit. Ich habe ein Versprechen, eine Zusage brechen müssen, daran führt kein Weg vorbei.

Ich glaube, nun habe ich euch ausreichend das Dilemma beschrieben, in das ich mich manövriert habe. Es löst sich durch das Aufschreiben hier wieder etwas die Spannung. Es wird mir klarer, dass ich zu meinen Entscheidungen einfach stehen kann und muss und sie nicht begründen brauche. Ich erforsche aber einfach zu gerne diese oft unbewusst ablaufenden Mechanismen, die mich antreiben, die mich beeinflussen.

Und genau das, war ja auch eigentlich das Thema meiner Podiumssession: wie motiviert man Forscher, ihre Ideen (im Patentsystem) zu veröffentlichen?

Mein Ansatz ist, dass wir uns erstens über unsere Glaubenssätze definieren, dann ist Offenheit nur in angstfreien Umgebungen möglich und wir müssen uns Handlungsoptionen schaffen, uns entscheiden und Veränderungen aktiv annehmen. Technologische Veränderungen, erzeugen öknomischen und sozialen Wandel (oder umgekehrt).

Die Treiber: Soziales Anwendungsdesign, kontext-sensible Datenstrukturen und spielerische Elemente unterstützen die intrinsische Motivation von Menschen, in immer mehr Systeme auf ihren Smartphones, Tablets und Desktops immer mehr von sich preis zu geben, ihre Ideen, Wünsche, Träume.

Die Arbeitsergebnisse werden heute eben nicht nur in den x angesehen Magazinen veröffentlicht, es gibt jetzt auch noch tausende Plattformen im Netz, auf denen man das auch machen könnte und in den Massen genau das tun. Und so gibt es eben auch das (alte) Patentsystem, in dem man seit Jahrhunderten seine Ideen schützen kann, indem man sie mit der Öffentlichkeit teilt. Genauer, man ein zeitlich befristetes, gewerbliches Alleinverwertungsrecht im Gegenzug für die Veröffentlichung der Erfindung im Patent.

Hier habe ich heute morgen einen interessanten Artikel gefunden, den ich sofort als Bestätigung und Vertiefung meiner Thesen anführen wollte. Es geht um Forschungen von Dr. BJ Fogg am Persuasive Technology Lab der Stanford Universität. Dort wird gezeigt, das die Anreize für ein bestimmtes Verhalten von drei Faktoren bestimmt werden: 1. Motivation, 2. Möglichkeit und 3. Anlass.

Wir brauchen Motivation, also irgendeinen Anreiz, um zu Verhalten zu verändern. Unsere Motivation, so Dr. Fogg, wird aus drei gegensätzlichen Paaren erzeugt: einmal zwischen Lustgewinn und Schmerzvermeidung, dann schwanken wir zwischen Hoffnung und Angst und drittens streben wir nach sozialer Anerkennung und wollen Ablehnung vermeiden. Wir können diesen Motivationspaaren viele unserer Handlungen zuordnen. Einige der Paare habe ich oben schon beschrieben. Ich hab weiteren Schmerz für mich und meine Familie vermeiden wollen und deshalb soziale Ablehnung in Kauf genommen. Dazu hat die Hoffnung über meine Angst gewonnen, so dass ich statt dem ursprünglichen Plan zu folgen, eine Änderung herbei geführt habe, in dem ich abgesagt habe.

Aber wir brauchen auch einfache Möglichkeiten, um zu handeln. Wenn es zu schwer, zu aufwendig, zu Energie intensiv ist, machen wir es eben nicht. Würde die Konferenz in Istanbul oder Berlin stattfinden, wäre es viel einfacher für mich. Ich könnte eine zweistündige Abwesenheit viel einfacher organisieren. Ich wäre trotzdem in der Nähe meiner Familie. Wenn ich aber 8h zu Anreise und weitere 8h zur Abreise brauche, ich deshalb eine Übernachtung einplanen und somit für einen einstündigen Podiumsauftritt, etwa 2 Tage Abwesenheit investieren muss, stimmt die Bilanz aktuell nicht. Der Preis war zu hoch. Zwar bin ich hoch motiviert, sehe aber keine einfache Möglichkeit.

Das dritte ist ein Anlass, einen konkreten Auslöser für unser Handeln, so etwas wie ein Zündfunke. Dies ist die Ursache für die vielen Mailings, die Kataloge und Newsletter, die uns täglich ins Haus oder in den Postkorb flattern. Die Absender versuchen, Auslöser zu schaffen, die uns zum Handeln bringen. Dies könnte auch sein, dass wir den Newsletter in den Papierkorb schieben. Im Kaufhaus erinnern wir uns später daran, dass wir von Firma A schon etwas gehört haben (und sei es nur beim Wegschmeissen) und von Firma B eben noch nicht, das beeinflusst unser Handeln, unsere Kaufentscheidungen. Aus diesem Grund rechnen sich diese ganzen Mailingaktionen eben doch für die Hersteller und Händler. Aber einen konkreten Anlass (hot trigger) meiner Entscheidung, heute einen No-Show abzuliefern gab es nicht, eher eine Kaskade an Auslösern (cold trigger) in Gesprächen und den Gedanken und Gefühlen dabei in den letzten Tagen.

Irgendwie hab ich grad das Gefühl, in einem früheren Leben Verhaltenspsycholgie studiert zu haben. Vielleicht mach ich das sogar noch, wenn ich in Rente bin.

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Wünsch Euch einen nicht ganz so nachdenklichen Start in die neue Woche!

 

5 thoughts on “Über Motivation, Möglichkeiten und Auslöser…

  1. Ich musste bei Deinem Text an folgenden Buchabschnitt denken (Sigge ist der kleine Sohn der Ich-Erzählerin, Johann der Ehemann):

    „Man muss arbeiten“, versuchte ich und hörte selbst wie hohl es klang. „Warum denn?“, fragte Sigge, und ich wusste plötzlich, dass ich keine Antwort hatte. Irgendwie wurde es dadurch noch deutlicher, dass niemand einen zwingt. Dass es eine eigene, selbstständige Entscheidung ist. Aber das konnte ich Sigge nicht sagen. Dass Johann in Växjö sein wollte. Es ist so hoffnungslos, wenn man daran denkt, dass es immer tausend Gründe gibt, nicht gleichberechtigte Entscheidungen zu treffen. Wir brauchen das Geld. Nein, brauchen wir nicht, wir haben auch so genug. Wir brauchen uns gegenseitig, und dein Kind braucht dich! (…) Es war lächerlich einfach. Wir brauchten Zeit miteinander, alle drei. Nach einem anstrengenden Jahr mit Ehekrise, in dem wir, statt innezuhalten und nachzudenken, einfach weitergearbeitet hatten. Und dabei immer gereizter und müder geworden waren. (Maria Sveland: Bitterfotze)

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