Über meine grossartige Fähigkeit, mich selbst perfekt zu veräppeln…

Berlin, 6:35, Tag 584

Heute Nacht hab ich wieder so toll geträumt, dass ich mir morgen wieder -ganz bestimmt- Notizen mache. Der Himmel ist klar und wolkenlos heute morgen. Es ist etwas kälter als in den vergangenen Tagen. Ja stimmt: 4° zeigt mir das iPhone.

Vorhin bei der Morgenmeditation kam das Thema Selbstsabotage hoch. Eigentlich ein Thema, wie gemacht für Montage. Eigentlich ein schweres, eher depressives Thema, bei dem eine eigentlich ganz praktische Selbstreflexion, schnell in Jammerei kippen kann. Eigentlich ein Thema, bei dem man das ursächliche Energiedefizit schon beim Lesen spüren kann. Eigentlich hat man dann gar keine Lust mehr, weiter zu lesen.

Sabotage ist die dunkle Seite der Reflexion. Man erkennt seine Muster. Ich bin zum Beispiel der Überzeugung, dass ich vor allem nach Abschieden erst mal allein sein muss. Ich stell das Telefon dann lautlos, ignoriere sogar den Muttertag und daddel vor mich hin. Am liebsten habe ich dann Buch, Zeitschrift, Fernseher und Laptop in Benutzung, abwechselnd immer zwei gleichzeitig. Den Titel Selbstsabotage bekommt solch ein Verhalten von mir deshalb, weil es wohl grade passt. Weil ich mich grad nicht so super finde und das deshalb so nenne. Andere machen sich da sicher keinen Kopp drum und sagen einfach: ich brauchte mal ein wenig Ruhe, ich hatte einen super erholsamen Sonntag, endlich mal wieder in Ruhe: lesen, fernsehen, daddeln.

Es ist wohl wieder die Intention, die den alles entscheidenden Unterschied macht. Reflektion deckt die unbewussten, verborgenen Motive auf. Holt sie aus der dunklen Tiefe an die helle Oberfläche, an der wir ihrer erst gewahr werden. Mir gefällt mindesten in der Hälfte der Fälle meine Intention nicht. Ich spüre, dass sie eher negativ ist, dass es ein Ausweichen, ein Nicht Hinschauen, ein Erkennen-aber-noch-nicht-Handeln dahinter steckt. Aber Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Das Erkennen solcher Muster ermöglicht Entwicklung, Veränderung.

Eine einfache Lösung aus solchen Gedanken, eine Hilfe bei solchen Entscheidungen, ein Ausweg aus diesen Wertungen ist bei mir immer wieder eine winzige Entscheidungshilfe: verdiene ich es nicht besser? Das habe ich mal bei Yes or No von Spencer Johnson gelesen und fiel mir grade wieder ein. Allein die Erinnerung daran verhindert meine schlimmsten, früheren Selbstsabotageprogramme seit Jahren erfolgreich. Es ist wie beim Arzt, der sagt: es gibt gar keine gesunden Menschen, sondern nur nicht ausreichend diagnostizierte.

Es gibt eine andere Komponente: ich mache oft Zusagen zu Verabredungen ohne mir wirklich Gedanken zu machen, einfach weil es so ist. Wenn die Verabredung dann näher kommt, merke ich, dass ich keine Kraft, Energie, Lust auf den Termin habe. Und neben dem Saboteur gibt es noch so etwas wie den Revoluzzer in mir. Der benutzt oft die Verabredung mit anderen mir oft nahe stehenden Menschen dazu, gerade in diesem Moment die Weltrevolution auszurufen: ab heute wird alles anders, ich hab grad gar keine Zeit, denn ich selbst bin viel zu wichtig:

Denn ich muss doch unbedingt noch dies oder jenes machen, ganz dringend. Weil dann, wenn ich das gemacht habe, dann wird alles anders und besser werden. Ich muss endlich auch mal an mich denken und nicht immer nur für andere da sein! Also, nur noch dieses eine letzte Mal noch faulenzen, das habe ich mir doch verdient. Nur noch in letztes Mal noch nichts tun, die letzte Woche war doch wirklich anstrengend. Wann soll ich denn sonst das Buch fertig lesen? Und bestimmt versteht das jeder, der mich nur ein wenig kennt. Am Montag bin ich dann wieder fit und nur für Euch da!

Wobei ich grade bemerke, dass der Revoluzzer eher ein Anarchist ist, also jemand der gerne mal Regeln bricht, um sich zu vergewissern, dass die Beziehungen das doch wohl aushält. Und wenn nicht, dann kann es ja mit der Freundschaft nicht ganz so weit her gewesen sein. Aber seit mir diese Abläufe, Mechanismen klarer und bewusster werden, verlieren sie ihre Kraft und Macht über mich. Ich lächele dann manchmal über meine grossartige Fähigkeit, mich selbst perfekt zu veräppeln. Und dann starte ich eine positive Routine, eine von der ich weiss, dass sie positive Wirkung hat.

Zum Beispiel, atme ich dann einfach mal ganz bewusst tief ein und aus. Oder ich mach einen kleinen Spaziergang, bei dem ich meine Schritte zähle und sonst nichts. Oder ich räume auf, sortiere mich, meine Zettel, meine Todos, meine Mails, meine Fotos, also mich. Ich fang tatsächlich an, mich aufzuräumen, abzustauben, eine Inventur zu machen. und dann passiert etwas ganz wunderbares:

Die negative Stimmung, die Idee von Selbstsabotage verschwindet und selbst der Revoluzzer scheint zufrieden mit den täglichen kleinen Wundern, die um mich und mit mir passieren.

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Wünsch Euch einen wundervollen, achtsamen Start in die neue Woche…

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