Beneidenswert das Leben scheint…

Silivri, 4:40 CET, Tag 596

Heute Nacht habe ich Erfolg gehabt, bin aufgestanden, hab mit Menschen gesprochen und in einem Hotelzimmer gesessen, hab mich wieder hingelegt. Ich grabe frühere Träume aus, in meinem Bemühen mich zu erinnern.

Tagebuchbloggen als Psychohygiene, zum Aufräumen für Klarheit. Das unerbittliche Fenster in meine Seele, für jeden sichtbar. Heute trübe Scheiben, kein Durchblick, bähh. Dann gute Laune, Optimismus, mhh. Mit meiner abgrundtiefen Ehrlichkeit ist es nicht weit her. Das macht das Schreiben so problematisch. Ich arbeite an Themen, die ich nicht hier veröffentlichen will. Warum nur?

Eine Elster auf dem Terassentisch sucht nach BlingBling oder Futter oder beidem. Die Katze unterm Tisch findet den erinnerten Geruch an gegrilltes Fleisch wärmend kuschelig. Der Igel ward nicht mehr gesehen. So ist es gut.

Beneidenswert mein Leben sei. An drei Orten zu Hause. Nirgendwo richtig. Zwischen den Kulturen unverstanden. So allein, dass ich hier viel schreibe. So allein, dass ich hier nichts schreibe. Bilder machend, um sich später zu erinnern.

Seit einer Woche fühle ich Veränderungen in meinem Leben vor. Immer, wenn sich dramatisches verändert -Beziehungen zu mir und anderen- dann werde ich krank. Ich verliere meinen Rhythmus. Es gibt Aussetzer. Hektisches Nachholen. Ich habe halbe Kraft für Drittes und Anderes.

Drei junge Schwalben üben zum ersten Mal übers Meer zu fliegen. Wie aufgeregt sie mit den Flügeln schlagen, sobald es unter ihnen rauscht und sich bewegt. Sie steigen viel zu hoch, um noch eine Mücke zu erwischen. Aus Angst nass zu werden und dann zu sterben? Laut erzählend sitzt die Mama auf einer Stange und blickt sich dabei hektisch um. Im Herbst werden sie fit sein für die grosse Reise.

Nun ist die Sonne aufgegangen. Sie wärmt mir den Rücken. Der Mond ist im Meer verschwunden. Es ist halb sieben und alles noch so friedlich. Kein Mensch zu sehen. Der frühe Morgen gehört den Vögeln allein, bin nur Zuschauer.

Beneidenswert doch jedes Leben scheint. Wie kommt das Wasser in das Meer? Die vielen Elemente flüssig verbunden, das pralle Leben. Wie kann ich davor sitzen, es anschauen, darüber nachdenken, darüber schreiben, es fotografieren und ihr könnt es dann lesen, anschauen, nachdenken, wo immer ihr auch seid?

Beneidenswert das Leben scheint. Im Vergleich erstickt das Glück.

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2 thoughts on “Beneidenswert das Leben scheint…

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