Negativ motiviert…

Istanbul, 5:53 CET, Tag 598

Heute Nacht hab ich einen langweiligen B-Movie geträumt und beim Aufwachen beschlossen, es einfach dem Zufall zu überlassen, ob ich mich jetzt noch an einzelne Szene erinnere: mein Name war komisch lang und vorne fehlten ein paar Buchstaben.

Oje, gestern habe ich spontan mein Wochenende verlängert und nun habe ich ein schlechtes Gewissen. Es treibt mich an, heute besonders ordentlich, effektiv, produktiv und motiviert zu sein. Tsss, wie schräg ich oft funktioniere…

Hab schon meine 20min meditiert, gleich nach dem Aufstehen. Und doch noch mal ganz klein wenig Zeitung gelesen. Dann 5km um‘ Block gerannt, weil ja am Freitag die Teamstaffel ist und ich wieder etwas Gefühl für Geschwindigkeit und Dauer brauche, damit ich möglichst weit unter 25min komme.

Heute wollte ich eigentlich wieder einen Pausenpost schreiben. Ich bin ja so stark negativ motiviert und wollte deshalb mehr Zeit zum „arbeiten“ haben.

Ein Gedanke stellte dann fest, dass Pause für mich eine negative Wertung enthält. Gestern war Pause. Nicht gut!

Heute dann ein Pausenpost im Blog. Auch nicht gut! Als ob ein Tag mehr frei oder „Ein Traum und ein Bild“-Pausenpost etwas Negatives, etwas Schlechtes sei. Tsss, wie schräg ich doch funktioniere…

Komplett ehrlich sollte ich sein und am Ende bin ich frei. Allein schon, dass ich andere Menschen anlüge und es Höflichkeit nenne, macht mich zu einem ‚mich windenden Wurm‘.

Ja, das ist klar. Ich überfliege die Texte und stimme zu. Aber wie kann man komplett ehrlich noch an der Gesellschaft teilnehmen? Wie soll man denn seine Ziele erreichen? Was passiert wirklich, wenn man jedem immer ehrlich sagt, was man von ihm denkt? Was ist denn nun mit Höflichkeit?

Ich glaube, es gibt Grenzen der Ehrlichkeit.

Ich verletze oft  Gefühle anderer Menschen mit meinen Wertungen ihrer Person, ihrer Leistungen, Ihren Stärken und Schwächen. So lautet das Feedback. Das kostet einfach Beziehungspunkte, sagte mir mal Frank bei einem Seminar. Die muss man sich vorher oder nachher wieder verdienen, wenn man die Kommunikation aufrecht erhalten möchte.

All diese und noch viel mehr Ausreden fürs Nicht Ehrlich Sein sind tief eingebaut in unsere Gesellschaft und in unsere Persönlichkeiten, seit langer Zeit, seit frühester Kindheit.

Die Kommunikation zwischen Menschen wird erst durch unterschiedliche Gefühle, Sichtweisen, Erfahrungen und durch die unterschiedlichen Werte interessant. Klar, dass man sie leicht verletzen kann. Unweigerlich. Denn sie sind nicht und niemals gleich!

Aber es gibt eben auch eine Ehrlichkeit, die dem Kontext, dem Moment unangemessen ist.

Ich muss nicht jedem Menschen meine ehrliche Meinung über ihn aufdrängen. Lieber mal ruhig sein. Mal nichts sagen. Einfach lächeln, einfach atmen und weiter gehen, sich nicht einfangen lassen.

Wenn ich zu jemanden ehrlich bin, mit der Intention ihn zu verletzten, herabzusetzen, mich über ihn zu stellen, dann bin ich nicht frei. Wenn ich zu jemandem ehrlich bin, um mir mein Sein, meine Leistung, meine Identität von ihm bestätigen zu lassen, um mein Ego zu füttern, nur dann bin ich ein armer Wurm.

Je mehr ich hier am Laptop sitze, je mehr ich einfach mache, schaffe, schreibe, lese, mich organisiere, für mich sorge, um so schwächer wird die negative Motivation, um so mehr spüre ich die Kraft, die im Machen liegt. Um so mehr spüre ich das kleine Glück des einfach Tuns. Um so mehr spüre ich die Lebenskraft in mir.

Ich glaube, dass beide: James und Meike das genau so meinen. Wer sich selbst gut kennt, wer bei sich ist, wer sich nicht verbiegt, wer einfach macht, wer achtsam ist, derjenige braucht andere nicht zu manipulieren, der braucht nicht höflich sein, er braucht nicht zu versuchen, ehrlich zu sein. Er ist es einfach.

Wenn ich nicht endlich kapiere, dass es noch andere Optionen gibt. Das negative Motivation nur ein Weg ist, für den ich mich aktiv entscheide. Wenn ich nicht endlich verstehe, kann ich da nie raus finden.

Eine negative Sicht auf mich selbst, auf meine gestriges, angebliches Nichtstun, die Abwertung meines Lebens ist die Ursache für viel Stress und Leid. Diese negative Sichtweise begünstigt und verursacht erst die Lügen. Am Anfang steht immer eine Lüge sich selbst gegenüber… ein sich nicht so annehmen können und wollen. Und diesen Konflikt kann nur jeder selbst beenden!

OK, der Post wird nicht besser, je länger ich ihn hier bearbeite! Ich drück jetzt senden!

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Mit diesem schönen kleinen Selbstbetrug zum Schluss, wünsche ich Euch einen grossartigen, positiv-motivierten Dienstag!

 

2 thoughts on “Negativ motiviert…

  1. Nein, ich meine es anders. Ich bin durchaus für Höflichkeit, ich definiere sie nur anders. Für mich ist das Unhöflichste, was ich einem Menschen mitgeben kann, die Lüge.
    Ehrlich zu sein, aufrichtig, ist für mich auch eine Frage des Respekts vor meinem Gegenüber. Wenn er mich fragt „Wie habe ich das gemacht?“, dann hat er ein Recht darauf, meine ehrliche Meinung zu erfahren und nicht von mir verarscht zu werden. Ihm in dem Punkt nicht die Wahrheit zu sagen, heißt, ihn für dumm zu verkaufen, und das finde ich ziemlich unhöflich.

    Höflichkeit und Ehrlichkeit schließen sich doch nicht aus. Ganz im Gegenteil. Ich kann jemandem ganz höflich, ja, sogar liebevoll die Wahrheit sagen.

    Nebeneffekt dieses Nicht-Ehrlich-Seins übrigens: es macht die Welt nicht zu einem besseren Ort. Es füllt sie nur mit Leuten, die sich für supertolle Hechte halten, weil ihnen nie jemand gesagt hat, dass ihre Leistung noch nicht gut genug ist und sie besser werden müssen.

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    1. Ja, ich glaub, ich verstehe dich! Irgendwie wollte ich ja über „mein negativ ist positiv“ schreiben, was vielleicht auch ein viel schönerer Titel gewesen wäre.

      Denn höflich und liebevoll die (deine) Wahrheit zu sagen, kann trotzdem respektlos und verletzend beim anderen ankommen. Jedenfalls passiert mir das ständig. Information entsteht immer beim Empfänger, ist dann eine meiner beliebten Ausreden. Aber mal die Klappe zu halten und den Kontext mit einbeziehen, kann das nicht auch eine höfliche Lüge sein?

      F „Wie hab ich das gemacht?“
      A1 Unter diesen Umständen, unter Beachtung deiner Voraussetzungen: super.
      A2 Aber im Vergleich zu meinen Erwartungen ans Ergebnis: besch…eiden.

      Ob etwas ehrlich oder nicht ist, hängt doch von vielen Faktoren ab. Perspektiven-, Positionswechsel oder manchmal auch Zeit lassen Lügen zu Wahrheit und umgekehrt werden. Mit dualem Denken (Lüge und Wahrheit, Gut und Schlecht, etc.) kommt man hier vielleicht nicht weiter.

      Das mit den supertollen Hechten, das ist für mich wie mit anderen hilfsbedürftigen Menschen, Projekten und Themen auch. Weil ich nicht allen helfen, nicht alles heilen und lösen, nicht allen die Wahrheit ins Gesicht brüllen kann, fühle ich immer wieder „I’m wrecked“.

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